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Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht

Gekürzte Lesung.
Sprecher: Kathrin Röggla und Hanns Zischler.
1 CD, Gesamtlänge: 81:55.
Berlin: Parlandoverlag 2004.
ISBN 3-935125-38-0. EUR 17,99.

Kathrin Rögglas Stimmencollage wir schlafen nicht berichtet aus der Arbeitswelt der Online- und Beratergesellschaft

Der Roman wir schlafen nicht der 1971 geborenen Österreicherin Kathrin Röggla erschien 2004 im S. Fischer Verlag, wurde dann jedoch auch als Hörspiel und als Theaterstück umgesetzt. Diese Adaptionen legt der Text bereits nahe, denn er erzählt weniger von seinem Personal, als dass er dieses selbst zu Wort kommen lässt. Die Autorin tritt in den Hintergrund und überlässt die Bühne einem sechsköpfigen Personal, das sich aus einer Key Account Managerin, einer Praktikantin, einer Online-Redakteurin, einem IT-Supporter, dem Senior Associate und dem Partner zusammensetzt. Die Namen der Personen sind unerheblich, denn der Text erzählt von zunehmender Entfremdung und der Auflösung personaler Identitäten. Er handelt von der Überidentifikation mit der beruflichen Position, denn letztlich scheint diese für die Wahrnehmung der Person ausschlaggebend zu sein, was insbesondere für die 24jährige Praktikantin ein Problem darstellt. Als Ort der Begegnung dient eine Messe irgendwo in Deutschland, den Rahmen gibt ein Interview der „Nicht-Journalistin“ mit den sechs Personen ab.

Kathrin Röggla hat das Material nach Kategorien wie „Aufmerksamkeit“, „Positionierung“, „Life-Style“, „Privatleben“, „Anpassen“, „Schmerzvermeidung“, „Rauskommen“ (Ausstiegsszenarien), „Auszeit“, „Schock“, „Gespenster“ strukturiert und damit den Bewusstseinsströmen eine auf innere Leere und Burnout verweisende Dynamik unterlegt. Letztlich, so zeigen die Gesprächsprotokolle, sind die Agierenden allesamt nur mehr Gespenster ihrer selbst. Sie sind Zombies, Untote des Wirtschaftsapparates, die ihr gesamtes Potential und ihre Energien der Welt der New Economy zur Verfügung stellen. Ausgeblutete Menschen, für die das Konzept eines „Privatlebens“ gar nicht mehr zu existieren scheint. Der Senior Associate ist in der Karriereleiter überhaupt nur so weit gekommen, weil er alles andere ausblendet: „Ja, wenn man ihn so fragt ... Natürlich, darf man ihn das fragen. Nein, nein, natürlich kann er darüber sprechen, wie er das so macht. Da hat er keine Geheimnisse ... Er schwöre ja auf Fernbeziehungen. Das sei noch lebbar neben der beruflichen Belastung. Aber so ein normales Familienleben, das ginge nicht. Das könne er sich nicht vorstellen“, hören wir seine Gedanken, authentisch von dem Schauspieler Hanns Zischler vorgetragen.

Die sechs verschiedenen Stimmen verteilen sich im Hörspiel auf zwei und werden abwechselnd von Zischler und Röggla gelesen, die dadurch in einen Dialog miteinander treten. Röggla leiht dem 34jährigen IT-Supporter ihre Stimme. Er funktionalisiert seine Freizeit, um sich wieder für die Arbeit fit zu machen: „Also am Wochenende sei erst mal Akkulöschen angesagt. Das brauche man ganz einfach. Also am Freitagabend, da sei er nicht mehr zu halten, da treffe er sich mit seinen Freunden und dann gehts ab in die Kneipe. Und am Sonntag müsse er sich dann meist wieder regenerieren, damit er am Montagmorgen wieder fit auf der Matte stehen könne. Also, da heiße es, schön früh zu Bett gehen, kein Alkohol, kein Extremsport, nicht einmal zum Fußball gehe er am Sonntagabend, weil ihn das zu sehr anstrenge.“ Die Erholung ist der Arbeit funktional zu- und untergeordnet. Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person und meist in indirekter Rede, was die inhaltlich zum Ausdruck kommende Entfremdung auch sprachlich auf den Punkt bringt. Das Wörtchen „ich“ fällt in den von Röggla ineinander montierten Interviewaussagen nicht, denn die Figuren haben ihre Bedürfnisse allesamt längst dem Primat der Wirtschaftlichkeit untergeordnet.

Nicht nur durch die Büroflure schleicht der „McKinsey-King“ auf der Suche nach größtmöglicher Effizienz, sondern das gesamte Leben der New Economy-Protagonisten ist durch dieses Denken charakterisiert. Sie betreiben „Quick-Eating“ und „Short-Sleeping“, arbeiten vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag, erzählen von Möglichkeiten während des Arbeitstags einen Minutenschlaf zur Erholung einzulegen, oder sich mit dem Aufputschmittel Dexedrin, oder anderen Amphetaminen, im Notfall auch mit Alkohol – schließlich gäbe es immer etwas zu feiern und somit über den Tag verteilt wiederholt ein Gläschen Sekt – wach zu halten. Die Atemlosigkeit des Erzählens und das überhastete Sprechen seiner Protagonisten bringt die hektische Betriebsamkeit der Manager und Karrieristen der Consulting- und IT-Branche auch akustisch zum Ausdruck.

Kritisch könnte man anmerken, dass der von Röggla aufgegriffene Stoff eher den neunziger Jahren angehört. Die Autorin behandelt ein zwar immer noch aktuelles, aber bei weitem kein neues Thema. Dass die Arbeitswelt von Unternehmensberatern, Medienmenschen und IT-Spezialisten einem permanenten Dauerlauf gleicht, die Arbeit zur Droge wird und die Konkurrenz unerbittlich ist, meinen wir bereits zu wissen. Spätestens mit dem Platzen der New-Economy-Blase Ende der neunziger Jahre geriet diese Thematik in den Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit. Auch zwischen den einzelnen Personen ist in Rögglas Hörspiel kaum zu differenzieren, was aber daran liegen mag, das in der literarischen Darstellung nicht nur die Subjektivität der Figuren, sondern ebenso jegliche Psychologisierung ‚wegrationalisiert‘ wurde. Vielleicht ging es Röggla auch gar nicht um die Inhalte, sondern um den ‚Sound‘ dieser Arbeitswelt. In einem Interview erklärt die Autorin: „Mich interessiert, was mit den Menschen passiert, wenn ihre Rhetoriken ständig dem strategischen Sprechen unterworfen sind, dem Sprechen über Effizienz und Leistungsmaximierung.“ Das gelingt: Die Interviews führen vor, wie die Figuren ihre Sprache und ihr gesamte Dasein dem Primat der Wirtschaft untergeordnet haben. Der Hörspielfassung als Klangcollage gelingt es vielleicht sogar noch überzeugender als dem Schrifttext, sprich: dem zugrunde liegenden Roman, die sprachliche Entfremdung und Ökonomisierung jeglicher Kommunikation und des Denkens aufzuzeigen. Kathrin Röggla führt mit wir schlafen nicht die seelische Deformation ihrer Protagonisten vor, indem sie deren Aussagen inhaltlich strukturiert und sprachlich überspitzt wiedergibt und sie zudem ästhetisch verfremdet. Die erzählerische Idee, vor allem jedoch ihre Umsetzung als Hörspieltext, gesprochen von Kathrin Röggla selbst sowie dem grandiosen Hanns Zischler, sind gelungen, auch wenn uns die allesamt kaputten Figuren nichts wirklich Neues aus der Arbeitswelt zu berichten haben.

Ulrike Weymann
1. Dezember 2010
Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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