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Hans Eichner: Kahn & Engelmann.

Eine Familien-Saga.
Wien: Picus, 2000.
(Österreichische Exilbibliothek).
367 S., geb.; öS 291.-.
ISBN 3-85452-437-4.

Link zur Leseprobe

Nur selten gelingt es einem Roman, die Atmosphäre des jüdischen Lebens so authentisch und lebensnah zu schildern wie es bei "Kahn & Engelmann" von Hans Eichner der Fall ist.

Der 1938 aus Wien geflüchtete, heute in Kanada lebende Germanist Hans Eichner erzählt die Geschichte der Familie Kahn, die aufgrund der Initiative der resoluten Sidonie Kahn am Ende des 19. Jahrhunderts zu Fuß nach Wien wandert, um dort im Textilgeschäft zu reüssieren. Denn das Wandern wurde den Juden "im Lauf ihrer Geschichte geradezu zum unfreiwilligen Nationalsport", wie er in diesem Zusammenhang formulierte.

Eichners besonders schön erzählte und auch in den vielen erfundenen Einzelheiten authentisch anmutende Erzählung basiert zum Teil auf der Geschichte seiner eigenen Familie. Die Charaktere sind starke Persönlichkeiten, wie Sidonies Tochter, die Geschäftsfrau Gisa, die allein ein Modegeschäft auf der Tuchlauben führt und ihren schwächlichen Mann erhält, der wegen ihr seinen früheren Stand am Karmeliterplatz aufgeben konnte und nun seine Zeit im Kaffeehaus absitzt. Währenddessen sucht ihr Bruder Jenö Abenteuer in London, einer Stadt, "daß einem Hören und Sehen verging und Wien nachher wie ein Dorf vorkam", und später als nicht ganz seriöser europäischer Vertreter einer britischen Firma.

Neben diesen Familiengeschichten ist das Buch aber auch eine der schönsten Erinnerungen an jenes jüdische Wien, das nicht mehr existiert und das 1938 grausam vernichtet wurde. So fragt der Autor an einer Stelle: "Wer weiß denn noch, zu welchem Grad das damals, mit Sigmund Freud und Theodor Herzl, mit Mahler und Sonnenthal, mit Schnitzler und Beer-Hofmann, mit Victor Adler und Karl Kraus, eine jüdische Stadt war?" Der Rabbiner der Schiffschul, der in Wien einst berühmten ungarisch-orthodoxen Synagoge, der der neu eingewanderten Familie Kahn behilflich ist, trägt im Roman den Namen Chaim Ledermann, und Eichner nennt ihn einen Zaddik, einen "der wenigen, die es noch gibt". Obwohl er eine Erfindung des Autors ist, basiert auch seine Gestalt auf vielen authentischen, literarisch verfremdeten Erinnerungen: "Da dieser keine Bücher schrieb, wissen die Historiker nichs von ihm zu berichten, aber das gereicht ihnen nicht zum Lob: Er war kein Gelehrter, sondern ein Weiser", und er "kümmerte sich um Cheder, Mikwe und das ganze Konglomerat von koscheren Fleischhauern, Selchwarenerzeugungen und Bäckereien, das mit zum Komplex der Schiffschul gehöre, und nach seinem Tod mußte ein ganzer Verein, der Adass Jisroel, gegründet werden, um diese Aufgaben zu übernehmen."

Eine der lesenswertesten Passagen des Buches (wenn nicht alles lesenswert wäre) ist die acht Seiten lange Beschreibung der bürokratischen Hindernisse, die den Großeltern Sidonie und Josef in den Weg gelegt wurden, als diese versuchten, einen Gewerbeschein für einen kleinen Laden zu erhalten. Nach 14tägigen Bemühungen hatten sie diesen noch immer nicht, dafür aber drei falsche Formulare, und der einzige Ausweg aus dieser Situation blieb die Bestechung des betreffenden Beamten.

Ganz nebenbei, ohne besonderen Konnex zur Handlung, enthält das Buch auch eine der schönsten Beschreibungen, warum der einst berühmte Wiener jüdische Sportklub Hakoah so einzigartig war: "... Man 'war wer' in der Hakoah aber nicht nur, wenn man im Rückenschwimmen oder im Hürdenlauf gewann, sondern auch wenn man Bücher schrieb oder gut Geige spielte, und die Hakoah dürfte wohl der einzige Sportclub der Welt gewesen sein, wo Belesenheit fast soviel galt wie ein Sieg im Turmspringen."

Im letzten Teil des Romans verarbeitet Eichner seine eigene Exilerfahrung; er beschreibt einen gescheiterten Fluchtversuch über die holländische Grenze, seine Internierung in Großbritannien, wo er Erich Fried und Franz Baermann Steiner nahestand, und seine Deportation auf dem britischen Truppenschiff Dunera nach Australien, wo sich in den beiden Lagern unter den 2000 Mann laut Eichner mindestens 1500 Intellektuelle befanden.

Der Roman ist vielleicht etwas anstrengend zu lesen, da die Handlung viele interessante Nebenstränge und Exkurse enthält, unter ihnen der interessanteste und ausführlichste über das traditionelle jüdische Leben im Burgenland. Selbst die vielen langen und komplizierten Geschäftsbriefe im zweiten Teil des Buches im Zusammenhang mit einer neuen Geschäftsgründung in Linz langweilen nicht. Eichners Erzählweise ist zwar sehr sprunghaft und bricht immer wieder in die verfremdete Gegenwart des Autors aus, aber der Leser wird auf jeder Seite und auf vielfache Weise, nicht zuletzt wegen der vielen jiddischen Einsprengsel, für die Mühe belohnt.

Evelyn Adunka
19. Dezember 2000

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