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Stephan Eibel Erzberg: gedichte zum nachbeten.

Wien: J. Lehner Verlag, 2007.
112 S., Euro 12,40.
ISBN: 978-3-901749-58-2.

Link zur Leseprobe

Das Nichteinverstandensein mit der Welt als Grundlage schriftstellerischen Schaffens – diese Triebfeder spürt man beim Lesen des lyrischen Tagebuchs gedichte zum nachbeten von Stephan Eibel Erzberg, in dem er über sieben Jahre hinweg seinen Nonkonformismus dokumentiert.

Von Oktober 1999 bis Oktober 2006 begleitet der Leser den Autor durch sein Leben, in dem er die politischen Ereignisse der letzten Jahre Revue passiert lässt. Dass diese Rückschau nicht besonders positiv ausfällt, versteht sich von selbst. Da wird das im Jahr 2000 verabschiedete österreichische Aufenthaltsgesetz kritisiert und über geldgierige Korrupte, die auf Kosten der Welt ihre Geschäfte machen, geredet. Über die Wahl des amerikanischen Präsidenten zeigt sich Eibel Erzberg in seinem Eintrag vom November 2004 ernstlich schockiert: "die entscheidung für mehr tote weltweit / für mehr korruption und mehr herrenmenschentum / ist gestern in amerika gefallen / präsident bush wurde diesmal wirklich gewählt".

Die Welt ist für den Autor fälschlicherweise wie sie ist. Die Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen bringt ihn dazu, auch seine persönlichen Fehden zu verarbeiten: In seinen Gedichten, die den ORF zum Gegenstand haben, ist das Erzberg'sche Prinzip, das sich irgendwo zwischen Wut und Polemik bewegt, trefflich zu beobachten. Eibel Erzberg vergisst aber bei aller Kritik an seiner Umwelt auch nicht, sich über sein eigenes Lebenselixier – die Rage – lustig zu machen: "mein zorn wächst und wächst / kein verdammter schuldiger kommt vorbei / den ich fertig machen kann".

Der Befreiungsakt, den der Dichter inhaltlich vollzieht, indem er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wird formal fortgesetzt. Der Autor zeigt keine Scheu davor, die Ketten der Großschreibung und der Metrik zu sprengen. Die nur teilweise betitelten Gedichte – oftmals lediglich mit dem Eintragsdatum versehen – zeichnen sich durch häufige Wiederaufnahmen und -verarbeitungen bereits zuvor verwendeter Phrasen und Motive aus. Dies ist wohl auf die Lust Erzbergs zurückzuführen, sich in Zustände hineinfallen zu lassen und sie mittels seiner Sozio-Empathie auszuleben: "ich habe mich in meine vorstellung / derart hineingelegt / dass ich förmlich körperlich in eine / schieflage geraten bin".

Der Band wäre kein lyrisches Tagebuch, wenn er nicht auch einen sehr intimen Einblick in das private Leben des Autors geben würde. Denn neben allem Anprangern steht die Suche nach einem hoffnungsvollen Platz in der Welt – der über die Familie erschlossen wird – im Zentrum der Umschau. Immerhin umspannen die Aufzeichnungen jenen Zeitraum, in dem Eibel Erzeberg mit seiner Frau, Bettina Steiner, zwei Kinder bekommen hat (allesamt auch bildlich im Buch verewigt), die ihm einen völlig neuen Blick auf das Leben schenkten. Davon zeugt schon das Gedicht, das, einer Widmung gleich, noch vor dem Vorwort steht und in dem seine Tochter Hannah auf liebevollst väterliche Weise besungen wird. Es sind Erinnerungen an Jahre voll innerer Bewegung, aber auch familiärer Alltäglichkeit, wie die "gackgeschichten" für seine Kinder, die übrigens auch hin und wieder mal selbst "diktieren" und "dichten" dürfen, zeigen.

Schade, dass die Gedichte oft nicht ausgereift wirken und zu flach transportiert werden. So bleibt des Öfteren jener Tagebuchcharakter des schnellen Kritzelns übrig. Auf der anderen Seite – bedenkt man Sartres Worte "wie man lügen kann, wenn man die Vernunft auf seine Seite zieht" – erblüht gleichermaßen eine Poesie, die sich selbst von jeglichem Zwang, vernünftig zu sein und es den anderen gleichzutun, befreit hat. Und überhaupt, wie lautete Erzbergs resümee bis oktober 2006: "weniger sempern / mehr pempern". Das sollten wir uns doch alle zum Vorsatz nehmen!

 

Julia Zarbach
3. Februar 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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