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Nobelpreis an Elfriede Jelinek 2004

Jelineks Rede zum Nobelpreis:

http://nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2004/ 

Veranstaltungen am Tag der offziellen Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember 2004:

1) Literaturhaus Wien

Buchpräsentation
Pia Janke "Werkverzeichnis Elfriede Jelinek"

unter Mitarbeit von Peter Clar, Heidemarie Farokhnia, Ute Huber, Stefanie Kaplan, Christoph Kepplinger, Christian Schenkermayr, Elisabeth Sezemsky, Natalie Swoboda (Edition Praesens, 2004).

Pia Jankes Publikation dokumentiert zum ersten Mal alle Veröffentlichungen Jelineks und gibt Informationen zu Anlässen, Aufführungen und Kontexten ihrer Werke. Darüber hinaus verzeichnet dieses Buch auch alle Formen der künstlerischen, journalistischen und wissenschaftlichen Rezeption, weiters die Übersetzungen von Jelineks Texten in andere Sprachen, die Interviews mit der Autorin und die gesamte Forschungsliteratur. Ausschnitte geben einen Eindruck der Werke und laden zu einer weiteren Lektüre ein.

Im Rahmen der Buchpräsentation wird das enorme Spektrum von Jelineks Werk, das nicht nur Romane und Theatertexte, sondern auch Gedichte, Kurzprosa, Hörspiele, Drehbücher, Libretti, Kompositionen, Übersetzungen, Texte für Projektionen und über 400 Essays umfaßt, in multimedialer Form vorgestellt.

Dem Navigationssystem des Buches folgend, das Vernetzungen zwischen den Werken und Kapiteln herstellt, wird lustvoll Jelineks Umgang mit den unterschiedlichen Gattungen und Medien vor Augen geführt. Das, was das Buch intendiert - einen umfassenden und vielleicht auch neuen Blick auf Jelineks bisheriges Werk - wird so an diesem Abend möglich.

(Veranstaltet mit der Edition Praesens)

 

2) Akademietheater und Wiener Burgtheater

Nobelpreis für Literatur 2004
Ein Fest für Elfriede Jelinek im Burgtheater

Im Akademietheater wird ab 18 Uhr 30 Elfriede Jelineks "Werk" gespielt. Im Anschluß daran und an die Buchpräsentation im Literaturhaus wird ab 21 Uhr im Burgtheater ein Fest für die Dichterin gefeiert. Freunde und Bekannte, BurgschauspielerInnen und KollegInnen von Elfriede Jelinek werden auf der Bühne ein Programm für die Nobelpreisträgerin gestalten.

Mit dabei sind Martin Schwab, Elfriede Gerstl, Olga Neuwirth, die Modedesignerin "Lisa D.", Maria Happel, Christoph Schlingensief, Elisabeth Augustin, Libgart Schwarz, Nicolas Stemann u.v.a.

 

  • Auszüge aus der Begründung der Schwedischen Akademie

"Der Nobelpreis für Literatur des Jahres 2004 wird Elfriede Jelinek verliehen für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen. 1970 entstand der satirische Roman 'wir sind lockvögel baby!'. Er trägt den Charakter einer sprachlichen Widerstandshandlung, die gegen die Unterhaltungskultur und ihre verlogenen Vorstellungen von einem guten Leben gerichtet ist. Diese Romane ('Die Liebhaberinnen' [1974], 'Die Ausgesperrten' [1980] und der 1983 vor autobiografischem Hintergrund verfaßte Roman 'Die Klavierspielerin') stellen im Rahmen ihrer Problematik jeder für sich eine Welt ohne Gnade dar, in der der Leser mit einer festgefahrenen Ordnung von Gewalt und Unterwerfung, Jäger und Beute konfrontiert wird. Jelinek zeigt, wie die Klischees der Unterhaltungsindustrie ihren Einzug in das Bewußtsein der Menschen halten und ihren Widerstand gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit und geschlechtliche Unterdrückung lähmen. In 'Lust' (1989) überführt Jelinek ihre Gesellschaftsanalyse in grundlegende Zivilisationskritik, wenn sie die sexuelle Gewalt gegen Frauen als Grundmuster unserer Kultur beschreibt. Jelinek hat mit leidenschaftlicher Wut Österreich gegeißelt, das sie in dem phantasmagorischen Roman 'Die Kinder der Toten' (1995) als Totenreich darstellt. Das Genre der Texte ist oft schwer zu bestimmen. Sie schweben zwischen Prosa und Poesie, Beschwörung und Hymne, sie enthalten Theaterszenen und filmische Sequenzen. Was sie in den Stücken der letzten Jahre auf die Bühne stellt, sind keine Charaktere, sondern 'Sprachflächen', die einander konfrontieren. Das bisher letzte publizierte dramatische Werk, die 'Prinzessinnendramen' ('Der Tod und das Mädchen I-V', 2003) variiert ein Grundthema der schriftstellerischen Tätigkeit, das Unvermögen der Frau, voll und ganz in einer Welt zum Leben zu gelangen, in der sie von stereotypen Bildern verdeckt wird." (abgedruckt in Welt Kompakt Berlin vom 8. Oktober 2004)

 

  • Reaktion von Elfriede Jelinek

"Natürlich freue ich mich, da hat es keinen Sinn zu heucheln, aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude", sagte Jelinek zur APA. Jelinek kündigte an, nicht zur Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm zu reisen. "Ich möchte mich zurückziehen und habe auch die letzten Preise nicht persönlich entgegengenommen. Ich eigne mich nicht dafür, als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden", sagte Jelinek weiter. Sie habe "böse Ahnungen", daß der Nobelpreis eine Belastung sein werde, da er einen zur öffentlichen Person mache.

 

  • Reaktionen von KollegInnen

"Na so was! Super! Unglaublich! Gewaltig! Da muss ich mich erst einmal setzen", kommentierte Peter Handke (der laut Jelinek "den Nobelpreis viel mehr verdient" hätte). "Super!", das meint auch Robert Schindel, der weiters sagt, die Auszeichnung, nütze "sicher auch dem regierungskritischen Lager". Als "sensationell und in höchstem Maße verdient" bezeichnete der Theaterregisseur Christoph Schlingensief die Auszeichnung. Er hatte zuletzt im Dezember vergangenen Jahres bei der Uraufführung des Stückes "Bambiland" am Wiener Burgtheater mit Jelinek zusammengearbeitet. "Ihre Texte sind keine Beruhigungstabletten. Jelinek will benutzt und nicht verehrt werden, dafür wird sie jetzt belohnt", sagte Schlingensief. Schlingensief weiter: "Es ist total klasse, mit ihr zu arbeiten. Zu mir hat sie gesagt: 'Mach mit dem Text, was du willst. Ich habe ihn auch nur gefunden.' Und das gefällt mir: Sie lässt Texte durch sich durchlaufen; sie will nicht belehren, das ist total obsessiv gesteuert".

Der Regisseur und Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, war "zu Tränen gerührt", als er die Nachricht über die Zuerkennung des Nobelpreises an Jelinek erhielt. "Das ist eine der besten Entscheidungen des Nobelpreis-Komitees", so Peymann. Jelinek sei die Kassandra der zeitgenössischen Literatur und des deutschsprachigen Theaters, "jene Kassandra, die das Schreckliche kommen sieht, das Unheil, den Abgrund, den Tod, und niemand glaubt ihr. Das ist ihr Schmerz und ihre große menschliche Anstrengung und Leistung, die sie auch selbst an den gefährlichsten Abgrund ihres Lebens geführt hat." Sein Nachfolger am Wiener Burgtheater, Klaus Bachler, gratulierte dem Nobelpreiskommitee: "Es ist eine mutige Entscheidung, angesichts dessen, was Jelinek nicht nur in ihrer Kunst inhaltlich aufgreift, und vor allem eine, die einem Hoffnung macht in unserer Welt".

 

  • Reaktionen von Medien

"Daß Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis erhält, ist eine in jedem Sinn phantastische Entscheidung der Stockholmer Akademie. Mit der am 20. Oktober 1946 im österreichischen Mürzzuschlag in der Steiermark geborenen Schriftstellerin und Dramatikerin hat eine der sprachmächtigsten Figuren der deutschsprachigen Literatur die Ehrung erfahren, die ihr gebührt.

Denn in Elfriede Jelinek wird eigentlich ein Sprachstrom gewürdigt, ein nicht abreißen wollender unruhiger Fluß, der sich ohne Halten in seine Richtung ergießt und den ganzen Abraum fehlgelaufener Körper- und Völkerpolitiken vor sich herschiebt. Die Wucht dieser Rede, die meistens über die Geschlechter handelt - über die Männer und die Frauen und über die biologische Merkmale ganz wörtlich -, hat dazu geführt, daß Elfriede Jelinek die literarische Person ist, die am stärksten polarisiert: Die eminente, ganz buchstäbliche Unerhörtheit ihrer Worte und Texte und Einlassungen liegt nicht zum Geringsten darin, daß sie stets als Frau spricht - als Geschlechtswesen. Für ihre stahlharten Auftritte hat sich Elfriede Jelinek die männliche Sprache angeeignet, nein: antrainiert, brutal in sich hineingeprügelt, so daß diese Sprache wieder aus ihr herausbrechen kann [...].

Sie ist auch die jüngere Schwester eines Johann Nestroy, die sich halt den einen oder anderen Jux machen will - wie den zum Beispiel: 'Fürchten Sie den Tod nicht! Es sind so viele schon tot, das werden doch auch Sie noch schaffen. Jeder hat es ja bis jetzt gekonnt, auch ein Volltrottel wie Sie, wie ich, kann es, wenn er muß."
FAZ, Rose-Maria Gropp, 7.10.2004

"Ihre Theatertexte handeln beziehungsweise handeln nicht, sondern reden, singen, kalauern stimmen- und gegenstimmenmäßig von nichts anderem als von: Opfern. Das größte und erste Opfer: die Frau. Daß es jemanden gibt, der herrscht, und jemanden, der beherrscht wird - dieser simpelsten aller dramatischen Figurationen, die nur noch geglaubt, nicht mehr durchblickt werden muß und die in vorfeministischen Zeiten tapfere kapitalismuskritisch-politische Masken trug, in feministischen Äonen aber die biologische Differenz sich einzig zum Abgott erkor, auf dessen Glatze sie fleißig Locken drehte, hat Elfriede Jelinek seit ihren Theateranfängen mit Verve und Wut und Zyne gehuldigt. Aber mit einer absolut unsimplen, steilen, künstlichen Sprache.

Elfriede Jelinek ist eine Dramatikerin, die, wenn sie die Welt anschaut, nie dazulernen möchte. Sondern in immer neuen Bildern und Bereichen und Medien nach der Bestätigung dessen sucht, was sie immer schon wußte und fühlte. So bekamen ihre Wut und ihr Haß mit den Jahren die Qualität einer Extra-Cuvée, beeindruckend gereift. Zu den Beobachtungen, Meinungen und Vermutungen, die sie in ihren Stücken äußert, kann man eigentlich immer nur mit dem Kopf nicken - oder diesen schütteln. (Nichts Drittes.) So lange freilich, bis der Kopf irgendwie auf die Brust sinkt und man in seligen Bestätigungs- oder Ablehnungsschlaf fällt. Sie ist von vornherein langweilig. Deshalb sind ihre Stücke, die ja kaum mehr sind als Ansammlungen von Textunmengen, der Idealfall fürs Regietheater.

Erst die Spielvögte lenken, leiten und kanalisieren den Wortfluß, stauen ihn oder planschen in ihm herum. Erst sie dichten das Jelinek-Theater fertig. Ohne Regie-Willkür kann hier kein Werk gedeihen. Also paßt die Jelinek von allen Dramatikern am besten ins Theater ihrer Zeit."
FAZ, Gerhard Stadelmaier, 7.10.2004

"Die in wenigen Tagen 58-jährige österreichische Erzählerin und Dramatikerin ließ sich früher gerne mit Zigarillo, hochgesteckter Frisur, tollem Make-up und hochstylish gedresst fotografieren. Schon diese Pose war eher ein Schutz. Und eine symbolische Gegenwehr gegen die Herrschaft mächtiger Manns-Bilder. Von ihrer Landsmännin Sigrid Löffler wurde Jelinek einst (voll Bewunderung) als "kälteste und erbarmungsloseste Moralistin Österreichs" bezeichnet.

Aber sie selbst ist eine ganz andere. Ein fragiler, blasshäutiger, überaus zarter Mensch. Der mit sanfter Stimme spricht, klug, bedacht, mit selbstbewusster Uneitelkeit. Massen und öffentliches Aufsehen entsetzen sie, auch wenn sie in ihrem Schreiben - das wie bei allen sorgsamen Stilisten ein kaltköpfiges ist - die Reibung mit einer gebrechlichen oder bisweilen gar verbrecherischen Mitwelt sucht. Dem notorischen Nobeltrubel will sie nun entgehen. Sie wird im Dezember nicht zur Preisverleihung nach Stockholm kommen und ihren Dank, der sich bei ihr mit der Scham darüber mischt, welche Schriftsteller diese Auszeichnung nie bekommen haben, verlesen lassen. Wie Sartre den Preis aber abzulehnen, käme ihr vermutlich zu undankbar, zu sehr "männlich" gespreizt und ein bisschen größenwahnsinnig vor."
Der Tagesspielgel, Peter von Becker, 7.10. 2004

"Zur Heimatdichterin - und was für einer! - ist Elfriede Jelinek spätestens avanciert, als sie ihren grossen Roman 'Die Kinder der Toten' (1995) in dieser trauten Landschaft ansiedelte. Der Roman ist Gothic Novel und düstere Parabel. Er nimmt das Wort von den Leichen im Keller wörtlich. Auf den Opfern der Geschichte hat Österreich seine zweite Republik gebaut. 'Die Kinder der Toten' ist ein Schauerroman, der noch das trivialste seiner Details auf diese Wahrheit verpflichtet. Vielleicht hat auch diese anhaltende literarische Proklamation die Schwedische Akademie überzeugt. Kaum ein österreichischer Schriftsteller hat so unbeirrbar auf seinem ästhetischen Experiment beharrt wie Elfriede Jelinek. Ihre Texte sind unbändig. Das Schreiben ein Gewaltakt, das Lesen auch.

[...] Wenn es ideologischer Zweck der Mythen ist, die Welt unbeweglich zu machen, dann hat Elfriede Jelineks Ideologiekritik, wie man das früher genannt hat, eindeutig Tempo in die Sache gebracht. Und das wortwörtlich. Ihre Prosa rast mit hohem Tempo durch Seelen- und Heimatlandschaften. Zitate aus Literatur und Kitsch, Redensarten und Redensunarten werden in jenen kalauernden Sound gebracht, der so typisch ist für diese Literatur. Elfriede Jelineks schreiberische Produktion ist eine des Überfliessens. In ihrem Redestrom lassen sich poetische Textsorten gewöhnlich nicht von poetologischen trennen. Und auch der Übergang ins Politische ist nahtlos. Da schiesst das Pathos der Poesie schon einmal in die Leserbriefspalten, wenn die Dichterin sich bei Quisquilien des österreichischen Staatsgebarens zu Wort meldet. Mit einem Theaterboykott droht sie gelegentlich, wenn sie sich über innenpolitische Zustände empört. Kaum einen Aufruf, den die Dichterin nicht mit unterzeichnet. Elfriede Jelinek ist ein unentwegtes linkes Gewissen. Wie jedes Gewissen kümmert es sich nicht darum, ob es dann und wann naiv erscheint. Mit der Linken hat Elfriede Jelinek ihren Weg geteilt. Bis 1991 war sie sogar Mitglied der Kommunistischen Partei. Vor allem von Seiten der österreichischen Rechtspopulisten mit Jörg Haider an der Spitze hat man die Schriftstellerin nicht geschont. Im Verband mit dem Boulevard wurde Elfriede Jelinek aufs Unappetitlichste attackiert. Doch so wie man längst auch Thomas Bernhard eingemeindet hat, wird man sich wohl auch mit einer nobelpreisgekrönten Dichterin arrangieren."
Neue Zürcher Zeitung, Paul Jandl, 7.10. 2004

 

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