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Erwin Uhrmann: Der lange Nachkrieg

Roman.
Hohenems: Limbus Verlag, 2010.
181 S.; geb.; Euro 18,90.
ISBN 978-3-902534-33-0.

Link zur Leseprobe

"Der Kaffee war bitter, ein Espresso. Zucker hat man mir zu bringen vergessen."

"Meine Großtante ist von einer Krankenschwester ermordet worden. Irgendwo in den 80er Jahren." Dieses Verbrechen gilt es aufzuklären. Denn die Krankenschwester Irmtraud, die in einem Pflegeheim zahllose Senioren ins Jenseits befördert hat und dafür lebenslänglich in Haft sitzt, wurde nie des Mordes an Tante Helene überführt. Für Hector, den Ich-Erzähler des neuen Romans von Erwin Uhrmann, wird die Aufklärung der Umstände um den Tod seiner Großtante zunehmend zur Obsession. Zwar hat er sie kaum gekannt – bei ihrem Ableben war er noch ein Kind – doch scheint für ihn sein weiteres Leben allein vom Erfolg dieser Unternehmung abzuhängen. "Wie hätte ich es Mutter sagen sollen, dass ich keine Arbeit annehmen konnte, solange ich nicht aufgeklärt hatte, was mit Tante Helene passiert war und warum sie mich in dieses Internat geschickt hatten und weshalb ich so schlecht schlief."

Die Erinnerungen an früher lassen Hector nicht mehr los. Nachts quälen ihn Albträume und bringen ihn um Schlaf und Verstand, bei Tage ist er schreckhaft, desorientiert, aggressiv. Er leidet unter Übelkeit und Halluzinationen. Seine Gegenwart wird immer unwirklicher, auch seine Mutter und seine Freundin Carla können ihn nicht mehr im Hier und Jetzt verankern, er verliert sich zunehmend in erinnerter und erdichteter Vergangenheit. In seiner Phantasie erweckt er nicht nur Tante Helene zum Leben, sondern lässt ehemalige Schulkameraden, russische Astronautinnen, deutsche Kusinen und verstorbene Onkel aufmarschieren und verwickelt sie in mal geistreiche, mal sinnfreie Diskussionen. Sie bilden die Begleitmusik für sein Leben, "die dann fallweise immer lauter zu drehen ist. Ludwig, Carla, Twigutschatka, Helene, Irmtraud, Mahler, Mutter. Und Nenad." Ob lebendig oder tot, wirklich oder eingebildet, für Hector sind sie alle gleich, Stimmen in seinem Kopf, die er beliebig an- und abstellen kann, Protagonisten seiner gedanklichen Eskapaden und erotischen Phantasien. Denn das Verdrängen ist Hectors Strategie. Dabei sollte er es doch besser wissen, als Einwohner Wiens, der Stadt Freuds, der bereits vor hundert Jahren erklärte: alles Verdrängte kehrt wieder und steuert unsere Gefühle und Gedanken; Vergangenes drängt sich Bahn und bestimmt unser Verhalten.

Hectors Reise in die Vergangenheit führt ihn zunächst nach Triest, denn "Triest hat die gleiche Farbe wie Tante Helene, und es riecht ähnlich. Und wenn man die Bilder von Tantes Ehemann durchsieht, während einer Sommerfrische um die Jahrhundertwende in Italien aufgenommen; Triest ist dabei gewesen."
Im Anschluss fährt er weiter nach Belgrad, denn auch dort erscheint es ihm, "als wäre Tante Helene da gewesen. Es lag an den weißen Lilien am Friedhofsblumenstand." Gemeinsam mit seinem Freund Nenad fährt Hector kreuz und quer durch die winterliche Nachkriegs-Stadt, auch hier stets eingeholt von der Vergangenheit, der eigenen wie der kollektiven: "Musste hier denn ein verdammter Krieg gewesen sein. Natürlich war ich deshalb gekommen. Weil es die Reste eines Ausnahmezustandes zu besichtigen gab. Den Krieg vor der Haustür, durch die man jetzt einfach durchspazierte, um sich etwas anzuschauen, das der Bergwanderer nicht sieht."

Mit dieser Diagnose reiht sich Uhrmanns Roman ein in die junge Literatur aus Südosteuropa, die das Trauma des Jugoslawienkrieges reflektiert, das bis heute als dunkler Schatten auf Städten wie Belgrad und Sarajewo und Orten wie dem Kosovo liegt. Vor kurzem erst hat die serbische Autorin Barbi Markovic in ihrem Debüt "Ausgehen" einen Abgesang auf das Belgrader Nachkriegs-Nachtleben geschrieben und mit den Worten "In Belgrad kann man nicht bleiben" der Stadt den Rücken gekehrt.

Auch Uhrmanns unheldischer Held Hector widmet sich der Frage des Umgangs mit dem blutigen Erbe des Krieges: "Die Mitte von Europa ist schon viel zu lange im Nachkrieg. Dort ist es langweilig geworden", doziert er. Die ehemaligen Kriegsschauplätze taugen höchstens noch als touristische Attraktion. "Zeig mir noch ein paar Gräber von Kriegsverbrechern, die man fotografieren kann", fordert er Nenad auf. Um seine vermeintliche Abgeklärtheit kurz darauf so eloquent wie verschwurbelt im Aufsatz "Warum ich eigentlich Moralist bin" zu rechtfertigen.

Wie Hector wähnt sich der Leser dieses so ungewöhnlichen wie gelungenen Romans zunächst in einem Krimi, der letztlich doch keiner ist. "Jemand war vor zwanzig Jahren genau so gestorben wie heute täglich Tausende." Mehr ist eigentlich nicht passiert. Eigentlich... Es gibt keinen Mörder, es gibt Hunderte – und solange ihre Taten nicht gesühnt sind, bleibt die Mitte von Europa gefangen im langen Nachkrieg.

"Ich trinke bitteren Espresso. Zucker hat man mir zu bringen vergessen."

 

Martina Wunderer
27. Mai 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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