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Günter Wels: Maitage

Erzählungen.
Wien: Czernin-Verlag, 2010.
273 S.; geb., Euro 19,90.
ISBN: 978-3-7076-0325-5

Link zur Leseprobe

Ist es tatsächlich möglich, 47-jährig mit Pubertätsgeschichten ein literarisches Debüt zu feiern, obwohl man bislang das Brot als Journalist für Funk und Fernsehen (unter anderem Namen) redlich verdient hat? Von den „Facetten des Erwachsenenwerdens“ und „und dem schmalen Grat zwischen Scheitern und Hoffnung“ spricht der Klappentext des Erzählbandes von Günter Wels, was literarisch Schlimmes befürchten lässt. Aber halb so schlimm, eigentlich überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil, ich fühle mich eines Besseren belehrt: dieses Buch werde ich meinem geschichtsinteressierten sechzehnjährigen Sohn zu Weihnachten schenken, er wird es mit Gewinn lesen und ich werde mit ihm im Anschluss interessante Gespräche über österreichische Jugend einst und dann führen können.

Freilich zieht sich der rote Faden der Pubertät durch die sieben Erzählungen. Da ist ein einsamer junger Mann in den Sommerferien an der Côte d’Azur, er erlebt seine erste Verführung durch ein erwachsenes Paar und vielleicht den endgültigen Abschied von seinem ihm fremd gewordenen Vater. Diese Geschichte (Hotel Maritime) hätte Günter Wels weglassen sollen, sie passt nicht in den historisch-sozialen Rahmen.
In der oberösterreichischen Provinz von Summer of 76 aber gibt es den Ich-Erzähler Armin mit seiner ersten frühpubertären Liebeserfahrung, mit dem Gruppendruck der Clique und dann am unentschiedenen Ende mit der Mutprobe am Zehnmeterbrett im städtischen Freibad [siehe Leseprobe].
Die jugendliche Ich-Erzählerin Astrid, von der lieblosen Mutter ins katholische Internat abgeschoben, ist die Heldin der psychologisch sehr exakten und einfühlsamen dritten Erzählung Das Internat; in der schier ausweglosen Lage beginnt das Mädchen Hand an sich zu legen.
In der Titelerzählung Maitage erfährt der Gymnasiast Hartmut den äußeren Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft in seiner oberösterreichischen Heimatstadt im Mai 1945 und den inneren Zusammenbruch einer Welt, als die Engländer die Nazi-Mutter abholen.
Der spektakuläre Selbstmord eines siebzehnjährigen Sonderlings und drogensüchtigen Außenseiters wird in Epitaph an Mike aus der Sicht seiner wesentlich gefestigteren sechzehnjährigen Freundin erzählerisch schlüssig entfaltet.
Auch Jürgen und Schani scheitern, zwei Buben, elf und acht, der überforderten Mutter von den Behörden weggenommen, im Erziehungsheim Schwarzenthal der Willkür unmenschlicher Aufpasser ausgesetzt; ihre Flucht aus dem Heim misslingt.
In der letzten Erzählung Der Postautobus, die in den Tagen des Juli-Putsches 1934 in Bad Aussee spielt, ist es der homosexuelle junge Lehrersohn und Heimwehrler Karl, der in einer Schießerei mit den Nazis eine Stunde bitterster Bewährung erlebt.

Die Stärken dieses Erzählbands liegen im Psychologischen, Soziologischen und nicht zuletzt Historischen. Es sind in ihren besten Teilen (ober)österreichische Milieustudien, die etwa an die frühe Prosa von Josef Haslinger erinnern (Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek 1985), seitdem ist selten so genau aus der Alltagsrealität der Provinz literarisch berichtet worden. Jahrzehnt für Jahrzehnt ist von der Elterngeneration immer wieder das Klima der Angst verbreitet worden, davon berichten die Geschichten, von der Lebensangst junger Menschen, die einer permanenten Normenkrise ausgesetzt sind: Was richtig ist und was falsch leben die Eltern, Lehrer, Erzieher nicht vor, aber kann man der Zeitschrift ‚Bravo‘ trauen? Das Klima des Missbrauchs, der Repression gegenüber den Wünschen und Bedürfnissen von Jugendlichen im Austrofaschismus, im Nationalsozialismus, in der staatlichen Sozialfürsorge und im katholischen Internat, hilflose kleinbürgerliche Eltern in der kleinstädtischen Enge der Nachkriegsära, das alles gelangt in den Erzählungen von Günter Wels zur Darstellung. Immer aus der Sicht der betroffenen Jugendlichen, ohne dass je etwas aus autobiografischen Gründen festgelegt erscheint und ohne dass der Autor je eine endgültige Verurteilung aussprechen würde, denn die erwachsenen Täter sind selbst zu einem gewissen Grad Opfer, sie wissen nicht, was sie tun, wie etwa die Mutter der ins Internat abgeschobenen Astrid. Und fast jede der Erzählungen bricht in einer Schlusssituation ab, in der noch vieles offen ist, und lässt damit die Chance aufrecht, dass die Kinder und die Jugendlichen ihrem Milieu, ihrem Schicksal in irgendeiner Weise entkommen werden.

Günter Wels lässt in seinem literarischen Debüt seine journalistische Erfahrung spielen; die Sprache, der Stil, die Erzähltechnik sind geprägt von der Reportage und vom Hang zum exakten sozialen und psychologischen Realismus ohne Ausflüge in das Feld literarischer Künstlichkeit und sprachlichen Experiments. Bei stofflicher Ähnlichkeit unterscheidet dies die 30-50 Seiten langen, in sich geschlossenen, linear konstruierten Erzählungen, die ohne Zeitsprünge, Rückblenden oder historisches Präsens auskommen, von der erzähltechnisch komplexeren Prosa eines Michael Köhlmeier (Die Musterschüler, 1989) oder eines Arno Geiger (Es geht uns gut, 2005). Die Erzählweise schafft es, Atmosphären einzufangen, besonders jene der 1970er und der 1980er Jahre, das Lebensgefühl der Jugendlichen, ihren Humor.

Die subjektive Perspektive schlägt sich in der Annäherung an das Ausdrucksniveau der Jugendlichen nieder. Vielleicht liegt darin auch ein Vorteil für die Vermittelbarkeit der Texte an heutige junge Leser. Die Geschichten besitzen zweifellos den Wert eines literarischen Zeitgeschichts-Bilderbuchs. Ich würde mir jedoch mehr von Günter Wels wünschen.

Walter Fanta
20. Dezember 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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