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Heinrich Steinfest: Batmans Schönheit

Chengs letzter Fall.
München, Zürich: Piper 2010.
272 S.; brosch.; Eur 9,20 [A].
ISBN: 978-3-492-25764-0.

Link zur Leseprobe

Markus Cheng hat endlich seine Bestimmung gefunden. Die, findet er, liegt nicht in der Arbeit als Wiener Privatdetektiv und den so absurden wie unerfreulichen Rätseln, vor die ihn sein Autor Heinrich Steinfest mittlerweile schon drei Mal gestellt hat, sondern – zuhause. Er hat sich auf einen "Planeten reiner Privatheit" zurückgezogen: Seine bezaubernde Gattin Ginette verdient die Brötchen, während sich die ebenso bezaubernde Stieftochter Lena vom stets gutmütigen Stiefpapa herumchauffieren, die Einkäufe zahlen und das Gepäck tragen lässt. Richtig idyllisch ist es also in "Batmans Schönheit" um Cheng bestellt.

Andernorts geht es dafür umso weniger nett zu: Der erfolglose Künstler Red, der eigentlich Ernest Hemingway heißt (nicht verwandt, reiner Zufall), tauscht in Hamburg die hehren Ideale des brotlosen Künstlers gegen eine Karriere auf der dunklen Seite der Macht: Er wird der persönliche Assistent Palle Swedenborgs, eines Unterweltbosses, dem der schönste Satz im Buch gehört: "Es liegen alle richtig, die in einer Reihe liegen – wie auf diesen Soldatenfriedhöfen." Red kann eigentlich nichts passieren, solange er sich nur aus der Schusslinie heraushält. Das gilt – unausgesprochen, aber die unausgesprochenen Gesetze haben's eben manchmal in sich – auch für Swedenborgs Ehebett. Als ihm letzteres einmal nicht gelingt, wird er auf eine kleine Strafexpedition geschickt.

Die führt prompt nach Wien, wo bald eine mysteriöse Mordserie beginnt: Eine Reihe von Schauspielern wird angeschossen und zum Ausbluten liegen gelassen. Und gleich tun sich mehrere Rätsel auf: Was ist bei all dem Reds Aufgabe in Wien, was steckt hinter den Morden? Und was hat das ganze mit Markus Cheng zu tun? Wie kommt ausgerechnet Red dazu, Stieftöchterchen Lenas Leben zu retten? Führt ein Weg in Chengs dunkle Vergangenheit, zu einer alten Flamme?

Die Inhaltsangabe eines Steinfest-Romans mit solch bedeutungsschwangeren Fragezeichen ausklingen zu lassen, ist natürlich vollkommen unangebracht. Denn eigentlich gibt es ja diese stillschweigende Übereinkunft zwischen Autor und Leser; da spielen Kausalität und Plausibilität eine Rolle, ein Anfang und ein Ende und vielleicht so etwas wie eine Botschaft in der Mitte. Heinrich Steinfest ist das aber egal. Natürlich werden einige der Fragen beantwortet, ganz besonders originell sogar; was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Antworten schlimmer sind als die Fragen.

Warum es zum Beispiel nur Schauspieler erwischt, ist so banal wie böse: Der Erzähler – ganz Demiurg – hat was gegen ihre Zunft. Dass Red Red heißt, ist nur deshalb so, weil er damit farblich ganz gut zu dem vielen Blut und allerhand anderem rotem Dekor passt. Oder die Sache mit der pazifischen Insel, die sich plötzlich mitten in Wien findet. Steinfest verwendet das Schicksal seiner Figuren wie eh und je als Sprungbrett für die himmelschreiendsten Exkurse über Gott und die Welt, über moderne Malerei, Ostereier und Döbling ("Döbling ist okay, sagte Cheng, wie man sagt: Bis die Sonne explodiert, sind wir alle längst tot.")

Und unter all den Anspielungen, mit denen Steinfest seine Romane spickt, blinzelt einem recht aufschlussreich Bukowski entgegen, in Form eines roten Spatzen nämlich. Der ist im Spätwerk "Pulp" der mysteriöse, traumartige Fetisch, hinter dem Bukowski seinen ahnungslosen Privatdetektiv Nick Belane herjagen lässt. Mit Belanes sinnlosem Tod findet ein ebenso sinnloser Roman sein Ende, den Bukowski tatsächlich dem "schlechten Schreiben" gewidmet hat und in dem er eine abstruse Schundromanidee nach der anderen (Detektive, Aliens, der leibhaftige, durchaus attraktive Tod etc.) abwickelt – und dann abwürgt. So macht Steinfest das hier auch, nur dass er dem Leser noch eine kleine, sadistische Lektion in Sachen verweigerte Wunscherfüllung mit auf den Weg gibt.

Wenn dann innerhalb dieses letzten Cheng-Romans plötzlich die früheren Romane der Cheng-Reihe auftauchen, hat keiner mehr genug Kraft, sich darüber noch zu wundern, nicht einmal Cheng selbst. "Ich bin das lebende Beispiel, wie wenig Literatur und Wirklichkeit miteinander zu tun haben", meint er nur. Ungeniert legt Steinfest hier also nahe, dass auch der Leser Teil seiner Geschichte ist, nicht realer als Red oder Lena. Stecken wir vielleicht alle in einem Roman, geschrieben von einem verspielten Bösewicht? Wem da nicht das ontologische Grauen in die Knochen fährt, wer da nicht vor Freude weiche Knie bekommt: Der hat kein Herz.

(Warum das Ganze "Batmans Schönheit" heißt, nebenbei? Weil ein schönes Urzeitkrebschen namens Batman vorkommt, ganz einfach.)

Bernhard Oberreither
6. Oktober 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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