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Hans Eichhorn: Unterwegs zu glücklichen Schweinen.

St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2006.
135 S.; geb.; Eur 17,90 EUR.
ISBN 3-7017-1444-4.

Link zur Leseprobe

"das uralte Gesicht einer Fischgräte" oder Von der Ästhetik des Fischens

Es gibt zwei Arten zu fischen: die Treibjagd oder das Fischen mit Stellnetzen in der Hoffnung, dass die Fische von selbst in das Netz hineinschwimmen. "Beides", so Hans Eichhorn, "ist auch mit Sätzen möglich: dass man ganz bewusst und gezielt auf Jagd geht oder dass man umwegartig Sätze auslegt, anpeilt oder Sätze beginnt, die andere Sätze nach sich ziehen; bis ein Satz auftaucht, der so etwas wie Beute sein kann, der sich in den anderen Sätzen verhängt und der dann herausgezogen wird." Hans Eichhorns Fischrevier liegt im oberösterreichischen Attersee. Dort wirft der Berufsfischer und Schriftsteller seine Sätze ins Wasser und wartet, was der Tag in seine Wortreuse spült. Hans Eichhorn setzt auf den Zufall: beim Schreiben und beim Fischen.

Der Autor ist fasziniert vom "Tachismus", dem malerischen Bekenntnis zum Spontanen, Zufälligen. Mit seinem Buch über "Wols", einen der Begründer der tachistischen Kunstrichtung, hat er sich diese gestische Malerei der intuitiven seismographischen Linien literarisch anzueignen versucht. "Wols ist für mich ebenso ein Anstoß wie die Erkenntnis, dass ich eigentlich blind bin, dass ich zuerst etwas sehen muss, das bereits auf der Leinwand oder auf dem Papier ist. Was da ist, gewinnt Kontur, und dann mache ich etwas damit (...), und dann versuche ich, mit ihnen weiterzuarbeiten, sie so lange hin- und herzubewegen, bis ich mir denke: Ja, das ist etwas, (...) das neu für mich ist".

Farben, Zeichen oder Wörter sind für Hans Eichhorn gleichwertiges Material. EinEs seiner tachistisch anmutenden Bildkunstwerke ist auch auf dem Umschlag seines neuen Gedichtbandes zu sehen. "Unterwegs zu glücklichen Schweinen" heißt der zum Schmunzeln anregende neue Buchtitel des gerade Fünfzigjährigen. Skurill verdrehte Banalitäten versprechen auch die Gedichttitel: "Der Steckdosenverteiler schreit", "Der Autositz ist kein Unterwegs", "Vergiß den Kühlschrank" oder "Ein Wurstsemmelessen wird vorbereitet" lauten die ersten Zeilen und Überschriften der lyrischen Texte. Tatsächlich sind in den Versen merkwürdige, scheinbar unzusammengehörige Alltäglichkeiten dicht aneinander montiert. So findet sich die besorgniserregende Blutsenkung neben dem geflochtenen Einkaufskorb, traben Kinderschuhsohlen vor eine Staffelei aus Buchstaben, oder das Raum-Zeit-Kontinuum schiebt sich in die Mehrfachsteckdose. Eng ist das wahrgenommene Sehfeld. Zumindest oberflächlich. Von immer wiederkehrenden täglichen Hausarbeiten ist die Rede: Erdäpfel kochen, Wäsche aufhängen, einkaufen, das Kind von der Schule abholen und dazwischen der Blick auf flimmernde Fernsehbilder und den Computermonitor bestimmen den unspektakulären Tagesablauf.
Alles, was in den Netzen der alltäglichen Wahrnehmung hängenbleibt, findet man vor. Aber das Gedichtganze ist mehr als die Summe seiner Verse. Es sind "Kaskaden / von Wirklich/Möglichkeitskeimen / versenkt im Erdreich Papier." Die sorgfältige Auswahl und Kombination der zufällig hereingespülten Alltagsbilder macht die eigentliche Kunst des Fischens und Dichtens aus. In der ungewöhnlichen Zusammenstellung des Vorgefundenen wird die Oberfläche plötzlich durchscheinend. Analog zu den sich aus tachistischen Farbflecken herausbildenden Konturen verdichten sich die Wörter in Hans Eichhorns Gedichten zu Mustern. Zu Wortgemälden, die in ihrer überraschenden Neu-Kombination die begrenzten begrifflichen Bedeutungen ironisieren. Collagen, die sich dem spontanen logischen Konsum bewusst verweigern und auf das Vorbewusste zurückverweisen.

Die Gedichte sollen "VON SELBST etwas zur Sprache bringen". Analog des Wolschen Ideals vom "Augenschließen und Das-Bild-sich-unter-dem-Augenlid-verdichten-Lassen" sollen die Wörter sich vor der begrifflichen Fremdbestimmung selbstständig anordnen. Denn, so Hans Eichhorn, "jedes Wollen / (...) verpaßt dem / Satz den Maulkorb". Als erfahrener Wortfischer fragt er deshalb täglich neu: "Woher weht der Wind? Jede Richtung / ist willkommen". Nur so fängt man jeden Tag "das erstgeborene Wort", das unbekannte "Ichweißnichtwort". Urplötzlich bildet sich in den wieder und wieder herangespülten Bildern, der wellenähnlichen Bewegung der Verse der unerwartet ausgeatmete Satz, mit dem die Stunde keimt.
Wie beim Fischen gelingt das nicht jeden Tag. Der tägliche Gedichtfang ist nicht immer gleich ergiebig. Aber oft genug zieht Eichhorn in seinen Sprachnetzen eigenwillig Neues an die Oberfläche. Gedichte, manchmal auch nur ein paar Verse, die wie "das uralte Gesicht einer Fischgräte" plötzlich aufleuchten aus der "nur mehr ausrinnende[n] Wassersprache". Voller Hoffnung auf einen guten Fang wirft Eichhorn geduldig seine Sprachnetze aus. Und holt dabei Dinge aus der Tiefe, die den Leser oft irritieren, manchmal enttäuschen, aber auch ein ums andere Mal zum Staunen bringen.

 

Michaela Schmitz
2. März 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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