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Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik.

Roman.
Salzburg, St. Pölten: Residenz, 2005
534 S., geb., Eur 24,90.
ISBN 3-7017-14040-5.

Link zur Leseprobe

Was hat John Deutschendorf, ein aus New Mexico stammender ehemaliger Architekturstudent, mit einem "Specksnijder" genannten, für das Harpunieren von Walen zuständigen niederländischen Marineoffizier zu tun? Ganz einfach: Der durch einen Unfall halbseitig gelähmte Zimmernachbar eines ebenfalls "Speckschneider" genannten Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr einer oberösterreichischen Kleinstadt erhält regelmäßig Besuch von seiner erwachsenen Tochter, die gerne Countryballaden hört - und zwar solche von John Deutschendorf, alias John Denver. Weit hergeholt? Dabei ist das nur ein harmloses Beispiel für eine der vielen Geschichten aus Erwin Einzingers Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik", die alle vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück führen. Taucht beim Lesen anfangs noch gelegentlich die Frage auf, warum Einzinger sein Buch ausgerechnet "Roman" nennt, erscheint diese Gattungsbezeichnung mit fortschreitender Lektüre immer zwingender. Wer sich von Einzingers Roman allerdings eine lineare Erzählung erwartet, wird enttäuscht sein. Die Geschichte, die hier erzählt wird, besteht aus einer Unzahl von kleinen Geschichten, von Anekdoten, scheinbar disparat und doch unentwirrbar miteinander verwoben. Digressionen und Abschweifungen sind Einzingers Erzählprinzip. Seinen Roman werden diejenigen genießen können, die die Bereitschaft mitbringen, sich von einem gewaltigen, urwüchsigen und unbegradigten Erzählstrom mitreißen zu lassen, der seine Gestalt ständig wechselt und doch der gleiche bleibt, in den unzählige Zuflüsse münden, und der auch den einen oder anderen toten Arm und so manches Sumpfgebiet speist.

Die Geschichte der Unterhaltungsmusik beginnt in etwa mit dem Siegeszug der Erbswurstsuppe der damals noch unbekannten Firma Knorr und endet mit der Präsentation von Andy Warhols Campbell-Dose. Vielleicht endet sie aber auch mit der Fußnote, die kindliche Phantasien über die Herkunft von Zahnschmerzen zum Thema hat. Man kann das nicht so genau sagen, was symptomatisch ist für einen Roman, der oft wie ein Sachbuch aussieht, gespickt mit Fußnoten, mit eben diesen er aber auch so manchen Schabernack treibt. Oft enthalten sie Entscheidendes. So geht es in einer der Geschichten um den russischen Zaren Peter den Großen, der zum Studium der Schiffsbaukunst einst inkognito in die Niederlande gereist war, was Albert Lortzing zur Oper "Zar und Zimmermann" inspirierte. Das nächste Kapitel dreht sich dann um Bob Dylan, der ja eigentlich Robert Allen Zimmerman hieß, und vielleicht hat man an dieser Stelle noch in Erinnerung, dass etwa 200 Seiten zuvor erklärt wird, dass das Wort "Dylan" aus dem Keltischen stammt und "Meer" bedeutet - was insofern kein Zufall sein kann, als Peter der Große auch hier in unmittelbarer Nachbarschaft Bob Dylans auftaucht, wiederum in einer Fußnote (in der er als "wilder Kotzer und übler Schmutzfink" dargestellt wird).

Bemerkt man nun im Zuge der Lektüre, dass es lohnend ist, Fußnoten nicht einfach zu überspringen, wird man damit auch automatisch Opfer eines Erzählers, der sich ein Vergnügen daraus macht, seine brave Leserschaft hin und wieder an der Nase herumzuführen, entweder um eine gelehrte Anekdote mehr anzubringen (das Faktenwissen des Autors ist, soviel nur am Rande, ehrfurchteinflößend), oder um sie einfach in die Irre zu führen. So wird einmal von einem verfallenen Bauernhof berichtet, in dem gebrauchte Kondome und "Papiertaschentücher, die zur Afterreinigung gedient hatten", herumliegen. Er ist von Dornen überwuchert, und in der Fußnote wird tatsächlich von Moses und dem brennenden Dornbusch erzählt. Aber hatte gerade Moses nicht auch irgendwas mit Jethro Tull zu tun? Und schon blättert man wieder ein paar Seiten zurück, auf der Suche nach einem angedeuteten Zusammenhang, der einem vielleicht wieder einmal im letzten Augenblick entwischt. Nicht genug loben kann man an dieser Stelle die Aufmachung des Buches. Personenregister und Lesebändchen erweisen sich für alle, die nicht wie Herman Melville getrocknete Stücke Walhaut als Lesezeichen benützen können oder wollen, als unentbehrliche Werkzeuge und Fortbewegungsmittel, gelegentlich auch als Rettungsanker in einem vielschichtigen Text, der Unterhaltung und Anspruch in Einklang bringt und sich nicht nur auf Unterhaltungsmusik beschränkt. Es handelt sich vielmehr um einen Streifzug durch die Geschichte der Popkultur, in dem die Unterhaltungsmusik den roten Faden darstellt.

Zusammengehalten wird dieser Text aber auch von zahlreichen Leitmotiven, wie der eingangs erwähnten Erbswurstsuppe, allerlei Wissenswertem über Büffel und das Leben der nordamerikanischen Indianer, kirgisischen, ubsbekischen und sonstigen Volksbräuchen, der Geschichte des Walfangs, verschiedenen Zubereitungsarten von Insekten, und - last but not least - einer immer wiederkehrenden, "Specktherapie" genannten traditionellen Heilmethode gegen Hautkrankheiten.
Das letztgenannte Leitmotiv deutet auch auf den Ursprung des Einzingerschen Erzählstroms hin. Die (ober)österreichische Heimat des Autors, ein gewisser "goût de terroir", ist in seinem Roman unverkennbar, sei es durch Anekdoten, sei es durch Ausdrücke, die dem "Gschisti-Gschasti" des österreichischen Alltags entspringen. Erwin Einzinger, 1953 geboren, stammt aus dem oberösterreichischen Kremstal, wo er auch heute noch lebt. Seit seinem ersten Lyrikband "Lammzungen in Cellophan verpackt" (1977) hat der studierte Anglist und Germanist amerikanische Gegenwartsautoren übersetzt und in relativ großen Abständen Lyrik- und Erzählbände herausgebracht, in denen er ein "Weltpanorama aus Alltagssplittern" (Evelyne Polt-Heinzl) erarbeitet. "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" ist seine erste Buchveröffentlichung seit zehn Jahren.
Einmal heißt es darin: "Obwohl sich derlei Dinge, sobald sie einmal zwischen Buchdeckeln festgehalten sind, verdammt konstruiert anhören, passieren sie in Wahrheit häufiger, als man denkt." Das klingt fast nach einer Rechtfertigung, derer es gar nicht so dringend bedarf. Man ist nach der gleichermaßen fordernden und lohnenden Lektüre von Einzingers Meisterwerk restlos davon überzeugt, dass die unglaublichsten Zusammenhänge immer und überall passieren, und zugleich dankbar, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, sie teils zusammenzutragen, teils herzustellen - und wundert sich auch nicht mehr darüber, dass Moby Dick mehr Gemeinsamkeiten mit einer verstümmelten Traunseeforelle hat als ursprünglich angenommen.

 

Georg Renöckl
30. Mai 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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