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Laudatio von Urs Widmer

Urs Widmer, alleiniger Juror 2010, hält die Laudatio auf Terézia Mora anlässlich der Verleihung des Erich Fried Preises am 28. November 2010 im Literaturhaus Wien.

Liebe Terézia Mora,

ich möchte Sie beglückwünschen, Sie wirken auf mich wie eine, die schreiben muss und mit zunehmender Souveränität diese Verurteilung in etwas Glückhaftes zu verwandeln vermag. Ein Glück für Ihre Leserinnen und Leser, von dem ich hoffe, dass auch bei Ihnen eine gute Dosis davon zurückbleibt.

Ich will hier aber nicht eine Rede für Sie allein halten – das wäre für Sie anstrengend; und für mich auch-, ich will Ihnen einfach zu Beginn meine Bewunderung öffentlich und ohne Umwege sagen. Von nun an wende ich mich an alle, die heute hierher gekommen sind, um der Verleihung des Erich-Fried-Preises beizuwohnen.

Meine Damen und Herren: Es ist für mich eine Ehre, fast auch so etwas wie ein Preis, dass ich als der ausgewählt worden bin, der in diesem Jahr ganz allein den Erich-Fried-Preis vergeben darf. Wem immer ich will. Als mich die Anfrage erreichte, wusste ich auf der Stelle: Ich werde den Preis Terézia Mora geben. Denn ich hatte gerade ihr neues Buch „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ gelesen und war regelrecht euphorisch, ähnlich wie ich dies schon nach der Lektüre von „Alle Tage“ vor sechs Jahren gewesen war. Lese-Begeisterung ist etwas Seltenes, und doch ist sie genau das, was wir Schriftsteller in unsern Leserinnen und Lesern auslösen wollen.

Ich verschwieg allerdings meine sofort definitive Entscheidung vorerst – auch vor mir selber – und las eine ganze Reihe anderer Neuerscheinungen.

Von Frauen, und sogar auch von Männern. Natürlich waren das zum Teil durchaus schöne Bücher, aber sie hatten keine echte Chance. Es sollte Terézia Mora sein, es musste Terézia Mora sein.

Die meisten Autoren, die Bücher schreiben, die wir dann unter dem Begriff „Belletristik“ subsumieren, benützen die Sprache wie einen Materialkasten voller Fertigteile, die sie in immer neuen Anordnungen montieren. Aus den hunderttausenden von Clichés, die die Sprache bereit hält. Verfertigen sie unermüdlich etwas, was auf den ersten Blick neu und auf den zweiten oder gar letzten wie das Uraltvertraute aussieht.

Das ist ja auch nichts Böses und Verwerfliches. Es ist oft angenehm unanstrengend, sich lesend im Bereich der Clichés aufzuhalten; allerdings auf die Dauer etwas fad und öd. Denn wer die Sprache arglos und ambivalent einsetzt, bleibt auch bei den Inhalten – und schriebe er von Mord und Totschlag – im Harmlosen. Im Cliché. Erschütterungen des Herzens und des Verstands gibt es nur in einer Sprache, die sich diesen Erschütterungen auch ausgesetzt hat.

Die Sprache einer Literatur im pathetischen Sinn – eine, in der die Dichter um ihr Leben kämpfen – hat natürlich auch mit dem Allgemeinen zu tun. Wie denn anders, Sprache ist das Allgemeine und uns Verbindende. Auch die Dichter versuchen mit all ihren Kräften, dem Sprechen aller nahe zu bleiben, weil es sonst mit jeder Kommunikation aus wäre. Keiner hat Lust, der späte Hölderlin zu werden, auch Hölderlin selber wollte das nicht. Ein Sprechen, das mit dem allgemeinen deckungsgleich wäre, will den Dichtern nur einfach nicht gelingen, oder nur halbwegs. Die Sprache der Dichtung ist die der Abweichung, einer Differenz zum gemeinsamen Nenner aller, die durchaus unfreiwillig ist. Die Abweichung geschieht einem, und es geht in einem ernsthaften Schreibleben dann darum, wie einer, wie eine schreibend mit ihr umgeht.

Ich bin überzeugt, dass sich alle großen Werke der Literatur zu allererst über ihre Sprache mitteilen. Über ihre besondere Art des Sprechens, die wir zu verstehen versuchen und die wir auch oft zu verstehen glauben, die aber nie ganz unsere ist.

Natürlich spreche ich von Terézia Mora, die ganze Zeit schon. Sie hat die nur halbwegs freiwillige andere Sprache einer Dichterin, die sie souverän orchestriert und die ihr dennoch auch geschieht. Die Abweichung vom allgemeinen Sprechen ist allerdings in ihrem neuen Buch, verglichen mit „Alle Tage“, eher kleiner geworden. Ihr Blick auf die Welt weniger panisch. Sie wechselt inzwischen mit einer geradezu stupenden Leichtigkeit vom Alltagsslang in die komplexesten Spezialistensprachen – manchmal habe ich den Verdacht, dass sie jedes Wort der deutschen Sprache kennt und sogar weiss, was es bedeutet -, und sie hat die Gabe der Götter, ihre Sätze wie magisch aufgeladen erscheinen zu lassen. Ja, sie beherrscht – genau wegen dieser Aufladung – auch die Kunst, leere Sätze zu schreiben, solche, die für die Lektüre unerlässlich sind, weil man bei ihnen Luft holen kann und der Druck, der sonst zu groß wäre, für eine kurze Weile nachlässt. Ihre entscheidenden Sätze aber – und das Buch als Ganzes – stehen unter einer andern Spannung als dies unser Alltagssprechen tut. Wenn wir unsern Tag mit hundertzehn Volt verplaudern, oft auch nur mit zwanzig, erreicht sie Spitzen von zehntausend Volt. So wie Blitze sie haben. Die Sätze leuchten. Sie haben, könnte ich auch sagen, eine erotische Aufladung (auch wenn der manifeste Inhalt von ganz anderem spricht), die von Terézia Moras Schreib-Erregung herrührt.

Natürlich hat das Buch auch einen Inhalt. Der Held von „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Darius Kopp, ist ein Jedermann, der eigentlich nicht viel mehr vom Leben erwartet als ohne allzu viel Aufwand seinen kleinen Platz unter der Sonne der Welt der globalisierten Ökonomie zu haben. Er handelt, als der letzte und einzige Vertreter einer amerikanischen Firma auf dem Kontinent, der Fidelis Wireless, mit irgendwelchen Software-Dingern aus dem Informatikbereich, die wohl auch er selber mehr schlecht als recht versteht. Er ist, um seinen Beruf mit der heute üblichen Präzision zu beschreiben, Sales and regionals sales manager.

Die Firma hat etwas Phantomhaftes, der Lohn kommt auch nicht immer, und seine gelegentlichen Telefonate mit der Zentrale in London und ein zwei Male auch mit dem Boss in Amerika sind stets so etwas wie Schüsse in den Ofen. Darius Kopp stört sich daran nicht allzu sehr, er will ja nicht mehr als sich einigermaßen manierlich durchwursteln, kein Verlierer werden oder allenfalls einer mit einer ertragbaren Rest-Würde. Allerdings wird dieser relative Arbeitsfriede dadurch unterbrochen, dass plötzlich 40 000 Euro in bar bei ihm landen, die natürlich nicht ihm gehören, aber so ganz auch nicht der Firma oder sonstwem. Sie sind sowas wie der Lottogewinn, den der Kapitalismus zuweilen bereithält, und spätestens mit diesem Motiv (es tritt gleich auf der ersten Seite auf, verhält sich dann aber noch eine Weile lang ruhig) kommt auch ins Spiel, dass Darius aus dem Ostern Berlins kommt. Er ist ein Ossi. So dass „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ nicht nur ein (sehr kundiges) Buch über die New Economy ist, sondern auch eins über die sogenannte Wende. Der Wende-Roman vielleicht nicht, denn sowas ist erkennbar zu wenig das Schreib-Ziel Terézia Moras, aber gewiss – gerade dank seinen eher anderen Absichten – ein Wende-Roman der allerersten Güte.

Und es ist ein Buch über die Liebe. Es enthält eine Liebesgeschichte, die gerade darum so berührend ist, weil nichts an ihr außergewöhnlich ist. Die Liebe zwischen Darius und seiner Flora geht halt so ihren Weg, ohne entsetzliche Krisen und einzigartige Höhepunkte, aber mit dem Zauber des Alltags und den Schönheiten des Normalen.

Gewiss ist die Welt auch in Terézia Moras neuem Buch einigermaßen aus den Fugen: allerdings leiser als in „Alle Tage“. Verglichen mit jenem tief erschrockenen oder erfrorenen Text (ein Meisterwerk auch er) ist „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ beinah entspannt. Locker. Ein Blick in ein oder zwei Leben, wie es sie tatsächlich geben mag. Sicher sogar gibt es so Leben, vieltausendfach vermutlich. Die satirische Überhöhung ist geringer geworden. Der sprachliche Aufwand auch.

Kein Überschuss der Sprache mehr inzwischen. Eine neue Ökonomie der Fülle.

Das Buch hat eine andere Grundmelodie als „Alle Tage“, das ein entsetzter Wirbel ist. Für das neue Buch gilt allerdings immer noch der Satz, der irgendwo in „Alle Tage“ steht: „Bevor sie aus den Fugen geraten, sind die Dinge meist unspektakulär.“ Auch jetzt geraten die Dinge aus den Fugen – Job weg, Geld weg, Frau weg-, aber sie tun es fast beiläufig. So wie das Leben halt ist, zumeist wenigstens, und fast hat man am Ende das Gefühl, dass alles noch einmal gut gegangen ist. Ein Happy-End, das allerdings ausschließlich auf Sand gebaut ist.

Ja. Darius Kopp – ein Jedermann, wie gesagt – versucht die ganze Zeit über, aus seiner Welt irgendwie drauszukommen, und er durchschaut sie nicht einmal andeutungsweise. So wie wir sie auch nicht durchschauen. Terézia Mora gibt unserem Nicht-Draus-Kommen eine sowohl tragische als auch oft hochkomische Stimme. Sie selber kommt zwar draus, weil sie ihr Erzähl-Material beherrscht, aber sie gehört nicht in jene Tradition der allwissenden Erzähler, von denen Thomas Mann der letzte große ist. Ihr Schreiben ist ein allerdings sehr souveränes Pfeifen im Wald, in dem wir uns alle längst verlaufen haben und von dem wir wissen, das wir seinen Ausweg nie finden werden.

© Urs Widmer, 2010.
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