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Gustav Ernst: Trennungen.

Roman.
Wien, München: Deuticke, 2000.
112 S., brosch.; öS 198.-.
ISBN 3-216-30514-7.

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Ende und Anfang des vorliegenden Romans sind kunstvoll ineinander verschlungen, das Ganze ohne Abschluss betonend, ungetrennt also und nichtvereint (in bester Robert Musilscher Manier). Denn dazwischen liegen gut hundert Seiten einer Prosa, deren Prägnanz und drastische Eindringlichkeit man als Leser oft kaum mehr ertragen kann. Die Kreisstruktur bringt etwas Zuständliches in die monologisch vorgetragenen Ausschnitte der Erzählungen eines Mannes mittleren Alters, der durch verschiedene Umstände herausgefordert wird, die Beziehungen einerseits zu seiner sterbenden Mutter, andererseits zu seiner untreuen Ehefrau aufs Neue zu definieren.

Es geht also nicht so sehr um eine Geschichte (oder zwei), sondern vielmehr um einen prekären Gemütszustand, in dem sich der - übrigens namenlos bleibende - Protagonist befindet. Die obsessive Arbeit an der Sprache und das ständige Bemühen, Ereignisse und Gespräche möglichst genau zu rekapitulieren und zu deuten, stehen für seine Sehnsucht, endlich wieder Ordnung in das entstandene emotionale Chaos zu bekommen. Das poetische Verfahren, dessen sich Gustav Ernst konsequent bedient hat, erfährt auf S. 78 eine Art von Veranschaulichung, indem das changierende Verhältnis verschiedener Vorstellungsbilder von einem Menschen auf folgende Weise zu beschreiben versucht wird: "[...], je leichter ich also das eine mit dem anderen vergleichen kann, weil die Vorstellung des einen Bilds durch den immer kürzer werdenden Sprung zum anderen immer deutlicher auch beim anderen noch vorhanden ist, je detaillierter ich mir also meine Mutter in beiden Bildern vorstellen kann, um vielleicht endlich zu sehen, worin der Unterschied liegt, welche Verbindung zwischen beiden Bildern besteht, wie das eine aus dem andern hat entstehen können, um vielleicht Aufschlüsse darüber zu bekommen, wie der jetzige, unvertraute Zustand meiner Mutter aus dem Zusstand, der mir vertaut ist, hat werden können, desto unverständlicher erscheint mir die Ähnlichkeit zwischen den beiden Bildern, desto unversöhnlicher bleiben sie verschieden."

Jede persönliche Annäherung, ob geistig oder körperlich, jeder Versuch, einander zu verstehen, und jede Erinnerung provozieren zwangsläufig auch ihr Gegenteil: Missverständnisse, Wortverdrehungen, Verdrängungen und Gewalt prägen letztlich die Kommunikation zwischen den Figuren. Durch den Kunstgriff der manisch anmutenden Rollenprosa wird überdeutlich gemacht, wie fatal sich allzu fixe Selbst- und Fremdeinschätzungen auswirken. Die Unfähigkeit, persönliche Nähe zu ertragen oder bewußt auch nur auf Distanz zu sich selbst zu gehen, durchdringt alle Handlungsweisen.

Diese notwendige Distanz baut aber der Autor auf mit Hilfe einer stark formalisierten Sprache, die vor allem auf Monologen, indirekter Rede, verschachtelten Konjunktivkonstruktionen, Wiederholungen und Redundanzen beruht, ohne deshalb klischeehaft oder mühevoll lesbar zu werden. Immer wieder beherrschen bestimmte Wörter und Begriffe einen Abschnitt, scheinen eine allgemeinere Schlüsselfunktion zugesprochen zu erhalten, werden aber schon kurz darauf abgelöst und relativiert. Je länger sich das Gerede entwickelt, desto engmaschiger wird beispielsweise das Beziehungsnetz der Bereiche Liebe, Sexualität und Tod geknüpft. Wie Gustav Ernst das gemacht hat, ist unspektakulär und atemberaubend, passagenweise bestürzend zugleich.

Arno Rußegger
24. Juli 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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