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Ulrich Schmid (Hrsg.): Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts

Stuttgart: Reclam-Verlag, 2010.
432 Seiten; brosch.; Euro 11,-.
ISBN 978-3-15-015232-4.

Gleich vorweg: Eine durchwegs gelungene Einführung in das komplexe und manchmal sehr sperrige Feld der Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts, und damit genau genommen der Literaturtheorie schlechthin, macht doch der Herausgeber Ulrich Schmid in seiner informativen (allerdings etwas voraussetzungsreichen) Einleitung zu Recht geltend, dass die Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts "abgesehen von der philosophischen Ästhetik – im wesentlichen als Philologie" (S. 9) existierte. Dass das neue Jahrhundert inzwischen schon zehn Jahre alt ist und in dieser Zeit auch bedeutende Beiträge zur Literaturtheorie erschienen sind, schmälert das überzeugende Konzept des Sammelbandes nicht: Erstens sind die Literaturtheorien seit Ende des 20. Jahrhunderts keine reinen Texttheorien mehr – man kann also, so Ulrich Schmid, von einem Paradigmenwechsel hin zu Medientheorien sprechen –, zweitens sind die Medientheorien des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ohne die vorangegangenen literaturtheoretischen Entwicklungen nicht denk- und begreifbar, und drittens greifen die Beiträge, wenn es denn nötig ist, auch bis in die Gegenwart aus.

Das Konzept, der Aufbau und die einzelnen Beiträge des Sammelbandes überzeugen vor allem aus zwei Gründen: Erstens verdeutlicht der Herausgeber, dass die Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts durchwegs in der einen oder anderen Form auf fünf "zentralen Innovationen der Moderne" (S. 10) fußen: dem Marxismus, der Linguistik, Nietzsches Sprachphilosophie, der Psychoanalyse und der Phänomenologie – alle fünf werden in der Einleitung charakterisiert, ohne dass die begriffliche Präzision unter der Kürze der Vorstellung leiden würde. Schmid macht auch klar, was diese fünf Innovationen trotz aller Verschiedenheit eint, nämlich die Überzeugung, dass Subjekt und Ereignis, Geschichte und Gegenwart nicht einfach gegeben sind und von Zeichen nur mehr abgebildet werden können, sondern dass alle Sachverhalte (inklusive die Sachverhalte erkennenden Subjekte) kontingente und veränderbare Gegebenheiten sind, zu deren Konstruktion Literatur und Literaturtheorien ihren performativen Beitrag leisten. Dass sprachliche Phänomene Erkenntnis trotzdem nicht verfehlen, sondern letztlich erkenntnisfördernde Instrumente sind, mag den DenkerInnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts noch fremd gewesen sein. Spätestens seit der Entwicklung dekonstruktivistischen Denkens ist dieser Gedanke jedoch konstitutiv für alle Literaturtheorien – und Schmid weist auch darauf hin.

Mit dieser Vorbereitung gelingt es nicht nur der Einleitung, sondern dem Sammelband insgesamt, die einzelnen Beiträge, Theorien und TheoretikerInnen mit einem roten Faden zu verbinden – und daher ist es nur konsequent (und dies ist der zweite Grund dafür, dass das Konzept überzeugt), dass der Band die Theorien über eine Darstellung von TheoretikerInnen erläutert. Die einzelnen Beiträge (die auch für sich genommen eine gewinnbringende Lektüre erlauben, auch wenn sie an der einen oder anderen Stelle ohne Vorwissen nicht immer leicht verständlich sind) widmen sich folgenden Theorien und TheoretikerInnen: Formalismus – Viktor klovskij, Boris Ėjchenbaum, Jurij Tynjanov (verfasst von Annette Luisier), Strukturalismus – Roman Jakobson, Jan Mukařovský, Roland Barthes (Annette Luisier), Intertextualität – Michail Bachtin, Julia Kristeva, Gérard Genette (Anton Seljak), Dekonstruktion – Jacques Derrida, Paul de Man (Monika Schmitz-Emans), Hermeneutik – Hans-Georg Gadamer, Emil Staiger, Paul Ricur (Ilja Karenovics), Narratologie – Käte Hamburger, Wayne Clayton Booth, Franz Karl Stanzel (Andrea Zink), Biographische Ansätze – Wilhelm Dilthey (Linda Simonis), Marxistische Literaturtheorien – Georg Lukács, Walter Benjamin (Linda Simonis), Literatursoziologie – Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu, Lucien Goldmann (Anton Seljak), Diskurstheorie – Michel Foucault, Jürgen Habermas (Ulrich Schmid), Psychoanalyse – Sigmund Freud, Jacques Lacan (Jan Erik Antonsen), Kultursemiotik – Jurij Lotman (Dirk Uffelmann), Wirkungstheorie und Rezeptionsästhetik – Wolfgang Iser, Hans Robert Jauß (Jochen-Ulrich Peters), Gender Studies – Judith Butler (Sabina Becker), Postcolonial Studies – Edward Said, Homi Bhabha (Oliver Lubrich), New Historicism – Stephen Greenblatt (Ladina Bezzola Lambert), Medientheorien – David Bordwell/Kristin Thompson, Gilles Deleuze, Lev Manovich (Peter Riedel).

Allenfalls könnte man monieren, dass die Einteilung der Beiträge in drei große Teile (Textimmanente Ansätze, Interdisziplinäre Ansätze, Kulturwissenschaftliche Ansätze) trotz der Erklärung in der Einleitung etwas unklar bleibt, und dass Gayatri Chakravorty Spivak, die Écriture Féminine (Luce Irigaray, Hélène Cixous) und die Empirische Literaturtheorie> (Siegfried J. Schmidt) keinen eigenen Abschnitt bekommen haben. Aber das grenzte bei diesem umfangreichen Band mit mehr als 400 Seiten doch an Erbsenzählerei. (Und man könnte ja auch noch fragen, wo Umberto Eco bleibt und Norman Holland und Roman Ingarden und Clifford Geertz und Theodor W. Adorno und Stanley Fish und und und – und dann wird der Einwand absurd, zumal die genannten TheoretikerInnen fast durchwegs ohnehin thematisiert werden innerhalb der Texte.)

Dass keine allgemeine Erläuterung des Theoriebegriffes als solchem zu finden ist, stört nicht im Geringsten, im Gegenteil: Erstens hätte es den Rahmen des Bandes gesprengt, zweitens finden sich anderenorts genügend Überlegungen dazu, und drittens kann man davon ausgehen, dass der Band vor allem in Unterrichtssituationen (und als 'Nachschlagewerk') Verwendung findet, wodurch für ausreichende Einbettung (und ausreichendes Vorwissen bei LeserInnen) gesorgt sein dürfte. Hoch anzurechnen ist dem Band ein Personen- und ein Sachregister (wobei einige Namen, die in den Texten aufscheinen, im Personenregister fehlen) sowie die ausgezeichneten, kommentierten Auswahlbibliographien am Ende der Kapitel und eine Bibliographie mit weiterführender Literatur.

Die Beiträge sind durchwegs gleich aufgebaut: (1) Einer Kurzeinführung (in einem grauen Kästchen) zur jeweiligen Theorie folgt (2) eine Beschreibung derselben, bevor (3) die Texte zu den einzelnen TheoretikerInnen zu finden sind. Die Texte enthalten nicht nur einige biographische Hinweise (wobei 'dunklere Seiten' des Lebens der vorgestellten Personen – etwa Paul de Mans antisemitische Äußerungen während des Zweiten Weltkrieges – erfreulicherweise nicht ausgeblendet werden), sondern beschreiben auch Entstehungsbedingungen und Kontexte der zentralen theoretischen Texte. Dass zudem auch kritische Einwände gegen die Theorien berücksichtigt und diskutiert werden, trägt dazu bei, dass der Band insgesamt überzeugt. Der Vorwurf, dass dabei (vor allem mit 1 und 2) doppelt gemoppelt wird, ist nicht stichhaltig, macht es doch Sinn, und dies nicht nur aus didaktischen Gründen, das Denken und das Werk der TheoretikerInnen ausreichend zu kontextualisieren. Einige Wiederholungen nimmt man da gerne in Kauf. Dass die TheoretikerInnen nicht nur in den ihnen gewidmeten Kapiteln besprochenen werden, sondern auch in den anderen Beiträgen thematisiert werden, hat ebenfalls einige Wiederholungen zur Folge. Die Vorgangsweise ist jedoch nur konsequent, da die Theorien nicht nur eng miteinander verflochten sind, sondern die einzelnen Beiträge auch für sich alleine verständlich sein sollen.

Ein schöner, wichtiger und wertvoller Sammelband. Chapeau!

Martin Sexl
5. August 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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