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Erwin Riess: Herr Groll und der rote Strom

Roman.
Salzburg-Wien: Otto Müller Verlag, 2010.
277 S.; geb.; Euro 21,-.
ISBN: 978-3-7013-1170-5

Link zur Leseprobe

Erwin Riess ist beileibe kein Debütant mehr, er ist seit 1957 auf der Welt, seit 1983 Rollstuhlfahrer, seit 1994 freier Schriftsteller, er lebt und arbeitet schon länger in Wien-Floridsdorf, aber auch ganz gern am Wörthersee. Er hat insgesamt 13 Buchpublikationen vorzuweisen, in jüngerer Zeit schreibt er mit Vorliebe Romane und Stories, in denen ein Herr Groll der Ich-Erzähler ist. "Herr Groll und der rote Strom" ist schon das fünfte Herr-Groll-Buch. Herr Groll ist Rollstuhlfahrer wie Erwin Rieß, er vollführt trotz seiner Behinderung nicht nur geistige, sondern auch ausgesprochen bemerkenswerte körperliche Husarenstücke. Ob Erwin Riess das, was Herr Groll auf seinen abenteuerlichen Reisen und Verbrecherjagden mit seinem Rollstuhl Joseph III. alles austeilt, auch zu Wege bringt, wissen wir nicht und müssen wir auch nicht wissen, weil wir literarische Texte nicht aufs Biografische reduzieren wollen. Doch es fällt auf, dass Erwin Riess auch in seinen nicht-fiktionalen Veröffentlichungen das Thema der Behinderung in den Mittelpunkt stellt, etwa in dem Essay-Band "Die Ferse des Achilles" (Bibliothek der Provinz, 2005). In vielfältiger Weise, unerschrocken und unaufdringlich, weiß Erwin Riess 'sein Anliegen' literarisch zu inszenieren und er dringt damit zu einem Leserkreis vor, der mit dem Zeigefinger der Belehrung nicht zu erreichen wäre. Schon vor Jahren habe ich mit viel Vergnügen den Reisekrimi "Der letzte Wusch des Don Pasquale" gelesen und kann nun eine Veränderung, eine Entwicklung feststellen: weniger Melodram und mehr Witz - mehr aufgelacht habe ich bei diesem letzten Buch - über bösen, ins Satirische gehenden Humor.

Die Herr-Groll-Geschichten sind Krimis. Auch im neuen Buch gibt es gleich auf den ersten paar Seiten "a schene Leich", eine Prostituierte wird aus der Donau gefischt, "mit einem roten Stöckelschuh". Krimis stehen bei Literaturgelehrten nicht immer hoch im Ansehen, dies zu Unrecht. Das Grundnarrativ von Krimis ist die Übertretung, ein Krimi ist erst durch die Gesetzesverletzungen, von denen er erzählt, ein Krimi. Zur Reflexion über unser gesellschaftliches Dasein gehört die Konfrontation mit der Regelübertretung. Wir spüren uns selbst als gesellschaftliches Wesen am stärksten im Angesicht der Übertretung. Keine 'fiction' erfüllt die Funktion besser, Soziales transparent werden zu lassen. Die Verbrecherjagd der meisten guten Krimis liefert nur den Vorwand für detaillierte Milieustudien; die Schilderung der Figuren mit ihrem jeweiligen speziellen Habitus und die Beschreibung des Lokalkolorits im österreichischen Gegenwarts-Krimi sind Studien von ethnographischer Qualität. Von Zenkers Kommissar Kottan und Wolf Haas' Brenner bis zu Alfred Komareks Polt, Eva Rossmanns Mira Valensky, Manfred Wieningers Marek Miert und Christian Klingers Seidenbast haben die Erfindungen von Krimi-AutorInnen den Schrecken der österreichischen Alltagsrealität erfasst. Erwin Riess erweitert diese illustre Reihe um eine neue Facette, den rollstuhlfahrenden Aufklärer nicht aus Pflicht, sondern aus Leidenschaft. Nicht nur Herr Groll selbst ist ein Wiener Original, auch wenn auf seiner Visitenkarte "staatlich beeidete Lebens- und Vermögensberatung" steht, ist er nichts anderes als ein Gauner mit goldenem Wiener Herz. Neben seiner kellnernden und sich prostituierenden Freundin Anita und dem versoffenen Freund und Halunken Horst taucht da recht bald ein Dozent als höchst origineller Mitarbeiter Grolls bei der Aufklärung des Mordfalls an der Donau auf. "Dozent" steht im Klappentext unter Anführungszeichen - warum? Dieser Mann ist wirklich ein Dozent, da braucht es keine Anführungszeichen, es gibt ihn wirklich immer noch an österreichischen Universitäten: "Privatdozent", ein Titel, der (k)ein Titel ist, für - freischwebende Intelligenz.

Krimis müssen spannend sein; nirgends kann ich als Leser mit mehr Vergnügen die Kunst des Erzählens erleben und lernen; in der deutschsprachigen Literatur ist sie ja zu Tode geredet und geschrieben und ihre Wiederauferstehung und ihr Wiederbegräbnis gefeiert worden: die Kunst, spannend zu erzählen.
Als Thriller lassen wir den neuen Roman von Erwin Riess nun nicht durchgehen, denn er verweigert spätestens im zweiten Teil die Art von Spannung, wie sie zu einem Krimi angeblich gehört. Die drei Bösewichte, sexuell pervers, moralisch verkommen, ökonomisch korrupt - der Primararzt, der Spitzenbeamte, der Wirtschaftstreibende – sind schon von Anfang an die üblichen Verdächtigen. Es kommt der Erzählung nicht auf Rasanz und 'action' an, trotzdem hat sie Bewegung (es tut sich viel in ihr) und zündende Dialoge. Diese entfalten sich zum Beispiel bei Herrn Grolls so genannter Berater-Tätigkeit im Heurigen
(siehe Leseprobe).

Statt nach dem Krimi-Muster amerikanischen Zuschnitts auf puren Thrill zu setzen, entfaltet Herr Groll in bester Manier des europäischen Ethno-Krimis sein satirisches Potential und wir schütteln uns vor Lachen über die Expertisen von Wenzel Schebesta (KPÖ Floridsdorf!) zur globalen ökonomischen Krise. Dazu aber tritt gegen Ende hin eine weitere erzählerische Qualität weit jenseits herkömmlicher Krimi-Muster: Herrn Grolls besondere Beziehung zum Wasser und zum Wassergefährt. Schon in den früheren Herr-Groll-Romanen begegnen wir der Begeisterung des Helden für Boote und Schiffe aller Art und folgen ihm auf ausgedehnte Schifffahrten. Im Finale steigert sich die Erzählung zur Schilderung einer Natur- und Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes mit apokalyptischen Zügen. Die Wasser- und Schiffsmetaphorik in Erwin Riess' Romanen deute ich als Form des gelähmten Rollstuhlfahrers, mit existenzieller Bedrohung umzugehen und Sicherheit und Geborgenheit zu finden. Wir Leser aber sind im Grunde genommen auch alle mehr oder weniger gelähmt (denn Hand aufs Herz: wer kann sich schon immer so flink bewegen wie Herr Groll?) und wir sind alle Rollstuhlfahrer, das lernen wir unter anderen aus den Riess-Büchern, abgesehen davon, dass sie höchst vergnügliche Lektüre bieten.

Walter Fanta (Privatdozent am Robert Musil-Institut / Universität Klagenfurt)
31.12.2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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