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Selma Mahlknecht: Es ist nichts geschehen

Roman.
Bozen: Raetia Verlag, 2009.
200 Seiten; geb.; EUR 17,90.
ISBN 978-88-7283-335-3.

Link zur Leseprobe

Großmutter ist immer im Bilde, wo es den besten Kuchen und Kaffee gibt, wenn sie ihre Enkel Bess und Sandy treffen will. Wohlgemerkt: Sie bäckt und kocht nicht selbst und lässt sich gern von Bess chauffieren. Abgesehen davon ist sie eine klassische Großmutter: In den Augen ihrer Enkelkinder hat sie geduldig ihr schweres Schicksal ertragen und mimt auch heute noch die Gütige und Verständnisvolle. Was sie selbst anderen Menschen angetan hat, verbirgt sie gekonnt. Großmutter hat Bess und Sandy großgezogen. Sie ist die einzige, die die beiden noch haben. Was die beiden allerdings nicht wissen und wohl auch nicht wissen wollen: Großmutter hat auch dafür gesorgt. „Es ist nichts geschehen“, heißt es erleichtert, wenn Begegnungen ohne größere Enthüllungen der Familiengeschichte zu Ende gehen. „Es ist nichts geschehen“, sagt Sandy enttäuscht, wenn sie die offenen Fragen ihrer Biographie nicht mehr erträgt und sich wünscht, dass die Eisdecke auf dem See unter ihr einbricht und nichts passiert.

Du und ich, wir brauchen keine Wahrheit. Wir brauchen Trost, schreibt Sandy in einem Brief an Bess, den sie nicht abschickt, sondern verbrennt. Auch Bess' Briefe finden ihren Weg zum Briefkasten nicht. Es passiert nichts, weil niemand wagt, die Dinge anzusprechen. Und so will Bess von ihrem Arzt lieber Schlafmittel als über ihr Trauma reden. Sie erfährt nie, wer ihr richtiger Vater ist. Genauso ist Sandy überzeugt, schuld am Tod ihrer Mutter zu sein, weil sie am Tag ihrer Geburt gestorben ist. Doch dieses Unausgesprochene verschafft sich auf dem Papier des Romans immer wieder Gehör, in kursiv geschriebenen Gedanken, die die Dialoge diskursiv durchdringen. Sandys Versuche, die Familiengeschichte niederzuschreiben, hinken der rasanten Handlung des Romans hinterher. Selma Mahlknecht schafft durch eine Vielzahl an Textformaten (von der SMS bis zum Märchen) und durch die geschickte Verflechtung der einzelnen Handlungsstränge ein sehr kurzweiliges Buch, dessen Kapitel meist nicht länger als zwei Seiten sind.

Auch wenn die Handlung örtlich nicht festgelegt ist, möchte man sich die Lebensgeschichte der Großmutter bei einer in Meran geborenen Autorin gerne zwischen Bergen und der damit assoziierten Engstirnigkeit der Menschen vorstellen. Als Kind muss die Großmutter den tyrannischen erstgeborenen Bruder ertragen, der alle anderen Brüder vom Hof vertreibt. Sie selbst entkommt durch Heirat mit dem Erstbesten. In ihre Ehe a` la „Madame Bovary“ nimmt sie ihren epileptischen und nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselten Bruder mit, der am Land als nutzloser Krüppel gilt. Ihre Tochter Ruth, die Mutter von Bess und Sandy hasst sie genauso innig wie ihr Mann sie vergöttert, weil sie durch die Geburt ihrer Tochter erkennt, dass sie nun ihre Funktion in der Ehe erfüllt hat. Ihrer eigenen Tochter spricht sie gleichzeitig die Fähigkeit ab, trotz ihrer jungen Jahre Mutter zu sein und nimmt ihr Bess und Sandy weg.

Ähnlich schwierig wie Ruths Beziehung zu ihrer Mutter ist auch Bess' und Sandys Beziehung zueinander und zu ihrer Umwelt. Als Sandy in einem Hotel arbeitet, kann sie die Freundschaft mit ihrer Arbeitskollegin Anna nicht annehmen, und schon gar nicht ihre Einladung, mit ihr nach Mexiko zu gehen, um dort einen Neuanfang zu wagen. Annas erster Kontakt mit Sandy ist übrigens mehr als holprig, als sie feststellt, dass Sandys Sprache irgendwie konservativ sei. Eine Reflexion auf ein Erlebnis der südtiroler Autorin, die in Wien lebt? Selma Mahlknechts Sprache ist in jedem Fall eine sehr schöne und klare. Sie verliert sich nicht in Diskursen und entbehrt dennoch nicht einer gewissen Poesie, wenn etwa die Großmutter in erster Person ihre Geschichte erzählt: „Ich selbst war ein Weinen geworden, verschwiegen und untröstlich […]“, oder wenn „der Frühling dieses Jahr nicht in den Fensterrahmen passt“.

„Es ist nichts geschehen“ ist ein sehr spannender Roman der umtriebigen Selma Mahlknecht, die als Dramaturgin und Regisseurin ebenso aktiv ist wie als Autorin und Bloggerin. Es geht um die berühmten Leichen im Keller der Familiengeschichte, auch wenn es nicht immer - wie hier - sprichwörtliche Leichen sind. Und es ist eine exemplarische Geschichte dieser Generation, die es ihren Kindern und Enkelkindern durch ihr beharrliches Schweigen so unheimlich schwer macht, mit dem Rucksack an vererbten Traumata in ihrem eigenen Leben Fuß zu fassen.

Selma Mahlknechts nächster Roman führt übrigens in das alte Griechenland. „Helena“ ist aber keine bloße Nacherzählung eines klassischen Stoffes. Aus der erfrischenden Perspektive einer selbstbewussten Frau wird diese Geschichte neu geschrieben, ein Text von hellenistischer Schönheit.

Florian Müller
15. Dezember 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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