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Urs Widmer

Eine Einführung

Gehalten von Klaus Amann am 27. November 2010, anlässlich der Lesung von Urs Widmer im Literaturhaus Wien.

Ich habe die Ehre, Ihnen Urs Widmer vorstellen zu dürfen. Einen Autor wie ihn als Juror für den Erich Fried-Preis zu gewinnen, ist ein Geschenk und die Wahl, die er getroffen hat, bestätigt das.

Wenn man die österreichische Literatur der letzten fünf Jahrzehnte schätzt, muss man Urs Widmer mögen. Das ist keineswegs eine versuchte Annexion, wenngleich sie wahrscheinlich bedeutend kurzweiliger wäre als die letzte, die wir mitgemacht haben; nein, es ist lediglich ein Versuch der Charakterisierung eines außergewöhnlichen Schriftstellers, der in seinem Schreiben so eigen ist, dass er auch als Österreicher durchginge.

Was Urs Widmer seit seinem Prosadebüt, der Erzählung Alois aus dem Jahr 1968, veröffentlich hat, ist nicht nur ein eigener literarischer Kontinent, es ist eine ganze literarische Welt: Ein halbes Hundert Bücher mit Romanen, Erzählungen, Essays und Vorlesungen; 15 Theaterstücke, mehr als 40 Hörspiele; ein Dutzend Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen, darunter Eugène Labiche, Edward Gorey, Raymond Chandler, Samuel Beckett und Joseph Conrad. Urs Widmer hat unzählige Bücher besprochen, aber auch Shakespeares Königsdramen und die schönsten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht nacherzählt. Nur die Lyrik hat er, soweit ich sehe, ausgelassen. Ich kenne zwar nur einige Gegenden dieser Welt, einige markante Erhebungen, einige theatral-verdichtete Orte und auch einige beschauliche Winkel, die zum Nachdenken und Sinnieren einladen, doch so verschieden, so überraschend und fremd, ja exotisch die einzelnen Gegenden dieser Welt auch sind, sie haben vieles, das sie miteinander verbindet, das sie zu einem großen Ganzen, zu einem ganz eigentümlichen und eigenständigen literarischen Kosmos macht.

Widmers Werke zeigen in der Form, in der sie sich darbieten – und damit komme ich noch einmal auf meinen Einleitungssatz zurück – auch überraschend vieles von dem, was die Stärken und die Eigenarten der österreichischen Literatur der letzten vier Jahrzehnte, Arbeiten von Ilse Aichinger, Alfred Kolleritsch, Oswald Wiener, H.C Artmann, Klaus Hoffer, Gert Jonke oder Peter Handke ausmachen und was wir an ihnen als etwas Besonderes, Unverwechselbares und Einzigartiges schätzen, das sie aus dem breiten Strom der ‚deutschen’ Literatur heraushebt. In diese Gesellschaft, oder sollte ich besser sagen, in diese Familie, gehört Urs Widmer zumindest als ein Wahlverwandter hinein. Ich kann mir nicht helfen, es ist einfach so; auch wenn ich lese, was er über H. C. Artmann, Alfred Kolleritsch oder Gert Jonke geschrieben hat, stellt sich das Gefühl ein, er spreche, im Schreiben über sie und ihre Bücher, gleichzeitig auch über sich und seine eigene Literatur.

1977 schrieb Widmer in einem Essay über Gert Jonke, seine Poesie „arbeite an der Aufhebung der Realität, ihre Sehnsucht ist die Verlust der Schwerkraft“. Wer Widmers grandiosen Roman Im Kongo (1996) gelesen hat, weiß, dass auch seine Poesie diesem Projekt gewidmet ist – mit dem bezeichnenden Unterschied, dass sich die Seiltänzerin in Jonkes Roman DER FERNE KLANG allein mithilfe ihrer Vorstellungskraft ein Seil unter ihren Füßen spannt und darauf zwischen Himmel und Erde spaziert, während Widmers Figuren einer besonderen Form der Transsubstantiation fähig sind: Sie schlafen als Schweizer ein und wachen als Neger auf. Das Beispiel weist, nebenbei gesagt, auch auf die Dimension des Politischen, das in nahezu allen seinen Büchern mit im Spiel ist. Darf ich Ihnen lieber Herr Widmer bei der Gelegenheit gleich auch einen persönlichen Dank abstatten. Ich habe nämlich Ihre schöne Formulierung über die Poesie des wunderbaren Gert Jonke für den Titel eines vor Jahren erschienenen Jonke-Buches leicht variiert verwendet. Es heißt Die Aufhebung der Schwerkraft. Ein Buch dieses Titels könnte, so meine ich, genauso gut auch von Ihrem Schreiben handeln.

Ein paar Erkennungszeichen und Charakteristika der Literatur Urs Widmers, wie ich sie gelesen und verstanden habe, möchte ich kurz skizzieren. An erster Stelle ihren formalen Reichtum und ihre Experimentierfreudigkeit, die sich auf eine profunde Kenntnis der Traditionen und Techniken des literarischen Schreibens stützt. Urs Widmer hat 1966 in Basel über die Prosa der jungen deutschsprachigen Autorengeneration nach 1945 dGehalten am 27. November 2010, anlässlich der Lesung von Urs Widmer im Literaturhaus Wien.issertiert, er war Lektor im Walter Verlag (Olten) und bei Suhrkamp (Frankfurt/M.) – dort hat er u. a. einige der frühen Bücher Peter Handkes betreut; er war jahrelang Literaturkritiker für die FAZ und die ZEIT und er hat in Frankfurt und Graz Poetik-Vorlesungen gehalten. Mit anderen Worten, er weiß, was er tut, wenn er schreibt – wobei es in seiner Entwicklung, wie übrigens auch bei einigen der genannten österreichischen Autoren, eine Linie vom formalen Experiment über komplexe Erinnerungs- und Erzählkonstruktionen zu einem stärker linearen, auf andere Art komplexen Erzählen gibt: so zum Beispiel in den beiden biographisch grundierten Romanen Der Geliebte der Mutter (2000) und Das Buch des Vaters (2004).

Ferner nenne ich Widmers ins Auge und ins Lesergemüt springende, geradezu unbändige Lust am Erzählen, am Fabulieren und am Schwadronieren. Sie ist gespeist von einer überbordenden Fantasie, die sein Erzählen antreibt. In seiner Grazer Vorlesungen zur Literatur von 1995 hat er diesen Antrieb auf poetologisch fundierte Weise präzisiert: „die Phantasie ist ein besonders gutes Gedächtnis für das Wirkliche“. Ähnlich spricht in der Erzählung Paradies des Vergessens (1992) der Ich-Erzähler über seine Bücher: „Sie mögen erfunden aussehen, aber jedes Wort ist die schmerzvolle Erinnerung an etwas Wirkliches“. Das flirrende Wechselspiel von gelebtem und empfundenem Leben auf der einen, Fantasie, Traum und Erfindung auf der anderen Seite macht den großen und unverwechselbaren Reiz der Bücher von Urs Widmer aus. Diese letztlich nicht auflösbare Verbindung von real und fiktional erspart es den Lesern sogar dort, über die autobiographischen Entsprechungen zwischen Leben und Literatur nachzugrübeln, wo der Autor selber konzediert, aus seiner Biographie zu schöpfen; aber dieser Autor tut es eben so, dass zwar die Rechnung zwischen Literatur und Leben aufgeht, nicht jedoch die buchhalterische Revision des Verhältnisses zwischen Autor-Biographie und Roman. Da bleibt manches offen und viele Posten werden in den Büchern natur- und kunstgemäß anders verbucht als im gelebten Leben. Gerade das macht ja den ästhetischen Mehrwert seiner Bücher aus und hält sie über den individuellen Anlass und die persönlichen Umstände hinaus am Leben.

In einem Interview über Der Geliebte meiner Mutter und Das Buch des Vaters spricht Urs Widmer auch über die Machart der beiden Bücher – und er charakterisiert damit zugleich ein grundlegendes Prinzip seines Schreibens: „In [den] beiden Büchern […] bin ich besonders weit gegangen, weil das [Erzähler-] ‚Ich‘ ganz außerordentlich biographisch tut. In Wirklichkeit sind die beiden Bücher trotzdem Romane, was bedeutet, dass keine einzige Figur darin nicht erfunden ist. Aber es ist so perfid erfunden, auch das ‚Ich‘, dass es fast deckungsgleich ist mit den realen Vorbildern und ich spiele natürlich ganz gemein mit dieser Falle, aus der kein Leser entkommen kann, dass er immer denken muss: „War es jetzt so“ oder „war es nicht so“, „es war wohl schon so“ und „vielleicht war es aber doch nicht so“, und es war dann doch so.“

Die Differenzen, Aussparungen, Verschiebungen und unterschiedlichen Blickwinkel in den beiden kunstvoll und raffiniert aufeinander bezogenen Büchern erzeugen eine Leerstelle, in der die Ängste, Traumata und Hoffnungen der geheimen Hauptfigur der beiden Romane, nämlich des Erzählers als Kind und zukünftiger Autor, sich ausfalten und ausbilden können. Die beiden völlig eigenständigen Texte ergeben zusammen eine der interessantesten biographischen Romankonstruktionen die ich kenne – von den anderen, vor allem den psychologischen und den zeithistorischen Qualitäten der beiden Bücher gar nicht zu reden.

Das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit äußert sich in den Texten Widmers zuweilen als Gegensatz von Stillstand und Sehnsucht, vielleicht könnte man auch Wunsch und Wirklichkeit oder Utopie und Realität sagen. Es ist ein Gegensatz, der sich bisweilen als Melancholie niederschlägt, eine Melancholie, die bis in die Regionen der Depression reichen kann. Es gibt in Widmers Erzählen einen dunklen Kern, der unausgesprochen und unaufgelöst bleibt, obwohl ihn der Text mit großer Intensität umkreist. So auch in sGehalten am 27. November 2010, anlässlich der Lesung von Urs Widmer im Literaturhaus Wien.einem neuesten Roman, Herr Adamson (2009), aus dem er heute lesen wird. Es rumort etwas in und zwischen Widmers Sätzen, das ein Psychologe vielleicht das Unbewusste nennen würde. Widmer, der ein großer Kenner der Psychoanalyse ist, arbeitet, so hat es Jörg Drews einmal formuliert, mit „unseren grundsätzlichen Widersprüchen und Diskontinuitäten, von dem Anderen und den Anderen in uns, die weiterleben und wieder auftauchen können, weil das Unbewusste die Kategorie der Zeit nicht kennt und das Vergangene also nicht wirklich vergangen ist.“ Wohl auch deshalb haben Widmers Fantasie und sein Humor oft etwas Abgründiges, Bodenloses und Schwarzes an sich. Ob dieser tiefste Kern seiner Texte aus traumatischen Erfahrungen, Ängsten, Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühlen, aus Schmerzerfahrung oder aus dem Gedanken an den Tod kommt, ist von Buch zu Buch verschieden, aber dass es einen von derartigen Erfahrungen verdichteten Kern seiner Poetik gibt, ist offensichtlich und wird von Widmer auch offen ausgesprochen: „Denn ohne ein Leiden geht es nicht ab in der Literatur. Ohne Schmerzen“ heißt es in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung von 2007.

In einem Interview hat er auf die Frage nach diesem Schmerzkern geantwortet: „Das ‚schwarze Loch‘ in mir, das ich umkreise, wird nie ganz erhellt werden. Es hält aber auch mein Schreiben am Leben.“ Widmer hat in Gesprächen und Essays wiederholt einen Satz seines Lehrers, des großen Schweizer Germanisten und Essayisten Walter Muschg, zitiert, der uns in dieser Frage der existenziellen Fundierung der Literatur die Richtung weisen kann. Das Muschg-Zitat lautet: „Der wunderbarste Glanz eines Meisterwerks ist der Schmerz, der nicht mehr schmerzt.“ Dieser Satz beschreibt die Funktion von Kunst und einen der Mechanismen ihres Entstehens. Er ist jedoch zugleich eine Warnung, Urs Widmer als lustigen Autor, als Spaßmacher, Komiker oder fidelen Schweizer misszuverstehen – so witzig, lustig, komisch, burlesk und slapstickartig Vieles auch sein mag, was er geschrieben hat. In seiner Grazer Vorlesung heißt es. Das Schreiben komme ihm „wie ein permanenter Kampf vor, in dem der Erkenntnisdrang und die Abwehr gegen die schmerzvolle Erkenntnis mit gleich starken Waffen kämpfen.“ Das Ergebnis dieses Kampfs sind Texte, die in scheinbar spielerischer Weise Kernfragen des Menschseins berühren.

Widmers Texte sind deshalb immer auch ambivalent. Eindeutig ist nur der Tod. Das Leben ist vieldeutig oder zumindest ambivalent, von Zufällen und unbewussten oder verdrängten Energien bestimmt, chaotisch. Insofern ist Urs Widmer Literatur eine menschennahe, verständige, großzügige Literatur. Sie lässt den Lesern Raum für ihr eigenes Selbst, ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche und Ängste, sie überrascht sie, beschenkt sie, schockiert sie und erinnert sie daran, wie das Leben ist: wie es heiter und schön und wie es tragisch verkehrt sein kann, und, vor allem, wie es anders sein könnte. Ein letzter Satz aus der Frankfurter Poetikvorlesung, er ist vielleicht der schönste der ganzen Vorlesung: „Im wirklichen Leben siegt der Tod. Aber in der Literatur siegt das Leben.“

Klaus Amann ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Leiter des
Robert Musil-Instituts für Literaturforschung an der Universität Klagenfurt.
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