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Dietmar Eder: Stadtrundfahrt.

Roman.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2004.
142 S.; geb.; Eur[A] 14,-.
ISBN 3-608-93693-9.

Link zur Leseprobe

Ein junger Mann, Xaver Kasfy, wird von seiner Mutter ans Totenbett des Vaters beordert. Es kommt zu einer letzten Begegnung zwischen Vater und Sohn, die auf das Fehlen einer emotionalen Bindung zwischen den beiden schließen lässt. Der Sohn ekelt sich vor dem Geruch des Sterbenden, weil er am Vortag gesoffen hat. Der Vater ekelt sich vor seiner Frau, die im Wohnzimmer die Trauergäste bewirtet. Im Testament hat er bereits verfügt, dass sein Sohn mit ihm als Leiche noch eine letzte Stadtrundfahrt - entlang einer festgelegten Route - unternehmen soll.

Klett-Cotta bewirbt das Buch im Klappentext als ein "schrilles, barockes Roadmovie: Sex, Blut und Tränen im Fahrpreis inbegriffen." Diese Beschreibung ist ein wenig irreführend, wenn man sie so versteht, dass es sich hier um ein Stück vergnüglichen Trashs, eine stimmungsvolle Autoreise mit Swing, Humor und ein paar melodramatischen Wendungen handeln könnte.

Tatsächlich ist der Roman zwar in einem sarkastischen Ton geschrieben, zugleich aber bitterernst. Mit den Mitteln der Übertreibung seziert Eder die morbide Kleinbürgerfamilie in der Provinz und fördert Psychosen, Lügen und Frust hinter einer passablen Fassade zutage. Die Mutter ist schon lange Alkoholikern, weil notorisch unzufrieden. Der Vater tröstete sich mit anderen Frauen. Der Sohn klinkte sich aus der realen Welt aus, als seine Schwester im Alter von 18 Jahren Selbstmord beging. Über seine bedrohliche psychische Verfassung lassen sich die Eltern später gerne hinwegtäuschen.

Inhaltliche und formale Bezüge zum Film, wiederum, sind offensichtlich. Die irreal-drastische Handlungsführung mit dem blutigen Showdown am Schluss erinnert an das Genre des Psychothrillers, das auch Spuren im Bewusstsein der Hauptfigur hinterlassen hat. Der Roman ist zudem in durchnummerierte "Szenen" unterteilt, an deren Beginn jeweils der Schauplatz kurz beschrieben wird. Diese Struktur der aneinander gehängten Episoden aus der Perspektive mehrerer Figuren spielt natürlich auch auf die literarische Gattung Drama an. Ein Zitat aus Shakespeares "Hamlet" ist dem Roman als Motto vorangestellt.

Der Prinz zerbricht an der Unmoral seiner Angehörigen. Doch während Hamlet seine geistige Umnachtung als taktischen Schachzug vortäuscht, um seine Gegner abzulenken, ist Xaver Kasfy ein waschechter Psychopath. Er bildet sich ein, der Vater habe seine drei Schwestern (von denen nur eine existierte) ermordet und im Garten verscharrt. Er erfindet sich einen Job und ein gemeinsames Leben mit einer Frau, die er in Wirklichkeit überfallen und vergewaltigt hat. Wahnvorstellungen prägen also seine Wahrnehmungen und Erinnerungen.

Die Stadtrundfahrt, zu der ihn sein Vater testamentarisch verdonnert, ist eine Reise in die familiäre Vergangenheit und soll Xaver wohl auch helfen, seine Sicht der Dinge durch die Hinweise des Vaters zu klären - ein posthumer, bösartiger Therapieversuch, der mit dem Tod des Patienten endet. Durchaus denkbar wäre auch, dass der Vater - ein Polizist von Beruf - sogar beabsichtigte, seinen nichtsnutzigen Spross auf diese Weise zu beseitigen.

Die Geschichte setzt sich aus unterschiedlichen Quellen zusammen: aus Xavers verzerrten Darstellungen, den korrigierenden Ausführungen seiner Mutter, Videoaufnahmen, die das Familienleben dokumentieren, und als außerfamiliäre Perspektive gibt es noch die Perspektive der von Xaver vergewaltigten jungen Frau.

Die lakonische, kühle Erzählhaltung soll dem Krimi vermutlich Leichtigkeit und Witz verleihen, das Tragödienhafte abschwächen. Es passieren zwar schreckliche Dinge, aber niemand ist deswegen traurig. Ein Running Gag sind zum Beispiel Xavers "Dialoge" mit der Leiche im Lieferwagen, die darauf basieren, dass der Sohn immer Fragen stellt und der Vater eben nicht mehr antworten kann. Was die griffig-coole Oberfläche dieses Romans nicht zu überdecken vermag, ist eine gewisse Unentschiedenheit im Verhältnis zum Trivialen - oder zur Tragödie. Das Durchbrechen erzählerischer Klischees, das doch auch beabsichtigt erscheint, ist dem Autor jedenfalls weniger gut gelungen als die Reproduktion von Klischees.

Christine Rigler
1. April 2004

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

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