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Leseprobe: Astrid Kofler - Lebenskörner

18. April 1927, Ostermontag
Als Giuseppina und Giuseppe Ingannamorte Hochzeit hielten und sich anschickten, einen Sohn zu zeugen

Jetzt können wir unser Märchen beginnen, dachte Giuseppina, nachdem sie die Schuhriemen in einem Doppelknopf gebändigt und sich die Tasche wieder auf den Rücken geworfen hatte. Jetzt können wir unser Märchen beginnen, sagte Giuseppe leise und sie neigte den Kopf, weil sie laut gedacht hatte, und ernst sah sie ihn an und merkte, wie er sie warmen Auges betrachtete, und geradeaus blickte sie wieder und beachtete den Atem an diesem Morgen. Schritt vor Schritt setzte sie und kein Band war mehr lose.

Giuseppina war die vierte Tochter ihres Vaters, sie war die jüngste und jene, die ins sonntagmorgendliche Bett hatte schlüpfen dürfen und mit ihren ungeputzten Zähnen an seinen Barthaaren ziehen, bis ein Stoppel sich löste und sie ihn von der Zunge fischen konnte und betrachten. Giuseppina war diejenige, von der der Alte sich wünschte, dass sie immer bei ihm bleiben solle und wenn schon, dann als letzte gehen. Noch hatte die eine nicht entschieden und die anderen hatten keinen gefunden.

Er würde sie vermissen beim Frühstück. Die Zahncreme, die ihre Tante stets selbst zubereitete, aus zerstampfter Pfefferminze und Blumenasche, aus Schweinefett und weißem Bienenwachs und Olivenöl, hatte sie in der Eile vergessen. Sie war es gewohnt, sich damit die Zähne zu reinigen, obwohl das Gemisch auf den Zähnen klebte und ihre Freundin darob lachte und meinte, sie solle es sich besser ins Gesicht schmieren, um die Haut zu schützen vor Wind und Falten. Nun rieb sich Giuseppina mit dem Zeigefinger die Zähne glatt.

Es war noch nicht ganz hell, die Sonne noch hinter den Hügeln, ein erstes Strahlenbündel warf das Licht voraus, die Bäume rauschten, die Wipfel bewegten sich, die Landschaft gewellt. Knappe zwei Stunden, so hatte Giuseppe gesagt, müssten sie gehen. Da war eine Kirche und ein Frater Minore in klappernden Zoccoli, mit einem kahlgeschorenen Hinterkopf und langem Bart, den er sich schon mehrmals an aufflammenden Kerzen versengt hatte, einer, der bereit war, ihnen die Beichte abzunehmen und den Bund der Liebe vor Gott zu segnen, wo andere Umhimmelswillen das Dorf herbeiriefen und die entsetzten Eltern dazu. Der Wind schmerzte im rechten Ohr und der große Zeh des rechten Fußes schmerzte, die Kuppe war durch das Loch gerutscht, die Strickmasche, die hielt, schnitt ein. Beim Anziehen in Herrgottsfrüh hatte sie das Loch im Strumpf bemerkt, aber einen anderen zu suchen, hätte zu viel Lärm gemacht, die Tür ihres Schranks quietschte, Zeit und Licht fehlten, es notdürftig zu stopfen. Eine Tasche hatte sie schon tags zuvor hinter dem Baum versteckt, der an der Wegkreuzung stand, Bänder hatte sie so an der Tasche montiert, dass sie diese am Rücken tragen konnte und die Hände frei hatte, sollte er sie halten wollen. Geschlafen hatte sie nicht, Müdigkeit spürte sie keine. Wieder traf ihr Blick sein warmes Lächeln.
(S. 7f.)

© 2010 Haymon Verlag, Innsbruck-Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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