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Hanno Millesi: Das innere und das äußere Sonnensystem

Wien: Luftschacht Verlag, 2010.
172 Seiten; geb; 18,50 Euro;
ISBN: 978-3902373595.

Link zur Leseprobe

Was so eine Schreibblockade im Leben eines Autors anrichten kann: Erstens – naheliegend: Er kann nicht schreiben. Dann kriselt es eventuell in der Beziehung, wenn die Freundin den verstockt vor dem Schreibtisch Hängenden nicht mehr aushält. Schlussendlich zermürbt, entschließt man sich vielleicht sogar bürgerlich zu werden, ein Buchgeschäft aufzumachen vielleicht, man will ja auch von etwas leben. Für all diese Fälle hat Hanno Millesi in seinem Erzählband "Das innere und das äußere Sonnensystem" Rezepte auf Lager.

Gut ist es, wenn man bei seinem Unternehmen, ehrbar und anständig in den Wirtschaftskreislauf einzusteigen, Freunde hat, die einem raten. Andreas ist so jemand, Ulrike ebenfalls, auch Holger und Gudrun. Ihnen verdankt der Icherzähler "unheimlich viel. Vor allem strategisch": "Sie haben keine Mittel, deinen Widerstand zu brechen, sie können unmöglich deinen Widerstandswillen brechen" - also durchhalten, wenn's nach der Firmengründung mal schwierig wird. Und "nicht durch Zwang, sondern nach dem Prinzip tief empfundener Freiwilligkeit" soll man seine Angestellten führen. Denn: "Führung ist nur erträglich, wenn sie eine Waffe des Kollektivs ist." - Also die Gehälter pünktlich zahlen, dann haben alle was davon, so einfach ist das. Wer's noch nicht erraten hat: Die vier, die dem Jungunternehmer da auf die Sprünge helfen, heißen Baader, Meinhof, Meins und Ensslin.

Für die Beziehungskrise gibt's einen anderen guten Bekannten, der Tipps gibt: Man solle doch ein paar Veränderungen zulassen. Einmal im Dunkeln essen; sich radikal gegenseitig die Wahrheit sagen; sich gegenseitig seine Träume erzählen. Dass die Ratschläge dem Icherzähler mehr Probleme als sonstwas machen und keineswegs seine Beziehung retten, liegt daran, dass es der offenbar leicht bösartige Surrealist Andre Breton ist, der sich da aus dem Jenseits zu Wort meldet.

Und die Wurzel allen Übels, die Schreibblockade, gehen Millesis Protagonisten meist mit Hilfe guter Kollegen an – wer da von Beuys bis Kerouac alles zu Wort kommt! Ein Icherzähler lässt es sich beispielsweise nicht nehmen, die Gedenktage aller seiner Vorbilder in ihrem ganz individuellen Stil zu begehen – zu Emily Dickinsons Todestag wird versucht, jemandem nackt die Tür zu öffnen, zu Malapartes Geburtstag begibt man sich mit Wildlederhandschuhen bewehrt auf die Suche nach einem Windhund. Bei Scott Fitzgerald, Poe und Lowry wird einfach viel getrunken, jeweils das Lieblingsgetränk des Dichters.

Solchermaßen erzählt Millesi von den verzweifelten Ausbruchsversuchen und Ritualen, denen man verfallen kann, wenn am Schreibtisch lähmender Stillstand herrscht. Der Ton all dieser Geschichten – bestimmt von einer unaufgeregten, distanzierten, aber nur vermeintlichen Sachlichkeit – herrschte auch schon in früheren Texten vor: Bei so manchem Bachmannjuror hat er dabei für Unverständnis gesorgt, bei anderen dagegen (Radisch, Nüchtern, Strigl) für umso größere Zustimmung. Hier fügt er sich perfekt in die Erzählungen und schweißt sie so gut zusammen, dass man daran zu zweifeln beginnt, ob es denn überhaupt separate Erzählungen sind. Die meisten sind es nämlich eigentlich nicht: Es sind Versuchsanordnungen, in denen der Autor seinen Erzähler immer neuen Fehldeutungen des Begriffs der Intertextualität aufsitzen lässt.

Eine Handvoll Texte sticht da allerdings hervor – da wird beispielsweise von einem Aufwachsen erzählt in Momenten langsam erwachender (wenn auch ironisierter) Selbstermächtigung – Übernachten bei Freunden, Drachensteigen mit Mädchen – Erinnerungen, die in der Montage jeweils mit dem Tod eines berühmten Menschen verquickt werden. Auch hier, in der berückenden Geschlossenheit dieser Texte, merkt man, dass Millesi vom Schicksal seiner anderen Protagonisten wohl verschont geblieben ist.

An einer Stelle heißt es, es gebe drei Sorten von Schriftstellern: Erzähler, Dichter und Erfinder. Unschwer zu erraten, zu welchen er sich selbst zählt: Millesis Texte sind fein montierte, mit skurrilem Humor und ironischer Distanz geölte Verweismaschinen, serielle Anordnungen, in denen sich seine Alter Egos zum Clown machen beim Versuch, ihrem jeweiligen Ideal nahezukommen.

Wie man seine Literatenkarriere nicht retten kann, das lernt man hier, und auch, dass die Orientierung an großen Vorbildern ihre Schattenseiten hat. Im letzten Text melden sich dazu Franz Kafka, die Amerikanerin Sylvia Plath und der Japaner Ryunosuke Akutagawa bei ihm: der erste ein Dichter mit bekanntermaßen wilder Angst vor seinem Vater, die zweite eine Dichterin, die ihrem Erzeuger gegenüber durchaus inzestuöse Gefühle verhandelt und der dritte – ein Adoptivkind. Wenn damit nicht jedem, der auf der Suche nach einer Vaterfigur ist, ein paar Winke gegeben sind.

Bernhard Oberreither
24. November 2010

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.





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