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Laudatio auf Alois Hotschnig von Katja Lange-Müller

...UND MEINEM ZUSTAND VERSUCHTE ICH MICH DURCH BEOBACHTUG ZU ENTZIEHEN...

"Der ist ja wohl nicht ganz dicht", sagt man in der Stadt, aus der ich komme, wenn einer kaum noch das Wasser halten kann oder unter Ideenflucht leidet, also oft weinen muss oder eine schwache Blase hat oder verrückt zu sein scheint, "verwahnt", wie er das nennt in Leonardos Hände, unser diesjähriger Erich-Fried-Preisträger, auf den, soweit ich weiß, nichts davon zutrifft; Alois Hotschnig ist dicht - und Dichter. Ich möchte sogar behaupten, er wird dichter mit jedem weiteren Text. Deshalb fällt es mir, und keinesfalls mir allein, ja immer wieder so schwer, abzuwarten, bis Alois Hotschnig - etwa alle fünf, sechs Jahre - einen neuen Band fertig hat. Ich, seine Leserin, brauche so viel Zeit nicht, aber wenn ich dann endlich den jeweils jüngsten Hotschnig vor Augen habe, wird mir - Wort für Wort, Satz um Satz - klarer, was mir eh schon klar war: dass er sie brauchte, diese ganze lange Zeit, weil derart konzentrierte Texte eben nicht Resultate eines womöglich von Kaffe und Rotwein katalysierten Schaffensrausches, eines Anfalls von Schreibwut, einer unerhörten Fabulierlust sind. Unser Preisträger hat sich, wiewohl ihm die erwähnten Zustände nicht gänzlich fremd sein dürften, nun aber dem Prinzip des kompakten Extrakts verschrieben, das ich jetzt einmal an einem Motiv aus dem Märchen vom tapferen Schneiderlein messe: Der Riese, dem das Schneiderlein auf seinem Weg in die Welt begegnet, drückt, um dem furchtlosen Meister der Nadel seine Stärke zu demonstrieren, vor dessen Augen einen Stein zusammen, bis alles Wasser aus dem Stein geronnen ist. Auch Hotschnigs Texte enthalten, wenn er sich erst einmal dazu durchgerungen hat, sie beim Verlag abzugeben, keine Feuchtigkeit mehr, nicht einen Tropfen Überflüssiges. Damit ein Stück Literatur derart "wasserdicht" wird und dennoch nicht erstarrt in eisiger Makellosigkeit, sind Zeit, Distanz, Musikalität, Wortwissen und Zweifel vonnöten, Zweifel an allem jemals Gehörten, Zweifel an der Treffgenauigkeit der vertrauten Begriffe, Zweifel an der eingeübten Wort- und Wirklichkeitswahrnehmung, Zweifel an der eigenen Sprach- und Erkenntnisfähigkeit. Das Tollkühne, aber, falls der sein Leben nicht mit der Arbeit an ein- und demselben Text verbringen will, einzig ihm Mögliche, besteht für den Dichter darin, einen Roman, eine Erzählung oder sonst ein literarisches Gebilde einmal doch für fertig zu erklären, obwohl er natürlich auch bezweifelt, dass ein Text jemals so fertig sein kann, wie dessen Autor es ist, wenn er alles gegeben und sich von jedem nicht zwingend nötigen Wort getrennt hat.
Nein, bei Hotschnig habe ich nie das Gefühl, er schreibe aus Muße oder um Frauen zu beeindrucken oder um einfach mal wieder Dampf abzulassen. Jede seiner Zeilen, jedes Wort und jedes Satzzeichen beweisen mir, dass sich seine Schreibenergie aus dem Bedürfnis speist, unser so bewegtes, mitunter auch bewegendes Sein ergründen zu wollen. Hotschnigs Protagonisten stellen die existenziellen Fragen, nicht wie Lehrer oder wie klassische Denker, eher wie Literaturkommissare die Verdächtigen; und verdächtig war, ist, bleibt jeder, immer. Was geschieht, wenn ein Opfer wie der Bauernsohn Kofler in der Erzählung "Aus" sein Kreuz abwirft? Gewinnt es dann Souveränität, gar moralische Souveränität, oder dreht es den Spieß schlicht um? Kann ein Opfer, das nicht bloß aufbegehrt, sondern tatsächlich die Rolle oder die Seite wechselt, etwas anderes werden, als auch wieder bloß ein Täter? Und was heißt das schon: Opfer? Ergreift ein solches noch das Wort? Redet es von seinem Elend? Hat ein rechtes Opfer nicht tot zu sein oder zumindest sprachlos? Und was oder wer ist ein Täter? Womöglich einfach nur einer, der etwas tut? Wäre mit "Täter" stets ein selbstsüchtiger, erbarmungsloser, grausame Untaten begehender Mensch gemeint, hieße man den dann nicht treffender einen Untäter? Und: Sind sie nicht eins, Opfer und Täter? Ein untrennbares Amalgam? Sind sie in "Aus" nicht Kofler, das Prinzip? Warum sonst hat der Ich-Erzähler keinen Rufnamen, nur einen (vor)namenlosen Ruf und allemal einen schlechten, den des männlichen Zweigs seiner Familie. Nicht so verstrickt, nicht ambivalent und zwiespältig ist hingegen Frau Kofler. Das wird besonders deutlich auf den Seiten 40 bis 43, in denen es um diese nach dem letzten gescheiterten Versuch der Selbsttötung in die Obhut von Mann und Sohn entlassene Mutter geht, die ja vor ihrer Ehe nicht Kofler geheißen haben kann. Wie sparsam, klar und scharf abgegrenzt von den beiden anderen Koflers fasst Alois Hotschnig ihre Scham, ihre Not mit der Notdurft, ihr hilfloses Ausgeliefertsein an den eigenen, nicht mehr beherrschbaren Körper - und an den Mann, dessen Macht sie sich entziehen wollte, der nun aber auch noch die Macht hat, seine Gattin, seinen "Besitz", zu Tode zu pflegen.
Sonst schon hin und wieder, doch beim Hotschnig-Lesen nie, komme ich auf die Idee, ich könnte dies oder das anders, womöglich besser ausdrücken. Mich ausdrücken zu wollen wie mein hochgeschätzter Kollege, das gliche, denke ich, dem Wunsch, der Stein in der Hand des Riesen zu sein. Und wenn ich tatsächlich versuchte, es zu versuchen, fühlte ich mich wohl eher wie der Käse in der Hand des Schneiderleins.
Das, was Hotschnig im Roman, etwa in Ludwigs Zimmer, vollbringt, würde ich gerne magisch nennen wollen, wenn es, ja, wenn es nicht gemacht wäre, sehr bewusst, sehr konzentriert, sogar diszipliniert. Mit ein paar Worten wird, wie in der Musik, ein Thema angeschlagen, das dann in Verbindung mit anderen, dem Text eingeschriebenen Themen variiert, ergänzt, erweitert und manchmal wieder auf die ursprüngliche Begriffsgruppe reduziert wird. Es sind kleine, meist recht vage, doch bedeutungs- wenn nicht unheilschwangere Wortzellhaufen: "man wird sehen ..., des steht fest ..., glauben Sie mir ..., und dann doch ..., von vorn herein ..., nicht, nie ..." So entsteht, erstaunlicherweise aus nichts als Wörtern und den Assoziationen, die sie bei uns Lesern auslösen, ein großes, technisch und - da mal wieder Wasser im Spiel ist - auch motivisch dem Aquarell verwandtes Bild, das erst zu "trocknen" beginnt, wenn der letzte Satz geschrieben, beziehungsweise gelesen ist. Der Stil und die Schreibdramaturgie, die dies Bild aus Bildern hervorbringen, leben von der Sprache und von deren Klang, aber nicht vom blinden Vertrauen in die Wörter, die ja allesamt Metaphern sind. Aus diesen dialektischen Komponenten entwickelt sich der vom Komma oder österreichisch vom Beistrich strukturierte, an gesprochener Sprache orientierte Rhythmus, der diese jedoch nicht pseudorealistisch nachahmt, sondern zu einer eigenen, dem Ich-Erzähler Kurt Weber eigenen, wird. Es ist, zumeist, eine innere, eine Gedankensprache, ein stummes Selbstgespräch, das auch mit Gehörtem und Erlebtem, mit toten und untoten Menschen, oder wohl eher Gestalten, hadert - und mit Visionen nicht minder. Alles, Gehörtes und Unerhörtes, Gesehenes und Unsichtbares, Anwesendes und Abwesendes, Geträumtes, Halluziniertes, Interpretiertes, ist gleichberechtigt Bestandteil der Wahrnehmung, obwohl gerade dieses Wort in seiner schwammigen Bedeutung bei keinem zweifelhafter ist als bei Alois Hotschnig. Ausdrücke und Eindrücke, Farben, Helligkeiten und Dunkelheiten, Landschaft und sonstiges Leben, das Wort Realität kann ich in unserem Zusammenhang nicht gebrauchen, sind Teile des Hier-Seins und des Daseins. Anders gesagt: Was geschieht, das bestimmt - auf seine unbestimmte, also forschende Art - der Ich-Erzähler. Doch das, was geschehen war und geschehen ist, das gehört zur wirklichen Welt, zu jenem Teil von allem, der sich der physischen und mentalen Anwesenheit des Ich-Erzählers entzieht; es ist Geschichte, Vergangenheit, Gewesenes, das - Kurt Weber erfuhr und erfährt es am eigenen Leibe - trotzdem nie gewesen, also vorbei ist, und nicht vergangen. Das Vergehen, ja, das gibt es in Ludwigs Zimmer und allemal in des Wortes zweifacher Bedeutung, die Vergangenheit, im Sinne von etwas Abgeschlossenem, für immer Zurückliegendem, die gibt es nicht. Mit geschickten, ja listigen Kippsätzen, die man wieder und wieder liest, ohne ihnen auf die Schliche zu kommen, leitet Hotschnig jene Momente ein, in denen die äußere Welt seiner Protagonisten mit deren innerer Welt verschmilzt, Tatsächliches mit Erlebtem, Gewesenes mit Seiendem, der Nachttraum mit dem Tagtraum, mit einer oder seiner fragwürdigen oder sogar surrealen Wirklichkeit. Es sind diese Momente, während derer Hotschnigs Erzähler nicht wissen, ob das, was ihnen geschieht, tatsächlich geschieht, die bewirken, dass ich ihnen nahe komme als wäre ihre phantastische Furcht auch meine. "Ich wachte auf, es war Tag, und es regnete nicht wie in den Träumen zuvor ..."
ICH, heißt es, sei ein anderer? Wieso nur einer? Warum nicht zehn andere, hunderte, tausende? Ist ICH nicht immer - mehr oder weniger - multipel, etwas Zusammen- und dann wieder Auseinanderlaufendes, etwas, das sich sucht in den Augen, Worten, Taten, Untaten, den Müßig-, Drauf- und Abgängen der übrigen ANDEREN, etwas, das auf amöbenhafte Weise veränderlich ist, Erbmasse mit einer durchlässigen Hülle drum herum? Ist der Menschenkörper, speziell der Menschenkopf, nicht eine Art Gefäß, in dem ICH, oder was man dafür hält, sich sammelt wie eine Flüssigkeit, wie Wasser voll von Mikroorganismen, Leichenpartikeln, chemischen und sonstigen Rückständen, das für eine Weile zusammen- und dann wieder davonfließt, willkürlich, in diese oder jene Richtung? ICH ist nichts Bestimmtes, nichts Festes, schon gar nicht etwas Bleibendes, bestenfalls ist es, siehe Hotschnig, eine Erfindung der Literatur.

"Eine Osmose ist eine einseitig behinderte Diffusion." Diesen Satz habe ich einmal im Physikunterricht gelernt. Ich frage mich, warum mir, wiewohl ich an Physik nie sonderlich interessiert war, gerade dieser Satz so nachhaltig in Erinnerung geblieben oder ob er mir erst beim Hotschnig-Lesen wieder eingefallen ist. Denn - mit Ausnahme des Erzählers der Insektengeschichte - sind die sechs Ich-Erzähler und die zwei auktorialen Erzähler in dem Band Die Kinder beruhigte das nicht allesamt osmotisch bis diffus, also veränderlich, erweitert, von einseitig behinderter oder schrankenloser Durchlässigkeit. Wie Physiker, Biologen, Mediziner beobachten sie und sind, ob sie dies nun wahrhaben wollen oder nicht, im Unterschied zu den genannten Wissenschaftlern, doch zugleich und von vorn herein Teil des Beobachteten. Sie beobachten - mal überrumpelt, mal forschend, mal paranoid - und werden ihrerseits beobachtet. Oder sie wähnen sich unter Beobachtung, sind sich dessen jedoch nicht sicher. Und sie beobachten sich selbst während sie beobachten und werden anders dabei, so anders, dass sie schließlich andere sind, und manches, was sie beobachten, verändert sich auch. Oder doch nicht? Sie können bald nicht mehr trennen zwischen sich, den Beobachtern, und ihrem jeweiligen, von ihnen scharf beobachteten Umfeld, das in Bewegung ist, so, wie sie in Bewegung sind.

Einer, der namenlose Ich-Erzähler der seltsam betitelten Geschichte "Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei", interessierte sich für seine Nachbarn, weil die nichts taten als auf Liegen liegen, und er, der Interessierte, tat auch bald nichts mehr, außer dass er seine Nachbarn dabei beobachtete, wie sie nichts taten - oder fast nichts. Dieses "fast" ist es, das auch unser Leserinteresse wach hält. Denn einmal, während der Beobachter Besuch hatte, hatten auch die Nachbarn Besuch, und sein Nachbar stieg mit einem Straßenbesen die Stegtreppe hinunter in den See "und kehrte unter Wasser den Grund und stieg aus dem Wasser heraus und ging weg und war eine Zeit lang verschwunden und kam mit einem Rechen zurück, mit dem stieg er ins Wasser und bürstete damit das Schilf, vorsichtig und mit Bedacht, liebevoll, und zupfte zurecht, was der Wind durcheinander gebracht haben mochte." Der Ich-Erzähler verstand weder was die Nachbarn da taten noch, dass sie nichts taten, er verstand auch seine Obsession nicht, wusste aber immerhin, das es eine war, dass er "längst selber dort mit ihnen lag, auf dem Steg", und dass er "durch vorgeschützte Geschäftigkeit" (Protokoll führen, ihnen Lebensläufe erfinden, sie fotografieren) "und durch die zugemutete Nähe zu diesen Menschen" seinem "eigenen Leben auszuweichen versuchte." Doch diese Erkenntnis brachte wenig. Und dass der Ich-Erzähler seine Nachbarn zu imitieren begann, auch das zerstörte nicht die Faszination, die von diesen faulen, ja langweiligen Menschen unbegreiflicherweise ausging - mehr und mehr; bis er in seiner Besessenheit den Vormieter aufsuchte, der so froh gewesen war, wegzukommen, und die Möglichkeit, diesen Ort zu verlassen, auch unserem Beobachter vage in Aussicht stellt. Der erwog nun tatsächlich die Flucht, doch zuvor wolle er noch ergründen, was ihn so an seine Nachbarn fesselte, und darum watete er eines nachts am Schilfsaum entlang, auf deren Steg zu, und geriet dabei derart hochnotpeinlich in Schlick und Schleim, dass er anschließend für eine Weile "geheilt" war von der "Sucht, in die Haut" seiner "Nachbarn zu kriechen. Doch in den Träumen schwamm" er "täglich zu ihnen hinüber. Nach einer solchen Nacht" entdeckte der Ich-Erzähler auf seinem Steg den Vormieter. "Dort saß er jetzt auf meinem Platz, und ich sah ihm zu, vom Haus aus, das ich bald nicht mehr verließ, und ließ ihn nicht aus den Augen und sah, wie er zu ihnen hinüberstarrte, um sie dort ins Wasser starren zu sehen, und sah zu den beiden hinüber, jeden Tag, jede Nacht, immer, bis jetzt."
Erst dies Wörtchen, dieses "jetzt", offenbart den wahren Umfang des Verhängnisses, die ganze geballte, unabweisliche Macht des Beobachtens - von was oder wem auch immer: Die Macht, die der See über die Nachbarn hat, und jene, welche die Nachbarn haben über ihre Nachbarn, über den amtierenden und nun auch wieder über den ehemaligen. Eins geworden mit den Nachbarn und dem Vormieter, der - seit seinem Rückfall - ja auch aufs Neue eins mit ihnen ist, gibt es für den Ich-Erzähler kein Entkommen; das, Hotschnig sei Dank, gibt es nur für die Leser.
In der Erzählung "Eine Tür geht auf und fällt dann zu", die jenen Satz enthält, der dem Band den Titel gibt, war einer, ein gewisser Karl, unterwegs, wieder zu Nachbarn, aber nicht zu seinen, sondern zu ihren. Und diesmal war sie die Namenlose, eine nicht mehr junge Frau, die behauptete, sie habe Töchter, und doch lebte sie allein in einer großen, verwinkelten Wohnung voller Puppen, ihren Kindern, wie sie sagte. Diese Frau konfrontierte ihren Besucher, den Ich-Erzähler Karl, der sich zunächst für einen zufälligen hielt, mit einer Puppe, die auch Karl hieß und ihm, dem menschlichen Karl, sehr ähnlich sah, "wie ähnlich, erkannte ich jetzt, nachdem mich die Frau darauf aufmerksam gemacht hatte", ... und diese Ähnlichkeit "schien sich noch zu verstärken, je öfter und genauer ich hinsah." Die Puppenmutter behauptete, Karl, die Puppe, warte - "seit damals, als Sie sich abgewandt haben." - "Damals lief er mir zu. Er kann Ihnen das doch nicht sagen, diesmal noch nicht." Und Karl, der Mensch, sah Karl, der Puppe, "in die Augen" und erinnerte sich daran, wie seine Mutter ihn "als Kind mit dem Namen" seines "Bruders angeredet hatte, wenn sie aufgeregt war oder wenn sie" ihn "strafen wollte. Diese Erinnerung empfand" er "so stark, als hätte er "sie gerade zum ersten Mal erlebt." Eine Weile hatte der Erzähler geglaubt, er sei bloß immer wieder zu der Frau gekommen, weil die ihm Leid getan habe in ihrer nur von Puppen bevölkerten Einsamkeit, doch dann spürte er, dass er sich etwas davon versprach, ..." Er konnte an nichts anderes denken, als an diese Frau und daran, "wie sie wohl in diesem Moment inmitten ihrer Puppen in ihrem Haus sitzen mochte mit Karl auf dem Schoß", von dem er "nicht wusste, ob er "zu ihr gehörte" oder zu ihm. Karl ging weiter zu der Frau, die keiner mochte, nicht einmal er, aber: "Ich sah diese Puppe auf ihrem Schoß und betrachtete das Kind, das ich war, hinter dem gehe ich her, es ist ein Garten, ein Haus, ein Weg zu dem Haus, immer gleich, eine Tür geht auf und fällt zu, und ein Gang, eine Treppe, ein Zimmer ..., sie saß nur da und schwieg und zeigte mich mir. Was ich dabei sah, erlebte ich noch einmal, nur eben geschützt dieses Mal, und auch nicht, denn ich wusste, was auch immer ich zu sehen bekam, eingreifen konnte ich nicht."
Dass diese Geschichte, wiewohl kein einziges darauf verweisendes Wort darin vorkommt, ein Gleichnis für die Psychoanalyse ist, versteht sicher jeder. Doch nicht darum geht es, nicht um die Einladung zum analogen und dialogen Beobachten und zur Selbstbeobachtung und zum Wiedererleben, es geht vielmehr um den "Ort", an dem ein Teil der Geschichte von Karl, dem Menschen, und wohl auch von Karl, der Puppe, die diesen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen verkörpert, "unauffindbar geworden war ..." An diesem "Ort", einer Wiege vielleicht oder einem Gitterbettchen, hatte Karl noch kein Ich, denn dort war er noch symbiotisch verbunden mit der Mutter, also unerreichbar für Erinnerung und Projektion. Und der kluge Autor Alois Hotschnig vermeidet es strikt, die Puppe Karl, die auf verschiedene Weise Karl, dem Kind, ähnelt, einmal auch als Babypuppe in Erscheinung treten zu lassen. Und so verschwinden am Ende der Geschichte beide: Zuerst und allmählich die Puppe namens Karl im Mund der Herrin der Puppen, in die der Ich-Erzähler die Suche nach sich selbst und womöglich auch nach der Mutter hineinprojiziert hat, und irgendwann einmal auch diese Frau, deren Haus schon lange zum Verkauf stand und die vor Karls Augen "zunehmend verfiel", während sie sich Karl und danach die anderen einverleibte und auf diese Weise den "Ort" wieder herstellte, der weder dem Ich-Erzähler noch uns, den Lesern, oder sonst einem Menschen jemals zugänglich war oder sein könnte. - "Wenn ich sie jetzt besuchte, blieb sie hinter ihrem Lächeln verschwunden, und die Zunge, die ihr immer wieder aus dem Mund kam und mir entgegenleckte, meinte wohl nicht mehr mich, sondern alle."
In der letzten Erzählung des Bandes wechselt das Osmotische, das für die Lust oder gar Sucht zu beobachten so charakteristisch ist, von Zeile zu Zeile mehr und dann gänzlich ins Diffuse.
Einer kam nach Hause und las an der Wohnungstür den Namen, "mit dem sie ihn die ganze Zeit angesprochen hatten." Wir, die Leser dieser Erzählung mit dem Titel "Du kennst sie nicht, es sind Fremde", können den Namen nicht lesen und er tut auch nichts zur Sache, weil der Mann ohnehin bald bei diesem, bald bei einem anderen Namen gerufen wurde. Aber zunächst betrat er die Wohnung, "und sie war ihm vertraut und auch nicht, als hätte sich etwas verändert in der Zeit, die er bei seinen Nachbarn verbracht hatte." - Aha, Nachbarn wieder, sagt sich aufmerkend der Leser, der ja bereits acht der Erzählungen aus dem Band kennt, zwei davon mit Nachbarn. - "Immer wieder", heißt es noch ziemlich am Anfang der Erzählung, "zog es ihn vor die Tür, doch der Name auf dem Schild war noch immer derselbe." Unter einem Vorwand klingelte der Mann seine Nachbarn aus dem Schlaf und die zeigten ihm alte Fotos, und eins der Gesichter auf diesen Fotos "stimmte mit dem Gesicht überein, mit dem er sich jetzt aus dem Spiegel entgegensah." Beunruhigt aber müde legte der Mann sich hin, bis ein Unbekannter, der behauptete, sein Freund zu sein, ihn in ein Lokal beorderte. Dieser Mensch, dem unser Mann noch nie begegnet war, hielt ihn auch für den, für den ihn zuvor die Nachbarn gehalten hatten, und schnell wurde der Fremde unserem Mann vertraut, und auch in der Wohnung fand er sich hernach wieder besser zurecht. Am nächsten Morgen fuhr unser Mann ins Büro, das in einer Gegend lag, in der er noch nie gewesen war. Doch "er fragte und wurde gefragt und gab Antwort und telefonierte und setzte Briefe auf und unterschrieb, als hätte er nie etwas anderes getan." Stunden später hießen ihn seine Nachbarn schon als einen neuen Nachbarn willkommen und an der Wohnungstür stand nicht mehr der Name, "mit dem er im Büro unterschieben hatte." Sowie er eintrat, war drinnen gleichfalls "alles neu und anders als er es vom Morgen her in Erinnerung hatte." Fortan begegneten ihm Menschen, Frauen und Männer, die behaupteten, ihn zu kennen, obwohl er sie nicht kannte, was ihn allerdings nicht davon abhielt, so mit ihnen zu sprechen, als wären sie ihm vertraut. Auch die Namen an seiner Tür hörten nicht auf, sich zu ändern. "Am Morgen verließ er das Haus, und er wurde erkannt, wenn auch nicht als der, für den er sich selbst jeweils hielt. Die anderen wussten, für wen er zu halten war ... Wen immer sie in ihm sehen wollten, den stellte er dar, ohne sein Zutun und ohne sich zu verstellen ... Bei all den Veränderungen blieb doch immerhin die Wohnung, zumindest die Adresse, dieselbe, und die Nachbarn und alle anderen schienen dieselben zu bleiben, nur sein Leben schien sich mit jedem Tag neu zu erfinden ..., an ein- und demselben Tag heiratete er und stand als alter Mann am Sarg seiner Frau, um im nächsten Moment vor dem Scheidungsrichter zu stehen ... Er wurde glücklicher Vater und konnte den Gedanken an ein Kind nicht ertragen, als Schüler ging er zur Schule, an der er Unterricht gab, er operierte und erwachte aus der Narkose, er züchtete Bienen und war verliebt und trug Trauer und hatte Angst und schüchterte andere ein, ... und immer so fort, ständig, ununterbrochen und ohne Unterlass, immer ..." Auch bei anderen Adressen war er von nun an daheim. "Er steckte den Schlüssel ins Schloss, die Tür öffnete sich und ihm war klar, auch in diese Wohnung gehörte er hin. Er wechselte das Viertel und die Stadt und die Städte, und welche Tür auch immer er öffnen wollte, sein Schlüssel sperrte sie auf. Und doch zog es ihn an den Ort zurück, an dem alles begonnen hatte, um seiner Geschichte dort immerhin näher zu sein, zumindest dachte er das, und wessen Wohnung es auch immer gewesen sein mochte und wessen Leben, das er darin geführt hatte und führt."
Was für eine Geschichte?! Über die zwei Seelen, die, ach, in meiner Brust wohnen, geht sie weit, weit hinaus. Dieser Mann erleidet nicht einfach Entfremdung und Selbstentfremdung, was ja schon arg genug wäre, nein, der gibt jeden und alle, nicht mühelos, aber doch spielend, obwohl er weder weiß, wen er jeweils darstellt in immer kürzerem Wechsel noch wer da überhaupt diese zahllosen Menschen spielt. Seines Schwerpunkts und des inneren Gleichgewichts wie von Geisterhand beraubt, klebt er auch noch an der Wand einer schneller und schneller sich drehenden Zentrifuge; die einzige Ebene, die unser Mann und unser Autor - zumindest bis zum Schluss der Geschichte - nicht wechseln, ist die der Zeit. Eine so finstere, auf die spitzeste Spitze getriebene Satire über die multiple Existenz des modernen Menschen, eine Parabel von derart grausiger Komik hatte ich, bis ich sie bei Alois Hotschnig fand, noch nicht gelesen.
Bitte, verzeihen Sie, dass ich die Gelegenheit, Sie mit Hotschnigs Werk und meinen Lesarten bekannt zu machen, nicht ausschlagen konnte. Ich wäre - auch im "Fahrwasser" unseres Preisträgers -, der, wie uns nun allen klar sein dürfte, ja ein sehr geübter Beobachter und darum ein hochkonzentrierter Dichter ist, gerne bei den wenigen Worten geblieben, mit denen ich meine Wahl begründet hatte:
Alois Hotschnig soll den Preis bekommen

  • weil er aus der Sprache heraus "erfindet".
  • Weil er - wie derzeit kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller - die, zu Unrecht allgemein vernachlässigte, literarische Gattung der Erzählung behauptet und entwickelt.
  • Weil er Physisch-Existenzielles, wie Angst, Wirklichkeitsverlust, Wahrnehmung, auch und besonders des Nichtwahren, richtiger des Nichtrealen, zur Sprache bringt - im eigentlichen Wortsinn.
  • Weil nicht nur Leser, sondern auch lesende Autoren von ihm lernen können.
  • Weil seine extrem genau gearbeiteten Erzählungen, Romane und Stücke, wenn sie einmal fertig sind, nur noch die vollkommen unverzichtbaren Wörter enthalten.
  • Weil er den Doppelsinn von Geschichte und Geschichte immer scharf im Auge behält.
  • Weil er zeigt, wie erregend Sprache ist.
  • Weil er die Deutungshoheit dem Leser einräumt - mit und trotz größter poetischer Präzision.

Ich habe es, da ja eine Laudatio zu halten war, bei diesen knappen Worten nicht belassen können, sondern von der erwähnten Deutungshoheit, meiner Deutungshoheit, ausgiebig Gebrauch gemacht. Doch nun danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. Und Dir, lieber Alois, gratuliere ich zum Erich-Fried-Preis 2008.

© Katja Lange-Müller, 2008

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