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August Staudenmayer: Der Türspion

Roman.
Wien: Klever Verlag, 2010.
115 S.; brosch.; Euro 15,90.
ISBN 978-3-902665-24-9.

Link zur Leseprobe

Aufmunterung zum Voyeurismus oder Schutzvorrichtung? Schlüsselloch oder Türspion? Oder je nach Betrachtungsweise beides? Von diesem Kernaspekt handelt August Staudenmayers Prosa "Der Türspion". Sie ist beim Wiener Klever Verlag erschienen.

Der in Niederösterreich geborene und in Wien lebende Staudenmayer, Jahrgang 1961, erzählt von dem im mittleren Alter stehenden Protagonisten Meiwald, der in einer Wohnanlage in einer Großstadt wohnt. Seine Nachbarn machen in der Nacht Krach: Manchmal sind es die Jugendlichen, die um 3 Uhr in der früh laut sind, dann der schwerhörige alte Nachbar, der den Fernseher lauter stellt, oder Meiwald stellt sich vor, die Peitschenhiebe der masochistischen Prostituierten hören zu können. Das ist in etwa die "reale Rahmenhandlung" dieses Buches. Staudenmayer erzählt sie uns nicht direkt, sondern auf Umwegen. Er bedient sich der freien Assoziations- und Collagetechnik. Dabei vermengt er das Innere mit dem Äußeren.

Und hier kommt die Türspion-Metapher ins Spiel. Wie mit einer Weitwinkellinse betrachtet Meiwald die äußere Welt und sieht mehr als das Eigentliche: Er stellt sich beispielsweise die Stadt als Wald vor: Autos bilden für ihn wilde Tiere, Menschen wünscht er sich zu Bäumen. In Meiwalds Vorstellung treibt er auf diese Weise dem Menschen das wilde Verhalten eines Jägers aus. Wie durch zwei Türspion-Augen betrachtet Meiwald die Welt: Er verzerrt und beschränkt seine Wahrnehmung und entscheidet – der Funktion eines Türspions gemäß – ob er das Gesehene einlässt oder ignoriert.

Allerdings fungiert der Türspion, besser gesagt die Linse des Spions, auch als Linse eines Filmprojektors. So projiziert Meiwald auf die Wirklichkeit einen Film, den er aus seinen Gedanken und Gefühlen zusammenstellt. Besser gesagt lässt er ihn ablaufen, ohne ihn je gedreht zu haben. Es klingt verwirrend? Durchaus. Doch Staudenmayers ganze Prosa treibt die Frage um, was die Wirklichkeit bzw. die Wahrheit sei. Gerade wenn Linsen bzw. Objektive ins Spiel kommen, sind Wahrheit und Wirklichkeit eine fokussierte und zugleich beschränkte. Das Leben als eine Projektion: Eine Illusion und doch wahr, so scheint uns der Schriftsteller zuzurufen.

Staudenmayer ist mit dieser Prosa das Ausloten der Wahrheit aus unterschiedlichen Perspektiven gelungen. Seine wilden Gedankensprünge mögen nicht jedem schmecken, doch fließend und ausufernd, wie etwa bei Robert Prossers Prosa "Strom", sind seine Ausführungen nicht: Staudenmayer kehrt wohlkalkuliert zur vermeintlichen Rahmenhandlung zurück. Interessant werden seine Ausführungen am Ende des Buches, wenn der Autor uns die politische Dimension der Wahrheitsfindung vorstellt, indem eine banale Handlung wie Zähneputzen zu einem absurden Politikum wird. Eine Parodie auf die herrschende Terrorhysterie, wo u. a. banale Handlungen zu Terrorhandlungen umgemünzt werden. Bedauerlich nur, dass Staudenmayer diesen Aspekt nicht weiter ausführt – immerhin gelingt es ihm, dass wir darüber nachzudenken haben. Und uns so unseren eigenen Film schaffen.

Angelo Algieri
8. November 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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