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Günter Eichberger: Nein.

Klagenfurt und Wien: Ritter Verlag, 2006.
119 S.; brosch.; Eur[A] 13,90.
ISBN 3-85415-388-0.

Link zur Leseprobe

Eichbergers jüngste Buchpublikation unterschlägt wohlweislich die Gattungsbezeichnung, lässt sich der Text doch kaum einem Genre definitiv zuordnen. Lose aneinander gefügte Prosastücke, in die Tagebuchpassagen und lyrische Sequenzen eingestreut sind, ergeben ein schwer fassbares Ganzes, dem nur mit großer Hartnäckigkeit ein Grundthema abzuringen ist: das Geschäft des Schreibens.

Augenscheinlich befindet sich ein Schriftsteller auf einer Zugfahrt. Erinnertes verquickt sich mit Erdachtem, Beobachtungen gesellen sich zu metaphysischen Reflexionen. Jede Wahrnehmung birgt zugleich die Möglichkeit einer Geschichte in sich, die allerdings nie erzählt wird. In zahlreichen Anläufen wird der Versuch unternommen, eine Figur zu zeichnen, sie in einen Schauplatz einzufügen. Von Alkohol, einer Frau und dem Meer, das sich hoffnungsvoll in den Erzählhorizont schiebt, ist verschiedentlich die Rede. Eine Schreibblockade und der grundsätzliche Zweifel am Gelingen eines Plots vereiteln das Schreibprojekt allerdings.

Doch welche Geschichte meinen wir oder meint vielmehr der Autor? Wären nicht die letzten siebzehn Seiten, müsste der Leser vor der kryptischen Lektüre kapitulieren. Schließlich kristallisiert sich eine Art von Handlung aus dem Sprachbrei heraus.

Unversehens werden wir mit der Todeskrankheit des schriftstellernden Protagonisten konfrontiert, die sich letztlich als therapierbar herausstellt. Ein von den Nationalsozialisten ermordeter Großonkel des Autors, der den Stoff zu einer packenden Geschichte abgäbe, taucht plötzlich auf. Doch die Erzählinstanz wirft abermals das Handtuch und geht baden. Am Meer, wo wir inzwischen angekommen sind, riecht es nach "Neubeginn", der dann so aussieht: "Ein Mann, nicht mehr jung, noch nicht alt, watet ins / Wasser. Bald reicht ihm das Wasser bis zu den Knien. / Als es seine Hüften erreicht, beginnt er zu schwimmen."
Der Held (wäre dieser Terminus nicht zu hoch gegriffen) verabschiedet sich, während der Leser verwaist am Strand zurückbleibt. Was nun mit den zahlreichen Andeutungen und jeder Menge Sprache anfangen?

Man hätte die Krise des Erzählens seit dem nouveau roman überwunden geglaubt, belehrte uns nicht Eichberger eines Besseren. Das sich vornehmlich im Konjunktiv äußernde Misstrauen gegenüber Figur, Schauplatz und Handlung geriert sich in Nein als epigonales Nachwort zum sattsam bekannten Ende der Fiktion. Dabei ist die Parodie der Lese- und Erzählsituation spätestens seit Italo Calvino ausgereizt. Was uns mithin in dieser Prosa als Werkstattbericht präsentiert wird, bleibt metafiktionales Geplänkel, also literarische Nabelschau, die noch manches Schlagwort aus der postmodernen Mottenkiste legitimieren würde. Freilich zu welchem Ende?

Eichbergers "Repertoire von Allerweltssätzen" mag zwar als Exempel potenzieller Literatur angehen, lässt beim Lesen indes ein Gefühl des Bedauerns zurück. Darüber trösten auch kluge Sentenzen wie die folgende nicht hinweg: "Und ich frage mich, warum mir öfters Sätze, die keinem Sachverhalt entsprechen, eher zu stimmen scheinen als die anderen, die alle Welt glaubt." Solcherlei Aussagen tut man im Angesicht der Literaturgeschichte nicht ungestraft. Sie sind zu altbacken, um neu zu sein, und lassen genuines Bemühen um Originalität vermissen.

Es ist beklemmend, feststellen zu müssen, dass der Autor, wie im Text anklingt, nur "Dienst nach Vorschrift macht" und sich in poetologischen Spielereien ergeht, die es sich versagen, verbindlich zu werden: "Da spricht etwas. Da drückt sich etwas aus. Da will sich etwas bemerkbar machen. Und vielleicht bin ich noch nie zu Wort gekommen." Vielleicht.

 

Walter Wagner
3. Mai 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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