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Susanne Heimburger: Kapitalistischer Geist und literarische Kritik.

Arbeitswelten in deutschsprachigen Gegenwartstexten.
München: Edition Text + Kritik, 2010.
389 S.; brosch.; Euro 32,90.-.
ISBN 978-3-86916-046-7.

Mit dem umfangreichen Band "Kapitalistischer Geist und literarische Kritik" legt Susanne Heimburger einen Pflichtlektüre zum Thema "Literatur und Arbeitswelt" vor, und genau bei diesem Schlagwort beginnt das Problem: Wie es innerhalb eines halben Menschenlebens gelingen konnte, dass ein Begriff, noch dazu verkürzt auf Betroffenenberichte – die just im selben Zeitraum im psychologischen, lebenspraktischen oder sexuellen Bereich einen einzigartigen Boom erlebten – derartig in Misskredit geraten konnte, bedarf einer eigenen Analyse. Selbst wer sich noch oder wieder für das Thema interessiert, muss sich gewissermaßen definitorisch davon abgrenzen und rechtfertigen. Es ist, so könnte man vorab vermuten, eine der verbrannten Flächen, die der neoliberale Modernisierungsprozess und der ihn begleitende politische Rechtsruck hinterlassen haben.

Susanne Heimburger wählt als klugen Ausweg aus dem Dilemma, sich mit einem "verstaubten", unhippen Thema zu beschäftigen, die These vom neuen "Geist" des Kapitalismus, wie er sich in Managementtheorien zeige, und vor allem die unbestreitbare Tatsache, dass sich die Arbeits- und Lebenswelt in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat.

Sie nimmt ein Sample von Romanen, Erzählungen und Theaterstücken aus den Jahren 1995 bis 2005 und unterlegt der Lektüre der Texte eine Analyse der theoretischen Diskurse, die sich in drei Thesen zusammenfassen lässt (S. 89): Die deutschsprachige Literatur reagierte auf den Übergang zum Industriekapitalismus mit Modernitätsverweigerung; aktuell erleben wir eine ähnlich tiefgreifende Umwälzung, inkarniert im Sozialmodell der frei schwebenden Ich-AG, hier durchgängig "Arbeitskraftunternehmer" genannt; und die Wirtschaft hat die Kunst als einst subversives Gegenmodell tendenziell inkorporiert, wobei das Stichwort der creative industries im Band nicht bemüht wird. Mit diesem, durch ausführliche theoretische Lektüren untermauerten Rüstzeug analysiert die Autorin den ausgewählten Textkorpus. Das Verzeichnis der Primärwerke im Anhang weist 49 Titeln aus; das ist insofern etwas irreführend, als nur ein Teil davon ausführlicher besprochen wird, das Ergebnis ist trotzdem beeindruckend genug.

Es beginnt mit einem kurzen Rückblick auf die 1970er Jahre mit Walter E. Richartz' "Büroroman", Wilhelm Genazinos "Abschaffel"-Trilogie und Gernot Wolfgrubers "Niemandsland", mit dem die Autorin am wenigsten anfangen kann; dabei weist gerade Wolfgruber mit seinem Aufsteiger-Protagonisten den Weg in die Problemlage der permanenten Unsicherheit und Flexibilitätszumutungen der aktuellen Arbeitswelt. Genaue Analysen folgen u. a. zu Anne Weber, Ingo Schulze, Burkhard Spinnen, Rainer Merkel, Jörg-Uwe Albig, Rolf Dobelli, Kathrin Röggla oder besonders ausführlich zu Ernst-Wilhelm Händler. Schon diese Aufzählung zeigt, dass eine literarische Wertung nicht vorgenommen wird, sondern ausschließlich das Thema interessiert. Man folgt den Ausführungen der Autorin trotzdem gerne, auch wenn sich mitunter Fragestellungen auftun oder sich Widerspruch regen will. Bei Händler etwa, wo die Autorin die Kette körperbezogener Sprachbilder genauso analysiert wie die zeitgeistige "Arbeit am eigenen Körper", drängt sich beim Lesen des Romans die Frage geradezu auf, was damit eigentlich ausgesagt wird, wenn diese Themen just in einem Roman mit weiblichen Unternehmerprotagonisten so exzessiv abgehandelt wird, zumal das Diktat der gestylten Körper – Sichtwort Waschbrettbauch – längst die Gendergrenze übersprungen hat. Die Wirtschaft, so die Autorin, zeige sich in diesem Roman nicht als rationales System; abgesehen davon, dass sie das nie ist, was man auch in Spinnens dokumentarischem Unternehmerroman "Der schwarze Grat" nachlesen kann, inszeniert Händler das irrationale, ausschließlich emotional gesteuerte Agieren seiner weiblichen Akteure besonders lustvoll und nicht ohne Sexismus – das sei dem Autor hier einmal unterstellt.

Was Heimburgers Arbeit auch sichtbar macht, ist die Tatsache, dass Literatur oft soziologische Prozesse beschreibt, bevor sie allgemein sichtbar sind, etwa wenn in Joachim Zelters Roman "Schule der Arbeitslosen", erschienen 2006, der permanente "biografische Neubeginn" (S. 239) und das Spiel mit multiplen Ich-Identitäten antrainiert wird, das heute dabei ist, sich mit den social games als Alltagspraxis einer ganzen Generation zu etablieren. Und das könnte man auch der von der Autorin referierten These von der "geradezu traditionellen Arbeitsabstinenz" (S. 20) der deutschsprachigen Literatur bis in die 1990er Jahre entgegenhalten. Die vielen sozialen Absteiger und Verlierer in den Romanen waren auch die Vorwegnahme eines sozialen Phänomens: Gerade im gut ausgebildeten Segment ist mit der Verknappung der öffentlichen Mittel die mittlere Generation zunehmend aus geregelten Abreitsbeziehungen herausgefallen, während die junge Generation im Format "Praktikum" zwischengelagert wird. Am souveränsten durchgespielt wird das in den späteren Romanen Wilhelm Genazinos, die Heimburger nicht mit einbezieht, und das ist keineswegs als Vorwurf gesagt. Eine Arbeit, die sich einem derart vernachlässigten Thema widmet, kann nicht auf eine wie immer gedachte "Vollständigkeit" des Textkorpus verpflichtet werden. Und wer im Kapitel zum Thema Theater neben Rolf Hochhuth, Urs Widmer, Kathrin Röggla, Gesine Danckwart, Falk Richter oder Rene Pollesch etwa Rimini Protokoll vermisst, kann zum Band "Ökonomie im Theater der Gegenwart" (Transcript Verlag 2009) greifen.

Als Fazit der "Literarisierung der Arbeit im Postfordismus" (S. 357) notiert die Autorin: "Die veränderten Arbeitsstrukturen werden weder im Sinne einer 'Kontinuitätsliteratur' durch die Abbildung zwar noch bestehender, aber von der neuen Arbeitsorganisation allmählich abgelöster Arbeitsverhältnisse ignoriert noch beschränkt sich eine Mehrheit der Texte auf eine wertende Gegenüberstellung von Alt und Neu" (ebda). Nur Spinnen und von Düffel würden mit ihren Unternehmer(dynastie)romanen an die "Traditionsgebundenheit einst klassischer Familienunternehmen" (ebda) erinnern. Hier stellen sich zwei prinzipielle Fragen: Ist die literarische Verarbeitung von gesellschaftlichen Verlusterlebnissen notwendig immer rückwärts gewandt, kann sie nicht vielmehr auch der Gegenwart einen Spiegel vorhalten? Vor allem aber: Ist eine nicht wertende Gegenüberstellung von Alt und Neu eine Stärke oder eine Schwäche? Die Antwort darauf hat ganz wesentlich mit dem in der Gesellschaft undiskutierten Modernitätsbegriff zu tun. Vielleicht ist "Moderne" einfach seit langem zu unhinterfragt an die Entwicklungsschübe des kapitalistischen Wirtschaftssystems gebunden, um gesellschaftspolitisch noch aussagekräftig zu sein. Was sich ökonomisch durchgesetzt hat, definiert seit gut 100 Jahren die Marken zur Beurteilung, ob sich die historischen Subjekte progressiv, also pro als Modernisierer der ersten Stunde, oder rückwärtsgewandt, also contra als Problematisierer möglicher Folgekosten zu den jeweiligen ökonomischen Prozessen stellten. Kolonialismus, Faschismus, Weltkriege und nicht zuletzt Börsencrashes in regelmäßiger Wiederkehr lassen ein Nachdenken darüber zumindest sinnvoll erscheinen. Doch das ist naturgemäß ein anderes Thema und ändert nichts am Verdienst der Arbeit von Susanne Heimburger.

Evelyne Polt-Heinzl
21. Dezember 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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