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Uwe Schütte: Thomas Bernhard

Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2010.
UTB Uni-Taschenbücher Bd.3385 UTB Profile.
128 S.; kartoniert; Euro 10,20.
ISBN 978-3-8252-3385-3 (UTB);
ISBN 978-3-412-20587-4 (Böhlau).

"Alles was man wissen muss, und keine Zeile mehr: Die UTB-Profile-Bände vermitteln einen kompletten Überblick in kürzester Zeit." So wirbt die jüngste UTB-Reihe für ihre inzwischen fast 100 lieferbaren Bände, von denen ein gutes Zehntel deutschsprachigen Autoren von Lessing bis Enzensberger gewidmet ist. Mit Einführungen zu Peter Handke und zuletzt Thomas Bernhard ist auch die österreichische Literatur vorläufig recht gut vertreten.

Im Sinne einer Einführung in Leben und Werk des Autors ist das Buch weitgehend chronologisch aufgebaut: In der Einführung wird Thomas Bernhard als "österreichisches Phänomen" und "Klassiker der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts" (S. 7) vorgestellt und außerdem werden zentrale Facetten seines Werkes und Topoi der Rezeption und Interpretation (Monotonie, Krankheit und Tod, Provokation, aber auch Ironie und Humor oder Erzählverfahren etc.) angerissen. Darauf folgt ein biografischer Überblick, der sich an Fakten, Orten, Werken, an Preisen und Skandalen orientiert. Das literarische Werk Bernhards wird heuristisch in Kapitel zu Frühwerk, Kurzprosa & Erzählungen, frühe Romane, autobiografische Prosa, späte Romane und Theaterstücke gegliedert. Auch wenn Schütte sich in seinem Vorhaben, die "Erfassung der oft komplexen Konstellationen zwischen den Texten und Gattungen zu erleichtern" (S. 15), dabei ausdrücklich von der ‚Ein-Buch-These’ distanziert, derzufolge Bernhard im Wesentlichen an einem einzigen Text geschrieben habe, so hat er doch immer das Werk als Ganzes im Blick, "als einen verschlungenen, organischen Gesamttext […], in dem Korrespondenzen, Überlappungen, Wiederholungen und Kontinuitäten die einzelnen Texte transzendieren, da durch sie ein System von motivischen und thematischen Zusammenhängen entsteht, das sich wechselseitig kommentiert und ergänzt." (Ebd.)

Abgerundet wird die Analyse mit einem Kapitel zur Frage "Skandalautor oder politischer Schriftsteller?" und mit einem knappen Überblick zur "Kult- und Devotinalienliteratur", also zu Bildbänden, Ausstellungskatalogen, Erinnerungen und Interviews; doch auch auf drei "Pflichtlektüren" wird abschließend verwiesen: auf Louis Huguets ‚Chronologie’ zu Thomas Bernhard und seinem Großvater (Weitra 1995), Ignaz Hennetmaiers ‚versiegeltes Tagebuch 1972’ (Salzburg, Wien 2000) und Bernhards Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld (Frankfurt a. M. 2009). Ein Anhang mit knapper Bibliographie, Zeittafel zu Leben und Werk und einem Werkregister schließt das Buch ab.

Für eine rasche Orientierung werden den einzelnen Kapiteln die besprochenen Texte vorangestellt. Zum Schluss der Kapitel zur Charakterisierung der Werke, die jeweils mit einem perspektivierenden Zitat aus dem Werk oder aus Interviews eröffnet werden, finden sich einige wenige bibliographische Angaben. Aufgelockert werden die Kapitel durch eingestreute illustrierende Zitate, die auch grafisch hervorgehoben sind. Layout und Buchgestaltung gehen also offensichtlich von einem Zielpublikum aus, dem man längere diskursive Erörterungenen ohne grafische Unterstützung nicht mehr zumuten darf.

Methodisch geht Schütte zunächst meist von einer inhaltsbezogenen Beschreibung der Texte aus, in die im Weiteren psychologisch, semiotisch oder auch biografisch orientierte Interpretationsansätze einfließen. Damit vermag Schütte gemäß seiner Absicht die einzelnen Texte im Wechselspiel von Einzeltext und Gesamtwerk, dem Mainstream der Bernhard-Philologie entsprechend, zu beleuchten, wobei es jedoch immer wieder zu recht plakativen Verkürzungen kommt. Problematisch ist vor allem die Gleichsetzung von literarischen Figuren und Autor, an der Schütte trotz des Hinweises auf die Proseminarweisheit festhält, wonach Autor und Figur eben nicht kurzzuschließen sind. Auch in der abschließenden Einschätzung von Thomas Bernhard als intellektuellen Reaktionär in der "illustren Reihe der dem ‚habsburgischen Mythos’ (Claudio Magris) anhängenden Autoren des 20. Jahrhunderts" mit "nostalgische[r] Sehnsucht […] auf ein besseres Österreich" (S. 107) greift meines Erachtens zu kurz, weil damit zahlreiche anarchische Aspekte des Werkes genauso ignoriert werden wie Schüttes eigener Hinweis, dass Bernhard in seinen Werken immer wieder "das Aporetische aller Politik" (S. 109) aufzeigt.

Auch entgeht Schütte dem Grunddilemma solcher Einführungen in "Leben und Werk" nicht. Selbst wenn er keinesfalls mehr einem positivistischem Kausalnexus von Biografie und Werk verpflichtet ist, so geht er doch sehr leicht in die – von Thomas Bernhard zugegebenermaßen perpfekt begünstigte – Falle einer sehr stark biografistisch orientierten Interpretation der literarischen Texte, nicht nur der autobiografischen Texte. So unbestritten naheliegend es gerade bei Thomas Bernhard ist, Zusammenhänge von Textgenese und Biografie aufzuzeigen, so sollten Interpretationen doch stärker die diskursiven Kontexte in ihrer Funktion für das Textverständnis herausarbeiten. Dass Schütte jedoch stark am Biografischen interessiert ist, belegt er selbst mit der angeführten "Pflichtlektüre", die der Person und dem Autor Thomas Bernhard verpflichtet ist.

Doch leidet die Einführung nicht nur an mancher Verkürzung, vielmehr findet sich auch eine Reihe von inhaltlichen Ungenauigkeiten und ärgerlichen Schlampereien. Beispielsweise ließe sich die Rekonstruktion um die Klagedrohung im Zusammenhang mit der Erzählung "Exempel" aus dem "Stimmenimmitator" durch einen Blick in Werkausgabe sorgfältiger darstellen, im Roman "Alte Meister" ist Reger auch keine Dramenfigur (S. 76) und die Ablauffrist des Urheberschutzes nach dem Tod beträgt nicht 80, sondern 70 Jahre. In Zeiten reduzierter Lektorate liegt hier eben die Sorgfaltspflicht beim Autor.

Vollkommen unverständlich ist mir schließlich, warum ein als Studienbuch konzipierter Band auf minimale wissenschaftliche Standards verzichtet, denn es werden sämtliche Zitate aus der Sekundärliteratur nur mit dem Autor aber ohne Seitenangaben ausgewiesen, wobei manche Namen nicht einmal in den bibliografischen Angaben zu finden sind oder nur als Sammelbandherausgeber. Selbst auf die Thomas Bernhard-Werkausgabe wird nur in einer Fußnote verwiesen, im Literaturverzeichnis scheint sie hingegen nicht auf. Eine Benützung des Buches als einführende Pflichtlektüre ist deshalb nicht unproblematisch.

Wolfgang Hackl
18. Jänner 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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