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Evelyn Holloway: Schattenlichter - Shadowlights

Lyrik - Poetry.
Klagenfurt/Celovec: Wieser, 2010.
125 Seiten; gebunden; EUR 18,80.
ISBN 978-3-85129-887-1.

Link zur Leseprobe

Bereits der Klappentext klärt uns über den Grund des Oxymorons im Titel auf: „Jedes Gedicht ist ein Sieg des Lichtes über den Schatten“ und das erste Gedicht mit dem Titel „Why – Warum“ stellt gleich einmal die fundamentale Frage nach dem Grund des Schreibens. Allgemein stellt sich Evelyn Holloway in ihrem Lyrik-Band viele grundsätzliche Fragen über Kindheit, Jugend, Liebe und Existenz. Man hat das Gefühl, dass Sie ihre Worte gründlich auswählt und präzise setzt und gleichzeitig ist ihre zentrale Metapher für den Poeten der Clown, der mit Wörtern um sich wirft und dennoch nicht das richtige findet, der Clown, vor dem durch seine Irrationalität nichts sicher ist. Dass Evelyn Holloway ausgerechnet diese Berufsgruppe zum Vergleich heranzieht, ist nicht weiter verwunderlich, ist sie doch selbst in Beirut, Athen und Jerusalem als Clown aufgetreten.

Evelyn Holloway - übrigens auch Mitbegründerin des Ersten Wiener Lesetheaters und zweiten Stegreiftheaters - ist in Wien geboren, ging dann aber 1972 nach Oxford, um dort Englisch zu studieren. Es besteht kein Zweifel, dass die englische Sprache für sie eine große Bedeutung hat, weil sie auch in diesem Idiom ihr lyrisches Talent entdeckt haben muss, wie uns ein Gedicht eröffnet. Und so ist auch ihr Lyrik-Band zweisprachig, besser gesagt, in zwei Sprachen geschrieben. Denn sie tut das, wovon gemeine ÜbersetzerInnen nur träumen können: Sie kürzt, sie erweitert, sie gibt ihren Botschaften in beiden Sprachen ihr eigenes Gesicht. Gleichzeitig lässt sie eine Formenvielfalt zu, die von Gedichten in Strophen und Kurzprosa über Aphorismen bis hin zu Jazz-Improvisationen reicht, wobei der freie Vers die dominierende äußere Form ist. Auch ein Traumprotokoll findet sich unter den Texten. Mit ihrem Gedicht „This Poem is a Novel“ spielt sie mit den Genregrenzen und sie begreift auch die Grenzen der Sprache, wenn sie beschließt, ihre Feder wegzulegen, um das zu tun, was sie nicht (be)schreiben kann.

Mit ihren Gedichten begibt sich Evelyn Holloway auf Spurensuche, wobei sie nicht verschweigt, dass selbst Erinnerungen veränderlich sind. Dass sie selbst nach Spuren sucht, die nicht mehr sichtbar sind: „Footprints swallowed by the sea/ are still/ footprints.“ Allgemein spielt die Landschaft im Ausdruck Holloways eine große Rolle. Nicht von ungefähr lebt die Autorin heute in Wien und St. Ives in Cornwall. Der Blick auf das Meer ist ihr in diesem malerischen Ort auf der südlichen Hälfte der britischen Halbinsel sicher. Das Wissen um den Tod von engen Verwandten in der Shoah lässt einen wohl selbst im Land der Kindheit nicht so wirklich heimisch werden, wenn es der Ort der Verfolgung war, und so ist die weltbürgerliche Gesinnung Holloways nur allzu begreiflich.

Evelyn Holloways Werk ist dennoch nicht auf sich selbst zentriert, lässt sie doch in ihren Gedichten Pablo Picasso, Cesare Pavese oder Virginia Woolf aufmarschieren. Die Bandbreite reicht von humorvoll-erotischen Gedichten über das Schälen einer Banane als Metapher für das Entkleiden bis hin zu klaren Stellungnahmen zu George Bushs angeblichem Krieg gegen den Terror. „Wo sind wir gelandet?“ fragt die Autorin unter dem passenden Titel „Briefe aus der Wildnis“. Evelyn Holloway bittet um Applaus für die Rosen als perfekte Metapher und auch nach der Lektüre dieses Lyrik-Bandes können wir durchaus applaudieren.

Florian Müller
15. Dezember 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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