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Janko Ferk: Forensische Trilogie

Drei Novellen
Edition Atelier, Wien 2010
174 Seiten; geb.; Euro 18,90.
ISBN 978-3-902498-34-2

Link zur Leseprobe

In drei Briefen widmet sich der Kärntner Autor, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Richter Janko Ferk dem Psychogramm eines Gewalttäters, um anhand dessen den Rechtsbegriff unseres Systems zu diskutieren. Mit seiner „Forensischen Trilogie“ bewegt er sich somit auf bekanntem Terrain, geht es ihm doch von Berufs wegen um die Erkennung von kriminellen Handlungen und deren Beurteilung. Die literarische Umsetzung knüpft er an seine intensive Beziehung zum Werk Franz Kafkas, das ihn immer wieder zu rechtsphilosophischen und -wissenschaftlichen Betrachtungen anregte.

Im ersten „Brief an den Staatsanwalt“ erzählt K. (wie Kafka) von sich und seiner menschlich-persönlichen Entwicklung, seiner familiären Herkunft und seiner schwierigen Sozialisation als Erklärung für seine aggressive Handlung seiner Geliebten F. (wie Felice Bauer) gegenüber. K., der sich als von seinem Vater vollkommen unterdrücktes Individuum darstellt, kämpft in dieser „Verteidigungsschrift“ um Verständnis für seine durch Lieblosigkeit gestörte Persönlichkeit. Er schildert wie die Liebe, die er mit F. erleben durfte, ihn mit Wucht auf eine andere Bewusstseinsebene hob, anderen und sich selbst gegenüber, und wie er diese mit derselben Wucht wieder verlassen musste. Janko Ferk übernimmt das Persönlichkeitsbild des übermächtigen Vaters von K. beinahe wortgenau aus Kafkas „Brief an den Vater“: „Er war ein Mann mit Stärke, Gesundheit, Hunger und Durst (bei Kafka „Appetit“)…“ (S.23) und entwirft mit K. einen Charakter, der dem Kafkas entsprechen könnte. Zugleich gemahnt die Verteidigungsschrift an „K.“ in „Der Prozess“, in ihrer Empörung über die ungerechtfertigte Anklage. Bei Ferk zieht K. alle Register vernünftiger Erklärung, Drohung, gar Beschimpfung des Anklägers, um seine „Unschuld“ zu verteidigen.

Der zweite „Brief an den Richter“ ist von anderer Tonart. Hier tritt K. selbstbewusster auf, nicht Mitleid heischend, nicht erklärend. Angst schlägt um in Hohn und Spott, in Wut und Aggression, dem Richter und dem Staatsanwalt gegenüber, die er beide als Teil eines Systems sieht, das ihn, K., zu vernichten trachtet. Wieder streitet er jede Schuld ab, obwohl er psychologisch klarsichtig und auch selbstanalytisch Fehler erkennt. „Ja, ich weiß, es ist mir bekannt, dass Eifersucht nichts anderes ist als ein Besitzanspruch, ein eigensüchtiger, der mir an sich nicht zusteht.“ (S.116) Er beschwört die Liebe, die zwischen ihm und F. bestand (seiner Meinung nach „besteht“), auch wenn er bislang dem Leser noch nicht enthüllt hat, welchen Vergehens er überhaupt schuldig beziehungsweise nicht schuldig sein soll. Im Gegenteil, der Staat, der ihm die Freiheit entzieht, macht sich schuldig an ihm. Erst gegen Ende dieses Briefes ist die Rede davon, dass er F. mit einem Messer eine Stichverletzung am Kopf zugefügt hat, die er immer mehr herunterspielt bis er sie schlussendlich als „Kratzer“ bezeichnet.

Der dritte und letzte Brief ist an F. gerichtet, den er nach seiner Freilassung verfasst. K. fleht um Versöhnung und beschwört die Geliebte, ihm zu verzeihen und zu ihm zurückzukehren. Aber je mehr Worte er um seine Liebe macht, desto weniger glaubhaft wird er, desto mehr stellt ihn seine Tat in Frage. Das Verhaltensmuster, das Janko Ferk vorlegt, ist durchaus nachvollziehbar. Ein gestörtes, von Lieblosigkeit und Unterdrückung gekennnzeichnetes Eltern-Kind-Verhältnis führt zu einer Störung der späteren Partnerbeziehung, die auf einer Schädigung des Selbstwertgefühls beruht und in extremen Fällen zu krankhaften Reaktionen oder zu Gewaltausübung führt. Die Grundlagen für die Be-und Verurteilung solcher Fälle zu schaffen, ist Thema der Forensik. Im Fall von K. geht die Geschichte mit einem Freispruch aus, da es sich „nur“ um Körperverletzung handelte. Offenbar kein Fall für die Psychiatrie und zum Glück ohne tödlichen Ausgang. Dennoch scheint es für die „Geliebte“ nicht ratsam, zu K. zurückzukehren, da K. (beziehungsweise Ferk als Autor) eine Zukunftsperspektive zur Gänze ausblendet, nämlich wie K. sich zu verhalten gedenkt, sollte F. wieder ihre persönliche Freiheit in Anspruch nehmen wollen. Die Identifikation K.s mit Kafka wird hier durch die Verwendung einer seiner Zeichnungen noch zusätzlich verstärkt.

Auf der Suche nach einem kriminellen Muster betreibt Janko Ferk seine forensische Studie nicht als Nachahmung des Kafka’schen Werkes, sondern als psychologisches Experiment. Wo lägen die Motive für eine Gewalttat, wie würde Kafka sich verteidigen, wie könnte die Tat ausgehen. Der Richter und Autor bringt somit die neurotische Störung auf die hiesige Daseinsebene und regt über die Verteidigungsschrift des Täters eine Rechtsdiskussion an, die der „Klappentext“ schon auf dem Buchdeckel verspricht: es geht um existentielle Themen wie Gerechtigkeit, Schuld und Verständnis und die „Grundkonzeption einer heutigen Gesellschaft und ihrer Rechtsordnung“. Diese führt der fachmännische Autor ebenso detailliert vor wie die psychologische Disposition des Täters. Beunruhigende Fragen, die sich nach der Lektüre dieser Mischung aus Kafka und Gerichtsalltag aufdrängen, wie die nach der ursprünglichen Keimzelle der Tat, dem Verbleib des Opfers und der Entwicklung des Täters müssen schlussendlich unbeantwortet bleiben. „Der rettende Durchbruch zur Liebe ist verstellt durch das männliche Prinzip selbst, dem beide (Anm.: Vater und Sohn Kafka) ahnungslos und verblendet ausgeliefert bleiben.“, schreibt Wilhelm Emrich im Nachwort von Franz Kafkas „Brief an den Vater“ (S. 81, Fischer Taschenbuch Verlag, 1996). Diese Erkenntnis gilt auch für Janko Ferks „geerdete“ Kafka-Version.

Silvia Sand
11. Jänner 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.





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