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Claudia Erdheim: Zwölf Frauen und ein Mann

Reisegeschichten.
Wien: Löcker Verlag, 2010.
130 S.; brosch.; Euro 19,80.
ISBN 978-3-85409-562-0.

Link zur Leseprobe

"Schreiben ist das bessere Erleben" – eine Reisedokumentation in Echtzeit

Wer irgendwann einmal vorhat, mit einer Gruppe zu verreisen, der sollte zuerst Claudia Erdheims Reisegeschichte "Zwölf Frauen und ein Mann" lesen. Mit dreizehn TeilnehmerInnen plant sie eine eher unfreiwillig von ihr geführte Gruppenreise nach Galizien, die Heimat der jüdischen Vorfahren ihrer Mutter. Aber all die von ihr bestens vorbereiteten Besuche touristischer Höhepunkte verblassen hinter den zahllosen zwischenmenschlichen Ereignissen. Schon die Suche nach der nächsten Toilette oder der rechtzeitige Kauf von Fahrkarten gerät nicht selten zum Abenteuer. Und regelmäßig drohen allzu menschliche Bedürfnisse wie der nicht aufschiebbare Wunsch einzelner Mitreisender nach einem heißen Kaffee oder einer Wurstsemmel das ganze Tagesprogramm zu torpedieren. Ganz zu schweigen von der schier unlösbaren Aufgabe, die Gruppe zusammenzuhalten; entweder, weil immer irgendeiner plötzlich unabgemeldet verschwindet oder nicht pünktlich zum ausgemachten Treffpunkt erscheint.

 Auf ganz andere Weise abenteuerlich gestalten sich Claudia Erdheims Touren durch Russland, in denen sie allein unterwegs ist. Zum Beispiel ihre Recherche nach dem jüdischen Leben im Galizien des 19. Jahrhunderts. Während dieser Forschungsreise bringen sie nicht nur die Löcher in Lembergs holprigem Pflaster zum Stolpern, sondern auch das nicht besonders entgegenkommende Personal der örtlichen Bibliotheken. Trotz aller Widrigkeiten des sowjetischen Alltags wagt sich die Autorin sogar einmal mit Schiff und Bus bis zum Baikal-See. Ihre Unterkunft ist eine mehr als schlichte Pension. Dort gibt es Fisch und altes Brot zum Frühstück, und eine Holzhütte im Garten dient als Toilette und einzige Waschgelegenheit. Nach diesem Überlebenstraining freut sie sich wieder auf das zivilere Russland mit fließendem Wasser und einem Bett, dessen Rost nicht bis auf den Boden durchhängt.

Israel stellt eine weitere Station von Claudia Erdheims Reisegeschichten dar. In der Westbank ist sie privat untergebracht. Sie erlebt den Alltag der dort lebenden Juden aus nächster Nähe: vom Gebet in der Synagoge über die streng eingehaltenen Rituale beim Schabbat bis hin zum gemeinsamen Essen am Familientisch. In Jerusalem führt Erdheim den Leser zu ihren Lieblingsplätzen. Mea Shearim zieht sie immer wieder magisch an. Mit wachem Auge für die manchmal skurrillen Details des jüdischen Alltags – wie die in den Gassen aushängenden eigentümlichen Herrenunterhosen – streift sie durch ihr geliebtes Stetl.

Eine völlig andere Welt erwartet die Reisende in den USA. Von New York geht es unter anderem nach Chicago, Las Vegas und San Francisco. Wegen ihrer russisch stämmigen Reisebegleiterinnen und Gastgeber vor Ort lernt sie neben den touristischen Attraktionen vor allem das russische Amerika kennen. "Alles wie in Russland" stellt Claudia Erdheim im New Yorker Russenviertel Brighton fest: die Produkte im Supermarkt, die Zeitungen und die alte Frau, die auf der Straße selbst gestrickte Socken verkauft.

Claudia Erdheims Reisegeschichten wirken wie mit dem Diktaphon geschrieben. Ihre Echtzeit-Reisedokumentationen zeichnen den Bewusstseinsstrom im Unterwegssein nach; mit all den manchmal nebensächlich wirkenden, aber eine Reise oft stark prägenden Randerscheinungen, Nebengedanken und zwischenmenschlichen Begleitereignissen. Nach dem Motto "Schreiben ist das bessere Erleben" führt Claudia Erdheim in ihren Geschichten eine Art Live-Tagebuch. Internet-Blog und Online-Video sind dafür genau das richtige Medium. Diese finden ihre Leser dann auch auf Claudia Erdheims persönlicher Website http://www.erdheim.at. Dort kann man zum Beispiel den im Buch beschriebenen Mandolinenspieler vor einer Bäckerei im Video sehen und hören. Die Bilder ihrer wackeligen Handkamera machen Claudia Erdheims persönliche Reiseerlebnisse für den Leser auf multimediale Weise lebendig.

Michaela Schmitz
5. Jänner 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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