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Fabian Faltin: Gute Macht

Roman.
Wien: Milena Verlag, 2010.
155 S. Klappenbroschur;
Euro 15,50.
ISBN 9783852861944.

Link zur Leseprobe

Listen sind das Sicherheitsnetz der Vielbeschäftigten.
Wer mit seinen Aufgaben nicht zurecht kommt und Ordnung in einem hektischen Alltag schaffen will, der/die notiert, sortiert, katalogisiert.
Was für die Reise einpacken? Was einkaufen? Was erledigen? An Listen lässt es sich gut festhalten. Und mit einer Liste hat man zumindest das Gefühl, HerrIn der Informationsflut zu werden.

Selten aber wird die Liste auf dem Küchentisch wohl so aussehen:
TC. 3.00.0031 Santana
TC. 3.00.0032 Salita
TC. 3.00.0033 Mrs Oakley Fisher
TC. 3.00.0034 Gabbiano

Die Augen müssen sich daran gewöhnen. LeserInnen von Fabian Faltins Debütroman "Gute Macht" mögen sich zunächst ein wenig plagen. Doch rechtzeitig, bevor sie aussteigen, nimmt sie der Autor an der Hand: Es handelt sich in obigem Fall um eine Liste aller strahlungsresistenten Rosensorten. (Später gibt es noch weitere Listen, etwa der Top Renn- und Sprungpferde: TC. 5.00.0000.001 Lord Sinclair, TC.5.00.0000.02. Status Quo. Auch die Bezirke der Stadt werden sorgfältig katalogisiert: etwa Einzugsgebiet 80003B bis 10997-0.)

Der Verfasser dieser kryptischen Notizen ist Protagonist Kirk.
Kirk gilt als letzter Akademiker. Der Letzte, der sich in einem auslaufenden Informationszeitalter an die Konventionen des methodischen Denkens hält. Er ist ein Freak, ein Einzelgänger, der aus seinem Wohnzimmer heraus versucht die Welt zu erfassen, zu katalogisieren. Und der versucht, sich vor den Entwicklungen der Außenwelt zu schützen.
Die Apokalypse naht. Blaue Strahlen legen die Welt lahm. Mit einer schlichten Motorradkluft - bis zum Kinn hochgezogen - will sich Kirk in seinem Bungalow, den er zu seinem Bunker macht, schützen.

Faltin, Jahrgang 1980, ist es gelungen, seine Hauptfigur klar zu zeichnen: ein depressiver, leicht spießiger Antiheld, der im Untergrund lebt. Ein Individuum, befallen von einer dumpfen, schwarzen Trägheit. Kirk zieht sich zurück, bricht Kontakte zur Außenwelt ab. Kommuniziert kaum noch.
Bis er Bekanntschaft mit einer jungen Journalistin, Cruz, macht. Lebenslust kehrt zurück, die nicht ausgelebt werden kann, da die Außenwelt zerfällt. Alles verschmilzt, die Umgebung wird von der Strahlung zerstört. Die Nahrung wird knapp, Wetterkapriolen gefährden die Existenz: Frost, wüstenhafte Sandstürme, Explosionen.
Die Gesellschaft zieht sich in riesige Kühlhallen zurück, um sich vor dem Draußen zu schützen. Und Kirk ist der Einzige, der die Welt retten kann. Er muss seine politischen Triebe aktivieren. Ein politisches Programm PP.1 verfassen. Die Gute Macht anrufen.

Faltins Debüt liest sich zunächst wie ein Science-Fiction-Roman. Für LeserInnen, die andere Genres gewöhnt sind, mag dies den Einstieg erschweren. Einige Kapitel braucht man dann, um sich in dieser Welt der Strahlen, Zahlen und binären Codes zu orientieren. Wer Handlungsreichtum erwartet, wird vergeblich suchen. Viel eher erzeugt Faltin, der Sozialwissenschaften, Philosophie und Ökologie studiert hat, eine besondere Stimmung. Ein Gedankenexperiment. Es geht um politischen Aktivismus, der sich in den Vordergrund drängt.
Politik hatte mehr zu sein als akademische Arbeit. Politik war mehr als Klimapolitik. Politik war mehr als Sex, Sturm und Drang. Hormone und Wetterumschwünge und Planwirtschaftsphantasien hatten in seiner Art von Politik ohnedies nichts verloren. PP.1 war Politik in Reinkultur. Politik in Reinkultur, motivierte sich Kirk, knallhart, yeah. (S. 124).

Der Protagonist, eine Denkfigur des Autors, fordert ein Recht auf Liebe, Träume, Gelassenheit. Entschleunigung.

Faltin – und wohl auch sein Verlag – denken hier ganzheitlich. Denn: Der Titel, der ein wenig banal, fast unüberlegt klingt, enthält einen Seitenhieb auf eine automatisierte, reizüberflutete, getriebene Welt. Faltin leitet ihn von einer Erfahrung mit einem Handy ab: Versucht man Gute Nacht zu schreiben, steht auf dem Bildschirm Gute Macht.
Mit 155 Seiten bleibt das Buch überschaubar, Fotos – hauptsächlich Urlaubsaufnahmen – erinnern an die Außenwelt, bevor man sich (zu sehr) mit dem Protagonisten Kirk in den Bungalow verzieht. Es sind Aufnahmen von Reisen. Leere Strände, eine Werbetafel, ein Blumenstrauß. Ziel- und emotionslose Impressionen, die gut zu einem Roman über eine desillusionierte Gesellschaft passen.

Emily Walton
25. November 2010

Für die Rezensionen sind die jweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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