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Ausstellung zu Elfriede Jelinek im Literaturhaus Wien 2004/2005

"der nobelpreis 2004 & was vorher geschah"

Eine Ausstellung im Literaturhaus Wien,
vom 16. november 2004 bis 23. februar 2005.

Der prominenteste Literaturpreis an eine kontroversielle Autorin - das hat viele Medien im Inland und im Ausland zu Freude, Bestürzung, Überraschung, aber auch zu allerhand sachlichen Reaktionen veranlaßt. Machen Sie sich im Literaturhaus mit einer Auswahl aus den bisher über 500 von uns erfaßten Zeitungsartikeln bekannt. Selten findet man eine solche Bandbreite von fachkundigen und emotionellen, tiefgreifenden und oberflächlichen Beurteilungen zu einem Ereignis. Da sind die Medien, die sich über Jelineks Tabubrüche erregen und zugleich sensationslüstern Zitate abdrucken. Da stehen kluge Aussagen von KollegInnen in Literatur, Theater und Film neben unglaublich platten Ich-Aussagen von Lesern und Journalisten. Was gilt? Wie wird für Literatur gesprochen? Was bedeutet sie uns? Was greift sie an? Was tut weh?

Neben aktuellen Artikeln zeigt die Dokumentationsstelle Schätze aus ihren Beständen zum Werk Elfriede Jelineks: Buchausgaben von der frühesten bis zur jüngsten Publikation sowie ausgewählte Beiträge in Zeitschriften von den späten 1960er Jahren bis heute, und bekannte und weniger bekannte Fotografien von Sepp Dreissinger, Heide Heide, Matthias Horn (www.hornphotography.de), Sascha Manówicz und Petra Springer.

Eine Ausstellung mit Büchern, Fotografien, Zeitschriften, Manuskripten zu ihrem Werk sowie Zeitungen, die über die Zuerkennung des Nobelpreises berichteten

Zusammengestellt von der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur und der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren im Literaturhaus in Wien.

KuratorInnen: Heinz Lunzer, Evelyne Polt-Heinzl und Astrid Wallner.

Unter Mitarbeit von Claudia Alzinger, Silvia Bartl, Karin Cerny, Ulrike Diethardt, Reingard Hechtl, Martin Höfer, Romana Ledl, Corinna Proßegger-Soria, Gerhard Ruiss, Susanna Rupprecht, Dietmar Schönauer, Ursula Seeber, Milos Uveric-Kostic, Winfried Wessely, Anne Zauner.

Die Übersetzungen von Textauszügen als Lesehilfe besorgten Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos, Corinna Proßegger-Soria, Susanna Rupprecht, Anne Zauner.

 


Finden Sie hier eine Blütenlese als kleinen Vorgeschmack auf die Ausstellung

Österreich

Falter. Wien, vom 15. Oktober 2004, S. 1, 5, 7, 23, 24, 61, 62.

VR China

Sing Tao Daily. European Edition. London, vom 8. Oktober 2004: S. [A 1], A 2.

Deutschland

Berliner Zeitung. Berlin, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 3, 32.
Klaus Nüchtern: "Der Racheengel": "Die Wirkungslosigkeit einer engagierten Literatur, die den Opfern eine Stimme verleihen will, wie's so schön heißt, wird als paradoxe Geste inszeniert: Seht her, es ist lächerlich, ich weiß es; aber lustig mach' ich mich noch immer selbst darüber. In diesem letzten Aufbäumen des Subjekts liegt dessen prekäre Würde." (S. 3)

Bild. Hamburg, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 2, 14.
Ulla Bohn: "Literatur-Nobelpreis für die obszöne Frau Jelinek"

Bunte. München, vom 4. Oktober 2004, S. 122, 124.

Financial Times Deutschland, vom 8. Oktober 2004: S. 34.

Frankfurter Allgemeine Zeitung. Frankfurt/M., vom 8. Oktober 2004: S. 1 (mit Kommentar von igl.), 33, 35.
Eva Menasse: "Aber da steht sie unverrückbar, wie eine glühende Kassandra, auf ihrem pessimistischen Posten und redet unaufhaltsam von Gewalt und Faschismus. So ist sie, auch als politische Mahnerin, längst eine Kunstfigur geworden, obwohl die teilweise unglaublichen Kränkungen und Schmähungen, mit denen sie überzogen wurde, natürlich jedesmal dem Menschen Elfriede Jelinek zum Ziel haben und treffen." (S. 35)

Erna Lackner: "Gerade wegen des auch hörbaren Zähneknirschens brach im literarischen Lager Österreichs sofort Jubel aus [...] wird doch mit Elfriede Jelinek nicht nur eine Literatin, sondern auch die Galionsfigur Elfriede Jelinek nicht gehören. [...] so offensichtlich ist auch, dass der Weltausschnitt, der in den Werken von Elfriede Jelinek in oft pathetischen, schrillen, spitzen Worten dargestellt wird, ein sehr kleiner, österreichischer, sehr nach innen gewendeter ist. [...] Immer war die Welt, durch die sich Elfriede Jelinek in ihren Büchern schlug, eng, schäbig, niederträchtig. [...] bildet ein späteres, schwächeres Glied in der langen Literaturgeschichte von österreichischen Missvergnügten, Polemikern, Schmährednern und Zerrspiegelvorhaltern. [...] All diese Missvergnügten, Satiriker wie Karl Kraus, Bauchredner wie Helmut Qualtinger, sind empfindliche Menschen - aber keiner von ihnen findet aus der Subjektivität heraus, was notwendig wäre, um einen gesellschaftlichen Missstand zu 'entlarven'. Statt dessen jammern sie und kreischen, schimpfen und pöbeln manchmal auch herum, und ihr Schmerz ist immer auch Anklage wider die Weltlage im allgemeinen und Österreich im besonderen. [...] ein plumpes Amalgam aus ranzig gewordenen klischees einer längst vergessenen republikanischen Linken [...]". (S. 35)

C. Bernd Sucher: "Wenn Elfriede Jelinek nicht zuerst eine Figur erfindet, der sie dann beim Schreiben Gedanken, Gefühle, Vorurteile, Kämpferattitüden zuordnet, sondern genau gegensätzlich arbeitet, also über die Sprache eine Figur schafft, dann ist die Jelinek groß. Elfriede Jelinek, die Dramatikerin, hat sich - stärker noch als Samuel Beckett in seinen späten Texten für das Theater - vom Theater verabschiedet. Und ihm zugleich einige der stärksten Vorlagen geschenkt." (S. 35)

Christoph Schlingensief: "Wie sie es tut: aus dem Vorhandenen als Katalysator oder Ultrahocherhitzer Neues schaffen. Für Jelinek ist Kunst keine Imitation, sondern ein Elixier. Von ihr habe ich Selbstprovokation gelernt: Denn sie provoziert nie andere, sondern sich selbst, sie arbeitet da weiter, wo andere aufhören, wo es weh tut. [...] Ich freue mich sehr für Österreich, ein Land, das mit ihr garnichts anzufangen weiß, aber auch für Herrn Reich Ranicki, der ihre Literatur immer vernichten wollte. Er steht für jene, die Literatur als Monstrum verstehen, das die Menschen in Schach halten soll. Dagegen will Jelinek die Menschen auffordern, sich die Welt anzueignen, und dafür wird sie ausgezeichnet." (S. 35)

Claus Peymann: "die Kassandra der zeitgenössischen Literatur" (S. 35)

Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sonntagszeitung, Frankfurt/M., vom 10. Oktober 2004: S. 23 (Ausschnitt) Georg Diez: "Die Nobelpreisträgerin. Am Tag danach: Besuch bei Elfriede Jelinek"
"'Schreiben erfordert eine libidinöse Disziplin. Schreiben ist notwendig, um den Druck abzulassen, damit der Schädel nicht zerspringt. Schreiben ist eine Rage, die von Verstand kontrolliert wird.' [...] Sie wird weiter für das Theater schreiben, 'ich mag das', sagt sie, 'wen meine Sprachphantasie von jemand anderem aufgenommen wird. Ich schätze dieses Zusammenspiel mit Regisseuren. Was ich selbst will, das weiß ich - mich interessiert eher, was jemand anderes daraus macht.'"

Frankfurter Rundschau. Frankfurt/M., vom 8. Oktober 2004: S. 1, 3, 15
Verena Mayer: "Die Skandalisierungen, die man um ihre Person gemacht hat, sind das, was Franz Schuh einmal die Spitze 'eines etablierten, Gemütlichkeit spendenden Unverständnisses' genannt hat." (S. 3)
Peter Michalzik: "Tatsächlich wurde von der Schwedischen Akademie noch nie eine Literatur geehrt, die so sehr aus der Sprache selbst lebt, die so sehr auf das Unbewusste, auf das nicht Repräsentative zielt, und die dabei so aggressiv zu Werke geht. Es ist eine Literatur aus der Lust an der Provokation, der Anklage, der Beschimpfung, die die Aufdeckung von falschem Bewusstsein und gesellschaftlichen Widersprüchen, nicht in fiktiv abgemilderter Form, sondern direkt und ungefiltert." (S. 15)
Elisabeth Schweeger: "Übrigens: Jelinek war niemals Kultfigur der Frauenbewegung, weil ihr Ansatz und ihre Analysen übergreifend gesellschaftspolitischen Charakter haben. Sie schreibt über Österreich und trifft die Welt, sie schreibt über Unterdrückung der Frau und trifft den patriarchalisch organisierten Weltapparat, sie schreibt über Sexualität und trifft alle Menschen (unter der Prämisse: Mensch ist nicht gleich Mann)." (S. 15)

General-Anzeiger. Bonner Stadtanzeiger. Bonn, vom 8. Oktober 2004, S. 15 (Ausschnitt)
Peter Mohr: "Immer auf der Seite der Entrechteten"

Handelsblatt. Düsseldorf, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 2.
Kerstin Schneider: "Kassandra, Dame, Nestbeschmutzerin"

Münchner Merkur. München, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 3.

Saarbrücker Zeitung. Saarbrücken, vom 8. Oktober 2004, S. C7 (Ausschnitt)
Christoph Schreiner: "Eine richtig gute Wahl"
Martin Halter: "Die sich von Männerfleisch nährt"

Stuttgarter Zeitung. Stuttgart, vom 8. Oktober 2004, S. 1, 29 (Ausschnitt)
Tim Schleider: "Nobelpreis für Elfriede Jelinek"
Markus Huber: "(K)eine Blume fürs Knopfloch"
Tim Schleider: "Gewalt, Sex und Macht"

Süddeutsche Zeitung. München, vom 8. Oktober 2004, S. 1, 13, 14

Süddeutsche Zeitung. München, vom 16. Oktober 2004, Beilage S. 4, 5

tz. München, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 9, 14.
"Hier lebt der Nobelpreis-Hund" (S. 9)

Der Tagesspiegel. Berlin, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 25.
"Nicht Wut, nur Wortgewalt" (S. 25)

die tageszeitung. Berlin, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 3, 4, 14.

Thüringer Allgemeine. Erfurter Allgemeine. Erfurt, vom 8. Oktober 2004, S. 4 (Ausschnitt)
Lilo Plaschke: "Diese Wut"

Die Welt. Berlin, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 27-28.
Ulrich Weinzierl: "[...] Liebt die neue Literaturpreisträgerin Österreich? Seltsamerweise dürfen wir behaupten: Ja, und zwar mehr als viele andere, von der längst nicht mehr schweigenden Mehrheit leicht aufzuhetzender Patrioten gar nicht zu reden. Oft hat man Elfriede Jelinek ihren sogenannten Heimathaß vorgeworfen, ihn und damit auch sie zu pathologisieren versucht. Wahr ist daran nur das: Der schlampige Umgang der Österreicher mit der NS-Vergangenheit hatte sie von Anfang an zutiefst verstört und erbittert. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen das gemütliche Klischee an, die schon von Karl Kraus verdammte Mentalität des 'Mir san mir' und die Devise 'Fremde raus. Touristen rein'. Daß sie damit scheitern mußte, war ihr bald klar, an ihrem Mut der Verzweiflung änderte das wenig. [...]
Elfriede Jelinek ist die prominenteste Gegnerin der schwarzblauen österreichischen Bundesregierung im Jahr 2000 gewesen - und war sich nie zu gut dafür, öffentlich aufzutreten, auf die Straße zu gehen, obwohl ihr Massenveranstaltungen und jeglicher Trubel ein Greuel sind. [...] Du glückliches Österreich, juble: Zum seligen Kaiser Karl hat sich die unheilige Elfriede Jelinek als Schutzpatronin gesellt." (S. 27)

Die Welt. Berlin, vom 9. Oktober 2004: S. [1]. 8, 9, 27; Beilage: Die Literarische Welt, S. 1.
Ulrich Weinzierl: "Dies ist Österreichs neue Gretchenfrage: Wie hältst du's mit der Jelinek? Die 'Neue Kronen Zeitung', in deren Spalten sich einst 'Jelinek' auf 'Dreck' reimte, nennt die Nobelpreiskür vorsichtshalber eine 'mutige Entscheidung' und beweist ihre Bildung, indem sie behauptet, Bertha von Suttner habe schon vor Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis erhalten. Es war zwar der für den Frieden, abe wer wollte in Zeiten wie diesen schon kleinlich sein? 'Krone'-Kolumnist ist es jedenfalls nicht. Obwohl ihm die Autorin vor kurzem erst einen Korb für sein ominöses Literaturprojekt 'Austrokoffer' gegeben hat, drückt er sie beherzt an die Altherrenbrust: 'Gratulation ihr und uns.' Das erinnert an die Drohung des Metzgers Oskar aus Horváths 'Geschichten aus dem Wiener Wald': 'Du wirst meiner Liebe nicht entgehn.' Wenn alle untreu werden - auf die FPÖ ist Verlaß. [...]" (S. 27)

Tilman Krause "An ihnen allen [Bahr, Altenberg, Horváth, Rilke, Zweig, Broch] ging der Nobelpreis vorüber. Desgleichen an Heimito von Doderer und Thomas Bernhard, würdige Kandidaten diese Letztgenannten besonders, ebenso wie Schnitzler und Hofmannsthal, Kafka und Joseph Roth. [...] Welch Ironie der Dinge, daß sie [Jelinek], zumindest gemessen an Hofmannsthals Kategorien, abgesehen vom Österreich-Bezug von vielen ihrer Werke, so unösterreichisch ist, wie es nur geht!" (Beil. S. 1)

Die Welt. Berlin, vom 10. Oktober 2004 (Internet):
Volker Corsten: Die große Depressive
Josef Wagner: Furcht-Frauen
Tilman Krause: Nun kuschen sie wieder

Die Zeit. Hamburg, vom 14. Oktober 2004, S. 43: Iris Radisch: "Die Heilige der Schlachthöfe"

England / USA

The Daily Telegraph. London, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 5.
Nigel Reynolds: "Daß Jelinek den Preis erhielt, [...] war ein Schock auf der Frankfurter Buchmesse, wo sich die führenden Verleger der Welt treffen. Trotz des Rufs der Preisjury, obskure Autoren auszuwählen, erwartete man allgemein, daß dieses Jahr ein Wettbewerb zwischen zwei berühmten amerikanischen Autoren stattfinden würde, Philipp Roth und John Updike, und der Kanadierin Margaret Atwood. 'Ich habe absolut keine Ahnung, wer Elfriede Jelinek ist', sagte ein prominenter britischer Verleger in Frankfurt, der bat, anonym zu bleiben. 'Ich habe gedacht, der Preis würde dieses Jahr an einen Albaner gehen, also habe ich nur ein Bißchen unrecht behalten. Aber ich wette, nächstes Jahr wird es ein Inder werden.'"

The Guardian. London, vom 8. Oktober 2004: S. 6. (Bericht und Kommentar von Bob Corbett)
Bob Corbett: "Ich fand es toll ironisch, als ich ihre heftige Wut, den Zorn und die Abscheu vor der Welt gar nicht pessimistisch, sondern als einen stillen Optimismus zu empfinden begann." (S. 6) International Herald Tribune, published by The New York Times. Paris / Frankfurt, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 8.

Alan Riding: "Während sich die Form, die ihr Schreiben nimmt, ständig ändert, scheint ihre grundlegende Absicht darin zu liegen, zu verunsichern. Und das macht sie, in den Worten der Akademie, indem sie herausstreicht, wie die Klischees der Unterhaltungsindustrie in das Bewußtsein der Leute eindringt und sie lähmt, so daß sie nicht auf soziale Ungerechtigkeit und die Unterdrückung der Geschlechter reagieren."

New York Times. New York, vom (Internet)

The Times Literary Supplement. London, vom

The Wall Street Journal Europe. Brussels, vom 8. Oktober 2004: S. A1, A5.

USA Today. International. London, vom 8. Oktober 2004: S. 1A, 2A.

Frankreich

Le Figaro. Paris, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 29.

France Soir. Paris, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 32.

Libération. Paris, vom 8. Oktober 2004: S. 1-3.

"Die Kaiserin von Österreich" "die ikonoklastischeste Autorin"

Gérard Dupuy: "Mit Elfriede Jelinek hat die Jury des Literaturnobelpreises eine Korrektur an ihrer stark männlich dominierten Ehrentafel angebracht - überraschend für ein derart auf political correctness bedachtes Gremium. Seine Entscheidung wiegt doppelt schwer, ist ja Jelinek nicht nur Schriftstellerin sondern auch engagierte, ja aktivistische Feministin. Im Gegensatz zur Mehrzahl ihrer Vorgänger, die manchmal engagiert, immer aber manierlich waren, ist Jelinek als öffentliche Person ätzend und unangepaßt. So hat sie sich auch sofort dagegen ausgesprochen, daß ihre Anerkennung ihrem Land als Verdienst angerechnet werden möge.
Seit Musil eine ganze Reihe bedeutender Schriftsteller hervorgebracht zu haben, darin liegt die Größe des modernen Österreich - Schriftsteller, die ein gut Teil ihres Talents zum Löcken gegen ihr Land und seine unguten Kompromisse einsetzen. In dieser Hinsicht gleicht Jelineks Nobelpreis jenen aus, den Thomas Bernhard nicht erhielt. Kaum weniger besessen jedoch präziser in ihren politischen Angriffen hat sie seit dreißig Jahren unaufhörlich den unterschwelligen Faschismus angeprangert, der zwischen Donau und Tirol regiert, und vor Haider gewarnt. Auch für diesen Kassandra-Aspekt krönt sie die Schwedische Akademie.
Hat Jelinek auch nie etwas von ihrer simultanen Anklage gegen die zusammengehörige männliche Machtausübung und kapitalistische Ausbeutung zurückgenommen, sprengt sie doch mit ihren Romanen das enge Korsett eines linientreuen Kämpfertums. Ohne moralische Appelle, sondern mit den Mitteln der Pornographie selbst zeigt sie deren Brutalität sowie die implizit pornographischen Strukturen der gesellschaftlichen Konventionen auf. Ihr Schreibstil setzt selbst die Brutalität ein, die sie anklagt; und sie bringt krasse Ungeheuerlichkeiten mit der gleichen Unbeugsamkeit vor, die sie in den Unterdrückungsmechanismen wahrnimmt.
Es gibt eine solche Menge guter politischer Gründe, Jelinek zu preisen, daß man fast auf den wichtigsten vergißt: die grotesk-komische Kraft ihrer Übersteigerungen." (S. 3)

Isabelle Huppert: "Sehr zart, sehr blass, sehr sanft"
"Das [die Zuerkennung des Nobelpreises, Anm. Übers.] ist so erfreulich wie unerwartet. Verblüffend. Sicher kann ein Preis Kühnheit belohnen, hier aber ist die Wahl mehr als kühn. Denn die Brutalität, die Gewalttätigkeit von Jelineks Schriften sind oft falsch verstanden worden. Sicher kann man, mit Recht, behaupten dass "Lust" ein pornographischer Roman oder "Die Klavierspielerin" reiner Schmutz und Perversität sind, aber eine solche Interpretation greift zu kurz. Jelineks Schreiben durchsetzt die Roheit mit rotglühender Empfindung. Einer großen, klassischen Schriftstellerin gegenüberzustehen ist letztlich der bleibende Eindruck, liest man "Die Klavierspielerin" wieder und wieder. [...]
Als sie zu den Dreharbeiten [von "Malina", wo sie am Drehbuch mitwirkte, Anm. Übers.] kam, war ich sehr überrascht: sie sieht absolut nicht nach dem aus, was sie schreibt. Sie ist sehr zart, sehr blass, sehr sanft . Bei ihrem Anblick ahnt man nichts von der Wucht ihres Werks." (S. 3)

Le Monde. Paris, vom 9. Oktober 2004: S. 1, 26.
Joelle Stolz : "Ausgerechnet ihr musste das passieren: die Skandalöse wurde selig gesprochen, die Störende findet sich in einer 'nobelisierten' Umgebung wieder, die dreißig Jahre als Nestbeschmutzerin galt wird nunmehr gefeiert wie eine Olympiasiegerin.
Allerdings ist Elfriede Jelinek eine Athletin der Sprache, eine Moralistin im Gefolge Karl Kraus' und Thomas Bernhards. So erhielt sie am Donnerstag den 7. Oktober den Literaturnobelpreis als himmlische Überraschung - und als Belastung zugleich.
"Natürlich freue ich mich, da hat es keinen Sinn zu heucheln", sagte sie zu "Le Monde".Dieser Preis garantiert mir eine weitreichende finanzielle Autonomie, ich erwerbe so in meiner Arbeit eine Wahlfreiheit die ich vorher nicht hatte. Zu allem Offiziellen Distanz halten wollte ich aber immer schon, um nicht das Recht der Kritik an den Mächtigen zu verlieren. Und jetzt plötzlich , ohne es zu wollen, repräsentiere ich Österreich." [...] Sie ist gespalten, zwischen den beiden Haltungen die ihr Leben strukturieren: an die Öffentlichkeit zu gehen und sich zu zurückziehen. Einerseits, sich an vorderster Front zu exponieren, und andererseits, vor der Sinnlosigkeit oder dem "Grotesken" einer Sache zu "kapitulieren". Das Höchste anzustreben, und auf das Allertiefste zu zweifeln, denn "jenes Maß an Souveränität, das Männer erreichen können bleibt für Frauen unerreichbar". Selbst der Nobelpreis, der eine Schriftstellerpersönlichkeit krönt, "erhöht meinen Wert als Frau nicht", da ein paar silikonverstärkter Brüste im Fernsehen stets über die allerschönste weibliche Intelligenz triumphieren werden. [...]
Vom Modell autobiographischen Schreibens wandte sie sich bald ab - "Ich gehöre nicht zu jenen Schriftstellerinnen, die in zwanghafter Weise um ihr Ich kreisen, vielleicht, weil ich keines habe" sagt sie heute - um statt dessen in jener Vergangenheit herumzugraben, die Österreich so gerne vergessen will. Ihr Theaterstück "Burgtheater" rief 1984 einen Riesenskandal hervor: griff sie doch zwei Publikumslieblinge an, das Ehepaar Paula Wessely - Attila Hörbiger. Beide Ikonen deutscher Schauspielkunst und zudem ein gefeierte Stars am Wiener Burgtheater, hatten sie sich von den Nationalsozialisten in Hauptrollen für deren Propagandafilme einsetzen lassen. "Ich bin ein kleines barockes Racheengerl", so sagt sie, "und ich poliere jeden Tag gewissenhaft an meinem Haß auf dieses Land." [...]
Je mehr sie schreibt desto stärker scheint sie an Ihre Inspirationsquelle gebunden - zwischen Wien und München hin- und her pendelnd. Schwer vorzustellen, daß sie weder London noch die USA (wo es eine treue Leserschaft gibt) je betreten hat, auch Russland nicht, wo sie ebenfalls ein begeistertes Publikum hat. Österreich, jedenfalls das, was dafür steht, bleibt ihr Reich, wie auch ihr Gefängnis." (S. 26)

Isabelle Huppert, Darstellerin der Hauptfigur des Films Die Klavierspielerin, Fragen gestellt von Raphaelle Rérolle: "Ich denke, das war eine sehr mutige Entscheidung [der schwedischen Akademie]. Es handelt sich hier um ein Werk das in Frage stellt, das sprachlos läßt, aber es ist gut, dass Literatur bis in diese Bereiche führt. Literatur kann nicht nur so [extrem] sein, muß aber auch bis in diese Bereiche gehen.
Eine Anerkennung wie der Literatur-Nobelpreis könnte diese Literatur aus dem Randbereich von Rebellion und Einzelgängertum befreien. Vielleicht aber möchte Elfriede Jelinek Rebellin und Einzelgängerin bleiben.[...]

Die Klavierspielerin ist ein sehr brutales und sehr kraftvolles Werk. Elfriede Jelinek spart hier keine Finsternis, keinen Schattenbereich aus, in diesem Buch wo sie viel von sich aussagt, und von ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Musik, nicht Literatur als Lebensentwurf für ihre Tochter vorgesehen hatte.
Aber jenseits dieser Brutalität steht ein Vermögen, die Abgründe im Menschen, besonders in der Psyche der Frau, auszuloten. Zur Annäherung an Bereiche, die man sich selbst nicht eingestehen würde. Und dabei am Ende, wie Hanekes Film aufzeigt, doch bei einer Art Humanität zu landen.

Ein Film entkommt teilweise der Kontrolle des Buchautors. Jeder macht damit, seinem Wesen entsprechend, was er will. Vielleicht hat der Film Die Klavierspielerin auf Einiges der gewalttätigen Ironie des Buches zugunsten einer gewissen Empathie mit der Figur verzichtet. Doch, wenn der Film sich in dieser Hinsicht der Erwartungshaltung der Zuschauer annähert, zeigt das auch, daß auch diese Lesart im Text mit angelegt war. Bezeichnet man also den Roman als pornographisch oder pervers, liegt das vielleicht am Mangel an geeigneteren Begriffen. Und um sich davor zu schützen.
Was mich selbst betrifft, war Die Klavierspielerin kein Film, der mich verletzt hätte, ganz im Gegenteil." (S. 26)

Pierre Deshusses: "Aus den handelnden Personen in Elfriede Jelineks Werken, Romanen wie Theaterstücken, den wesentlichen Genres ihrer Produktion, ragt eine stets heraus: nicht die verhöhnte oder mitspielende Frau, nicht der gewalttätige "mit Fleisch und Alkohol gemästete Mann", nicht der dumpfe Nazi, nicht der kampflustige Sportler - nämlich die Sprache.
Im Gefolge von Karl Kraus, James Joyce und Thomas Bernhard konzentriert Jelinek ihre ganze Aufmerksamkeit auf sie, die auch in ihren Augen der wesentliche Akteur unserer Welt ist, ein Schmierendarsteller, der seinen Text nicht mehr kann und den zum Sprechen zu bringen sie bemüht ist, indem sie seine Sprache dekonstruiert wie eine Puppe des Künstlers Hans Bellmer.
Aus der Berührung mit der dichterischen Wiener Avantgarde und der feministischen Bewegung der späten Sechziger Jahre entwickelte Elfriede Jelinek eine Ästhetik der Dekonstruktion und der Widerständigkeit. Nach einigen in der modernistischen Zeitschrift "Protokolle" erschienenen Gedichten fiel sie durch zwei hintereinander publizierte (nicht ins Französische übersetzte) erste Romane auf: "Wir sind Lockvögel, Baby" (1970) und "Michael. §" (1972), wo der normative Gebrauch der Sprache aufgegeben wird zugunsten dem Freilegen der im semantischen Feld der Gesellschaft verdeckt enthaltenen Strukturen. Diese dem Prinzip des Anagramms folgende Vorgangsweise führte bloß zu experimenteller Literatur, wäre sie nicht so stark im realen Sozialgefüge verankert. Gerade deshalb wirkt Jelinek auch so ärgerniserregend. Wenn Österreich angepeilt ist ist zugleich die ganze Welt im Visier, da die Strukturen der Unterdrückung sich überall wiederholen. Auf universelle Zusammenhänge reagiert eine radikale und globale Sprache. [...]
So bricht sie einen nach dem anderen die 'verbotenen Räume' der Gesellschaft auf, und entlarvt ihre Klischees und Tabus:
Liebe und Ehe als Mittel sozialen Aufstiegs in "Die Liebhaberinnen" (1975) - das Buch mit dem zu beginnen ist, will man sich Jelineks Welt erschließen;
Terrorismus und städtische Gewalt in "Die Ausgeschlossenen" (1980);
Die beharrlichen Reste des Nazismus im heutigen Österreich in "Burgtheater" (1982), ein Stück, das 3 Jahre auf eine Aufführung warten musste;
Die vergewaltigende Autorität einer Mutter in "Die Klavierspielerin" (1983), 2002 von Michael Haneke verfilmt;
Der Mythos eines Ansichtskarten-Österreichs als gemütliches Urlaubsland mit freundlichen Bewohnern und idyllischer Natur in "Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr" (1985);
Der häusliche sexuelle Missbrauch in "Lust" (1989);
Das Beharren faschistischer Strukturen im Bewusstsein der Gegenwart in "Macht.Nichts" (1999). [...]" (S. 26)

Italien

Corriere Della Sera. Milano, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 18, 33.
Isabella Bossi Fedrigotti: "Die großen Alten von Stockholm haben sich wieder etwas geleistet. Indem sie den Preis der Österreicherin Elfriede Jelinek verliehen - die der Anführer der extremen Rechten Jörg Haider vor einigen Jahren zur "unerwünschten Person" in seinem Land erklärte - haben sie wieder einmal - genau wie mit der Verleihung an unseren Dario Fo - jene Tendenz zur Provokation bewiesen, die man im Allgemeinen arrivierten und gesetzten Akademikern nicht zutrauen würde. Also, auch auf der politischen Ebene, ein Schlag ins Gesicht für jenes Mitte-Rechts-Österreich das Jelinek als "Nestbeschmutzerin" ablehnt, ebenso oder noch heftiger als den verstorbenen Thomas Bernhard, - den es erst jetzt wo er tot ist besser erträgt -, Jelinek, die genau wie er ihre alpine Heimat stets auf das Schärfste kritisiert hat."

Bruno Ventavoli: "Aber auch in ihrer Polemik war die Jelinek eigenständig. Während ganz Europa von der Gefahr der "Haiderisierung" sprach beschwor sie die Gefahr einer "Kitzbühelisierung", nach dem bekannten Städtchen, in ihren Augen Symbol jener Provinz die Schi fährt, stets fit und braungebrannt ist, das Denken scheut und sich einbildet, weiß Gott wie klass zu sein. Jelinek meint: "Wer sich in Österreich mit Kultur abgibt wird als Niete, als Schwindler, als Parasit angesehen". [...] Der Sportler hingegen gilt als eine Art Kaiser. [...] Pornographie oder Mythologie des Sports, private oder öffentliche Gewalttätigkeit sind alles Seiten ein und derselben Gesellschaft die sich selbst verloren hat. Ein weiteres Mal kommt der heftige Klageschrei aus Mitteleuropa. Auf der Anklagebank sitzt allerdings der gesamte Zeitgeist, engherzig, tragikomisch, von alltäglicher Grausamkeit. Es gibt die Gewalttätigen, die morden, demütigen, versklaven. Aber auch die Unentschiedenen, die Gleichgültigen, diese "Gutmenschen", die die letzten Tage des Reichs zersetzt haben und es immer schaffen zu überleben, was immer auch passiert, weil sie aus dem Sich Arrangieren, aus dem Nachplappern, aus der Feigheit eine unschlagbare Waffe gemacht haben. Im Alltagsleben, in der Politik, im Fernsehen."

la Republicca. Roma, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 49.

Il Sole - 24ore. Milano, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 8.

La Stampa. Torino, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 27.

Libanon

Al Hayat. Beirut, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 16.

Niederlande

Algemeen Dagblad. Rotterdam, vom 8. Oktober 2004: S. 15.

De Telegraaf. Amsterdam, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 17.

Het Laatste Nieuws. Asse-Kobbegem, vom 8. Oktober 2004: S. [1], 23.

Schweden

Dagens Nyheter. Stockholm, vom 8. Oktober 2004: Kultur, S. 1-4.

Svenska Dagbladet. Stockholm, vom 8. Oktober 2004: Kultur, S. 1, 2, 4-7.
Ingegärd Waaranperä: "Wie keine andere sieht und kann sie beschreiben, wie Gesellschaftsstrukturen und menschliche Bewußtseinsschichten ineinander- und auseinandergleiten, einander ständig beeinflussend, störend, erschütternd aber auch behindernd und einander blockierend. [...]
Jelinek kommt oft auf den Tod zurück.
'Das ist etwas worauf ich fixiert bin. Ich suche die Schnittpunkte zwischen Leben und Tod, zwischen dem Sein und dem Nichts. Und die österreichische Identität ist nahe dem Knoten von Sein und Nichts. Andere Länder schaffen sich ein positives Selbstbild durch seine bedeutenden Künstler und großen Persönlichkeiten. Österreich und Deutschland sind historisch durch das Verursachen des Nichts - das Totenreich und den industriellen Massenmord - gekennzeichnet. Sie haben eine negative Identität.'
Elfriede Jelinek bezeichnet sich als Sozialistin und ist überzeugte Misanthropin. Ich fragte sie, ob sich beides verbinden läßt:
'Nein, das muß ich zugeben. Ich bin ein Paradox, eine Pessimistin, eine menschenfeindliche Sozialistin, die der Menschheit eher alles Üble zutraut als das Gegenteil. Ich weiß, daß man für Gerechtigkeit kämpfen muß, aber ich ahne, daß das vergeblich ist.'"

Schweiz

Basler Zeitung. Basel, vom 8. Oktober 2004: Kultur-Beilage S. 1, 5.
Christine Richard: "Ihr Thema immer wieder: Wie sich tote Menschen und totes Kapital nähren von den Lebenden. Ihr Schreibprinzip: totes Wortmaterial aufnehmen und es lebendiger Gegenwartssprache zuführen [...] Ein Anschlag auf die Denkkonventionen - wie alle Jelinek-Texte. [...] Wenn die Jelinek jetzt nach der Nobilitierung durch den Nobelpreis in aller Welt gelesen werden wird, wird sie mehr verstören als das Werk aller übrigen Anwärterinnen und Anwärter auf die höchste Literaturauszeichnung. 'Nichtsgewissheit' ist ihr Lieblingswort. Das reizt. Reizt den Sicherheitsgedanken. Reizte besonders auch die Österreicher. [...] Die Stockholmer Wahl ist eine kluge, beherzte Entscheidung - nicht zuletzt für die Gegenwartsdramatik und für das Theater, selten genug und mit Dario Fo 1997 nur unzureichend vertreten im erlauchten Kreise der Nobelpreisträger."

Neue Zürcher Zeitung. Zürich, vom 8. Oktober 2004: [Zweitexemplar] S. 1, 35.
Paul Jandl: "Zweifach hat sich Österreichs Schreiben der Nachkriegszeit neu erfunden. Im Experiment und im Realismus der Anti-Heimatliteratur. Elfriede Jelinek hat beides in ihrem Werk vereint. [...] Wenn es ideologischer Zweck der Mythen ist, die Welt unbeweglich zu machen, dann hat Elfriede Jelineks Ideologiekritik, wie man das früher genannt hat, eindeutig Tempo in die Sache gebracht. Und das wortwörtlich. Ihre Prosa rast mit hohem Tempo durch Seelen- und Heimatlandschaften. Zitate aus Literatur und Kitsch, Redensarten und Redensunarten werden in jenen kalauernden Sound gebracht, der so typisch ist für diese Literatur." (S. 35)

Weltwoche. Zürich, vom 14. Oktober 2004, S. 1, 86-88

Woz. Die Wochenzeitung. Zürich, vom 14. Oktober 2004, S. 1, 19

Spanien

El Mundo. Madrid, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 51, 52.

El Pais. Madrid, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 34-36.
"Kämpferisch, radikal, rebellisch, Provokateurin, das waren nur einige der gestern verwendeten Adjektiva um die 57-jährige österreichische Schriftstellerin E. J. zu beschreiben, die von der Schwedischen Akademie mit dem Literaturnobelpreis 2004 ausgezeichnet wurde. Die Akademie hob das "musikalische Fließen der Stimmen und Gegenstimmen" und den "außergewöhnlichen linguistischen Eifer" hervor, welche "das Absurde der gesellschaftlichen Klischees und dessen unterwerfende Macht" aufdecken. [...]"

"Österreich hat mich ruiniert "

Auf die Frage, wie sie verhindern wolle, daß Österreich den Preis nützt und sich damit schmückt, antwortete die Autorin, sie wolle sich gänzlich zurückziehen:
Jelinek: "Es gibt Orte, die mir gefallen und die ich mag, aber daß die Regierung eines Landes mit einer historischen Vergangenheit wie dieser [dem Nationalsozialismus] als erstes Land Europas die extreme Rechte wiederum zuläßt, dienend als Beispiel für andere, das erachte ich als unverzeihlich. In Österreich sind wir auf anderen Gebieten immer die Letzten, aber exakt in diesem Punkt die Pioniere. Mit Österreich kann ich mich aufgrund der Geschichte meiner Familie nicht versöhnen [...] Ich denke an meinen jüdischen Vater und an meine Verwandten, die ermordet wurden."

Auf die Frage, ob Leser aus anderen Regionen sich aus den Zusammenhängen lösen können, um das Werk als eine breiter angelegte Kritik der Existenz zu interpretieren oder ob es eine spezifische Angelegenheit der österreichischen Realität sei.
Jelinek: "Die Existenz in Österreich ist eine gebrochene Realität, die auf einer Lüge basiert. Die Deutschen machten Hitler glauben, er sei in Wirklichkeit ein Deutscher, aber sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die Deutschen waren dazu verpflichtet, weil sie lange Zeit unter der Besatzung der Alliierten lebten, sie wurden, um es so auszudrücken, erzogen zur Demokratie, aber Österreich wurde das geschenkt und es hielt seinen Status aufrecht ohne irgendwelche Strafmaßnahmen, und die, welche über das Thema schrieben, beschimpften sie als "Nestbeschmutzer". Ich möchte jetzt nicht denen einen Dienst erweisen, die mich solcherart beschimpft haben und sich mit meinem Preis schmücken. Das wäre heuchlerisch von meiner Seite."

Auf den Hinweis, daß sie im Jahr 2000, als der Rechtsradikale [sic!] Haider in Koalition mit der ÖVP in die Regierung kam, ankündigte, Österreich zu verlassen, und dennoch weiterhin hier lebe, antwortet Jelinek: "Ich lebe nicht nur hier. Ich lebe in Deutschland und Österreich Es gibt Orte und Leute in Österreich, für die ich Zuneigung empfinde. Aber ich lasse es nicht zu, daß man mir österreichischen Patriotismus aufzwingt."

Frage: Auf welche linguistische Tradition beziehen sie sich?
Jelinek: "Auf die Tradition der Sprachkritik eines Kraus oder Wittgenstein, auf die Wiener Gruppe [...]. Es ist österreichische Tradition, eine analytische Arbeit mit der Sprache selbst zu realisieren und sie zu verarbeiten in einem Kompositionsprozeß, sich auf den Klang konzentrierend. Einar Schleef interpretierte mein Werk auf wunderbare Art, weil auch er vom Klang der Sprache ausging. Ich möchte weiterhin in diese Richtung arbeiten, auch wenn das bedeutet, provinziell zu bleiben. Den Klang kann man nicht übersetzen. Man hat mir gesagt, daß meine Werke in der spanischen Übersetzung nicht sehr gut ausgefallen sind, aber ich weiß es nicht, ich spreche kein Spanisch."

Frage: Ihr Werk wurde im Ausland bekannt durch den Film "Die Pianistin". Wie gefiel Ihnen die Film-Version?
Jelinek: "Sie war sehr interessant, weil mich die Verfilmungen, welche danach streben, der literarischen Version treu zu bleiben, nicht anziehen."

Frage: Viele fragten sich, ob der Film autobiographische Aspekte habe.
Jelinek: "Über dieses Thema will ich nicht sprechen, aber zweifellos hat er autobiographische Aspekte."

Frage: Eine wichtiges Thema in Ihrem gesamten Werdegang ist der Machismo, die patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft.
Jelinek: "Es ist eines der wichtigsten Themen für mich, die patriarchalen Werte, das Phallische in der Kultur, die Herrschaft der Männer. Im Haus kann die Herrschaft der Frau auch unterdrückend sein. Aber die Werte-Kodizes sind von Männern gemacht. Eben habe ich gelesen, daß "dieses Mal eine Frau den Preis gewonnen hat". Aber das sollte nicht einmal überraschen, denn mehr als die Hälfte der Schreibenden sind Frauen und weit mehr als die Hälfte der Lesenden. Warum ist es etwas Seltsames, daß eine Frau, den Nobelpreis erhält?"

Frage: Wissen Sie, aufgrund welcher Kriterien man Ihr Werk prämiierte?
Jelinek: "Ich weiß es nicht. Aber es wird meiner Sprache und meiner kritischen Wahrnehmung der Realität wegen sein. Man spricht von meiner scharfen Sicht der Realität, meiner provinziellen österreichischen Realität, die sich vielleicht auf andere Realitäten projizieren kann."

Frage: Ihr Bühnen-Werk "Sportstück" hatte großen Erfolg im Wiener Burgtheater. Was nimmt man sich vor, wenn man ein Stück auf die Bühne bringt?
Jelinek: "Ich versuche, politisches Theater zu machen. Ich habe ein großes Projekt über den Golfkrieg. Ich schrieb über den Krieg "Bambiland", das durch Schlingensief inszeniert wurde, und jetzt habe ich einen zweiten Teil geschrieben, eine Trilogie mit Anlehnungen an die Antike. Es wird mein erstes Buch als Nobelpreisträgerin sein (lacht) und wird "Bambiland und Babel" heißen. Bambiland war der Vergnügungspark, der von Mirko Milosevic, dem Sohn Slobodan Milosevic's, vor dem Zerfall Jugoslawiens verwaltet wurde. Ein serbisches Disneyland, eine falsche Realität, um sie nach außen hin vorzuzeigen. Und "Babel" war die Zeitung, die Udai, der Sohn Sadam Husseins, herausgab. Ich glaube, er räumte dem Sport einen breiten Raum ein, er war der Chef des irakischen Olympia-Komitees. Babel sind auch die vielen Sprachen, die vielen Stimmen. Eine Mischung aus Essay, Prosa und Theater. Ich schreibe wenige Dialoge, denn im Theater will ich die Figuren vergrößern und das funktioniert mit großen sprachlichen Oberflächen. Die Dialoge im Theater erscheinen mir eine Banalität."

Tschechische Republik

Lidové Noviny. Praha, vom 8. Oktober 2004: S. 1, 8.

Vatikan

L'Osservatore Romano. Rom, laut ORF.at vom 12. Oktober 2004 (Internet)

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