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mit Sprache unterwegs. Literarische Reportagen

Herausgegeben von Manfred Müller und Kurt Neumann
Edition Atelier, Wien 2010
323 Seiten, brosch., Euro
ISBN 9783902498328

Link zur Leseprobe

Die Rahmenhandlung: elf österreichische literarische Einrichtungen beauftragen zehn österreichische AutorInnen, herauszufinden, was literarische Reportage im 21. Jahrhundert zu leisten vermag. Die vage thematische Ausrichtung lautet: „Migrationsproblematik, das Leben in den Vorstädten, Minderheiten, technischer Fortschritt und Industrialisierung“ (S.315). Joseph Roth fungiert dem Projekt als Pate, von Ilija Trojanow ist die Einleitung, zwei bekannte Persönlichkeiten des Wiener Literaturbetriebes, Manfred Müller und Kurt Neumann, sind die Herausgeber. Die Widmung gilt der 2010 nach schwerer Krankheit verstorbenen Projektteilnehmerin Eugenie Kain.

Höchst informativ, daher spannend, literarisch hochwertig, weil höchst unterschiedlich in ihrer jeweiligen Herangehensweise sind die Reportagen, die durchschnittlich dreißig Seiten lang in eine andere Welt entführen. Konzeptuell untermauert geht es um Fremdsein und Fremdheit auf Reisen im Zeitraum 2009/2010 und um die Erforschung freiwilliger und unfreiwilliger Migration und deren Folgen. In jedem Fall hat die literarische Reportage einen gesellschaftspolitischen Hintergrund, beginnt mit dem Aufsuchen der fremden Orte, erzählt ihre Geschichte, beschreibt die eigene Fremdheit und den Grund des Kommens, lässt sich auf Begegnungen mit dort lebenden Menschen ein, gibt Meinungen und Beobachtungen wieder, stellt Zusammenhänge her, zieht Rückschlüsse aus dem Gesehenen, Gehörten und Erfahrenen und wird des Öfteren durch Fotos ergänzt. Die Bandbreite der Umsetzung reicht von Dokumentation bis Fiktion in allen Facetten. Geograpisch gesehen lassen sich die Reportagen nach Fern-und Nahzielen unterscheiden.

Den größten Radius zieht Lydia Mischkulnig mit ihren Reisen nach Südafrika, Irland, Polen und in die Türkei auf der Suche nach Migrantenschicksalen, die sie (psycho)analytischen Überlegungen unterzieht. Ihre These: „MigrantInnen der zweiten Generation“ leiden trotz materieller Verbesserung an der erzwungenen Entwurzelung. „In der Funktion als Autor bin ich gleichzeitig Anverwandler wie Umwandler von Welt“, Nachsatz: „meiner zumindest.“ (S.154) Während ihr die theoretische Verankerung ihrer These angesichts der Behandlung von Patienten in Kapstadt und in Wien Steinhof von einem kritischen Standpunkt aus gelingt, kommt ihr dieser auf ihrer Reise nach Auschwitz abhanden. Die Angst vor dem befürchteten Grauen, das sich in der am Ostersonntag mehr oder weniger geschlossenen Gedenkstätte anders als vermutet einstellt, lässt Lydia Mischkulnig den Faden verlieren. Es bleibt nichts mehr zu denken als: „Ich will weg.“ (S.186)

Ein stärkerer Kontrast zum „Ereignis“ Auschwitz als der, den der polnisch-österreichische Schriftsteller Radek Knapp liefert, ist kaum vorstellbar. Seiner Meinung nach hinterlässt Auschwitz bei seinen Besuchern ganz einfach einen verbitterten Zug um den Mund. Mit gewohnt humoristischem beziehungsweise sarkastischem Blick reist er in die vormalige Heimat. Die „Flugangst im Zug“, die den Reiseunwilligen begleitet, ist angesichts der eingeflochtenen Ankedote über die Flugzeugreparatur in einer Aeroflot-Maschine auf dem Weg von Singapur nach Warschau nachvollziehbar. Man kann es Knapp daher nicht verübeln, dass er überlegt, ob „ich nicht besser hätte zu Hause bleiben und den Zweck meines Besuches mit Google Earth erledigen sollen.“ (S.130) Dann wäre man allerdings nicht in den Genuss dieser Erzählung über die Mentalität seiner ehemaligen Landsleute in der gegebenen Krisensituation „Flugzeugabsturz mit Präsident“ gekommen.

Spurensuche betreibt auch der Burgenländer Clemens Berger, sind doch 63.000 seiner Heimatverwandten in die Vereinigten Staaten ausgewandert, um dort ihr Glück zu versuchen. Diejenigen, die er in New York und Chicago besuchte, haben es gefunden. Zurückgekehrt ist kaum jemand in die Orte der Herkunft, die in seeliger Verklärung entschwunden sind oder den Nachfahren als „Dritte Welt“ erscheinen. Die Kluft zwischen dem jungen Autor und den amerikanisierten Kohfidischern und „Oawawatan“ ist nicht nur geographischer sondern auch inhaltlicher Natur. Es bestätigt sich, dass eine gelungene Immigration nicht ohne freiwillige Assimilation, die von Stolz und Zufriedenheit mit der neuen Heimat getragen wird, abläuft. Die Schlusssequenz des Beitrages mit der Gegenüberstellung vom Umgang mit Migranten stellt das deutlich heraus. Hier das chinesische Neujahrsfest in New York: „Ihr“, sagte Senator Schumer, „die hart arbeitenden Immigranten, seid jene, die diese Stadt zu dem machen, was sie ist. Ihr seid New York!“ Und da die Schlagzeile der meinungsbildenden heimischen Tageszeitung „Deutliches Nein zu Asylzentrum“. (S.84)

Auch Doron Rabinovici beschäftigt sich im weiteren Sinne mit seiner Herkunft. Überraschend dabei ist, dass er nicht nach Israel, sondern nach Indien reist. Dort geht er einem Phänomen der israelischen Jugend, die es in Massen nach Goa treibt, nach. Vom Militärdienst geschädigt, von der Besatzungspolitik frustriert, wenden sie sich von der Heimat ab oder verlangen zumindest nach einer Auszeit. Rabinovici stößt hier aber auch auf eine andere Bewegung, die „Chabadniks“, ultraorthodoxe Juden, die die Abtrünnigen zumindest in Sachen Religion wieder heim holen wollen. Längst ist diese Region von einer Community von braungebrannten, geschäftstüchtigen Alt-Hippies besetzt, die aus allen Erdteilen der Welt kommt und von den jugendlichen Rucksack-Touristen und deren Drogenkonsum lebt. Die meisten der jungen Israelis kehren aber ohnehin bald enttäuscht heim, da sie erkennen, doch nur das heimische Kollektiv gegen das „Lonely Planet“-Kollektiv getauscht zu haben. Zudem setzt Indien langfristig auf die Vertreibung der Drogenkonsumenten (inklusive anti-jüdischer Hetze) zugunsten eines saubereren und einträchtigeren Pauschaltourismus.

Ein nicht weniger exotisches Reiseziel hat die in Südkorea geborene Anna Kim im Selbstexperiment aufgesucht: Grönland. Mit ihrem „Existenzkonzept“ und dem Reisen, das sie als ein Bewegen an Grenzen versteht, verschränkt die Autorin Dokumentation, Philosophie und Literatur, was ihren Beitrag zu einem der interessantesten des Buches macht. Kim nistet sich in Nuuk ein, der Hauptstadt, wo 90 Prozent der in Grönland ansässigen Dänen leben. Akribisch beschreibt sie das Stadtbild und recherchiert die Geschichte des Landes. Die Zwangsassimilation der Inuits durch die Dänen, die jetzt wieder rückgängig gemacht werden soll, ist ein heikles Thema. Die europäische Asiatin Anna Kim dringt ein ins Private und überschreitet allein durch ihr Aussehen die Grenze des Zumutbaren. Fragen nach Zuordenbarkeit sind aus ihrem Mund besonders verwirrend. Dass sie Österreicherin ist („so etwas vollkommen Absurdes!“, stellt die dänisch-grönländische Gastgeberin fest, S.108), wirkt ebenso wenig glaubhaft wie die Tatsache, dass sie kein Grönländisch spricht. „Der Reisende ist der Zwilling des Fremden, die verborgene Seite unserer Identität.“ (S.106) findet Anna Kim auf ihrer Reise heraus.

Ein eigenes Projekt führte Christoph W. Bauer in viele Länder, in denen er die letzten lebenden Zeitzeugen, die 1938 aus Innsbruck vertrieben wurden, aufsuchte. Daraus erfolgte das Konzept für das Thema „Heimat und deren Verlust“. In seiner spielerischen Verbindung von Dokumentation und Fiktion wird er von Roths Erzählfigur Trotta persönlich an die Hand genommen. Bauer zeigt in Joseph Roth den Vorläufer all jener Heimatlosen, die ihm im Lauf des Krieges noch in die Verzweiflung folgen sollten und in England oder Israel bis heute auf die unerreichbare Rückkehr in die geistige Heimat warten. Wie Roth haben sie Heimatverlust erfahren: „Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und größer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und gütig …“ (Roth, S.16). Bauer: „Solche Sätze wurden mir zum Land, das mir nachfuhr in die Ukraine, nach Frankreich…“ (S.44) In solchen Sätzen reist Bauer in Wahrheit. In der Fiktion findet er Joseph Roth, aber nicht in der realen Welt der Bahnhofstraße in Brody, dem Heimatort des Dichters.

Noch konsequenter setzt Peter Rosei das Mittel der Fiktion ein, um über Ferne und Fremde zu berichten. Ein „alter Herr“ führt den inneren Monolog auf seiner Fahrt ins grenznahe Ungarn. Aus dem ehemals abgeschotteten Nachbarland hat sich ein florierendes Geschäftsfeld entwickelt. Dazu kommt ein chauvinistischer Gedanke: „Seit die Ungarn, und all die anderen Ostler, in Europa mit von der Partie sind, kommt mir Österreich, wie soll ich sagen, kommt es mir wieder größer vor.“ (S.256) Mit dieser Haltung ist der alte Herr nicht allein. Heute ist sich der ehemalige Geschäftsmann dessen bewusst, dass er von seinen vielen Reisen in die ganze Welt nichts als bruchstückhafte Erinnerungen mitgebracht hat. Die letzte Chance, umzulernen, vergibt er. Er steigt aus der bequemen Beziehung zur Ungarin Etelka aus und in eine noch bequemere mit zwei Wienerinnen ein. Obwohl ihn diese eines Besseren belehren, beschließt der alte Herr, ein alter Depp zu bleiben.


Auch der in Wien und im Burgenland lebende Autor Martin Pollack konzentriert sich in seiner Reportage auf die nähere Umgebung. Er geht der Geschichte der 5007 Roma nach, die 1941 vom Burgenland nach Polen deportiert wurden. In Lodz findet Pollack sein Thema fast zufällig, als ihn ein junger Roma, mit dem er ins Gespräch kommt, nach einer Gedenktafel für die Ermordeten befragt. Auf seiner Pilgerreise durch verschiedene burgenländische Gemeinden findet er zwar junge dynamische Bürgermeister, aber kein Gedenken. Die Alten im Dorf erinnern sich wohl und erzählen von einer Parallelgesellschaft der Zigeuner am Dorfrand. Zwar vertrug man sich angeblich gut, doch hat bei der Deportation der Zigeuner durch die Nazis niemand etwas zu ihrem Schutz unternommen. Auch jetzt fühlt sich niemand veranlasst, etwas zur Erinnerung an dieses Ereignis zu unternehmen. „Die hier lebenden Roma scheinen zufrieden, dass man sie in Ruhe lässt…“ (S.205). Schade, dass Pollack da nicht bei den burgenländischen Roma selbst nachgefragt hat.

Sabine Scholl geht in ihrem Beitrag der Frage nach, was sich seit ihrer ersten Rumänienreise 1979 und ihrer zweiten 1988 dort verändert hat und was sie eigentlich dazu bewogen hat, sich immer wieder für dieses Land zu interessieren, außer dass Siebenbürgen ihre „Wunschvorstellung nach einer schönen, ungeschiedenen Landschaft“ war (S.277). Scholl konstatiert die Veränderung von der Einfachheit und Armut des Lebens, die unberührte Naturlandschaften zuließ und die Menschen in archaische Lebensformen zwang, zu einem bescheidenen Wohlstand, der den Menschen Anlass gibt, Träume zu verwirklichen. Träume, die vollkommen real zu einer Verbesserung der Gesellschaft führen sollen, die Kunst, Kultur und Tradition Raum geben soll. In Hermannstadt treffen die Autorin und ihre Reisebegleiterin unterschiedlichste „extravagante“ und besondere Frauen, die sich dieser Verbesserung widmen. Gemeinsam ist ihnen die Kraft der neuen Möglichkeiten. Sabine Scholl löst auf dieser Reise mehrere Rätsel, weshalb sie mit der Aufforderung schließt: „Fahrt hin! Hört zu! Nehmt teil!“ (S.312)

Nach der Lektüre wünscht man sich, dass alle Reisenden sich dieses „Nehmt teil!“ zu Herzen nehmen und sich aus dem vorliegenden Buch die Anregungen dazu holen: die Chance, die Peter Rosei seinem alten Herrn angeboten hat, wahrnehmen oder ins eigene Dorf genau hineinschauen, wie Martin Pollack, oder herausfinden, was es mit Spukgestalten am Strand auf sich hat, wie Doron Rabinovici. Auf die literarische Reportage bezogen, meinte Joseph Roth: „Objektivität ist Schweinerei“ (S.11), will heißen, dass Reisen und Berichten ohne emotionale Empathie oder ohne persönliche Betroffenheit mehr oder weniger wertlos ist. Neun AutorInnen führen vor, was man auf Reisen abseits der billigen Städteflüge, der Cluburlaube und der Pauschalangebote unserer reisewütigen Zeit erfahren könnte, wenn man es wollte. Die Umsetzung in Literatur ist zwar den AutorInnen vorbehalten, das Engagement sollte für alle leistbar sein.

Auch ist es der Anteil an persönlicher Einbringung, der die Reportagen am stärksten voneinander unterscheidet. Obwohl sich alle für das Thema, das sie bearbeiten, spürbar engagieren, gehen manche noch darüber hinaus, indem sie von ihrer Reise auch für sich persönlich etwas mitnehmen wollen. Das mag man gut oder schlecht heißen. Im Fall von Anna Kim, die ihr Glück beim Gehen auf dem Inlandeis findet, von Sabine Scholl, die erkennt, warum die „kaputten Orte“ sie nach Rumänien ziehen oder von Lydia Mischkulnig, die von etwas überwältigt wird, was sie am wenigsten erwartet hat, ist es mehr berührend als störend.

Das „Thema“ Migration im weitesten Sinn lässt Spielraum offen für dessen Behandlung und ruft besonders jene AutorInnen auf den Plan, die selbst zur jungen Generation von Migranten gehören (Kim, Knapp, Rabinovici). Die fast kategorische Schlussfolgerung der Herausgeber im Nachwort ist meiner Meinung nach aber nicht folgerichtig: „Die Gegebenheit von eindeutigen, ungebrochenen „Identitäten“ scheint in einer auf „Globalisierung“ ausgerichteten Welt ein für alle Mal zerstört…“ (S.316). Die „Globalisierung“ mag zwar ein neuzeitliches Phänomen sein, eindeutige, ungebrochene Identitäten wurden jedoch immer schon rund um die Welt durch Völkerwanderungen, Kreuzzüge, Vertreibung und Kriege zerstört. Das „ein für alle Mal“ erscheint mir dennoch zu kategorisch. Insgesamt kann man sich aufgrund der hohen Qualität der Beiträge nur wünschen, dass dieses Projekt den erwarteten Impuls für ein Aufleben der literarischen Reportage bringt. Immerhin hat schon Bruce Chatwin gezeigt, dass sich in diesem Genre Bestsellerpotential verbirgt.

Silvia Sand, 1. Dezember 2010
Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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