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Anna Weidenholzer: Der Platz des Hundes

Erzählungen
Wels: Mitter Verlag, 2010.
112 S.; geb.; Euro 18,70.
ISBN 978-3-9502828-0-1.

Projektpartner: readme:cc - Neue Literatur aus Österreich

Link zur Leseprobe

Eine mangelnde Zielgerichtetheit, wie sie das Personal ihres Erzählbandes prägt, kann man Anna Weidenholzer nicht nachsagen: Das Buchdebüt der 27-jährigen, in Linz geborenen Schriftstellerin, Chronikjournalistin und Komparatistikstudentin wurde eben mit der AutorInnenprämie des Kunstministeriums ausgezeichnet. 2009 erhielt die Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur unter anderem den Alfred-Gesswein-Preis und ein Startstipendium zugesprochen.

Anna Weidenholzers acht Erzählungen sind über die Figuren lose miteinander verknüpft und die Autorin streicht mit einem lakonischen Duktus über den Alltag ihrer vom Leben übervorteilten Figuren. Die sprachlich präzisen Blitzlichter könnten dabei durchaus in feuilletonistischen Glossen einer Kleinstadt-Lokalzeitung aufscheinen. Einer Kleinstadt, in der Männer reminiszierend im Gasthaus und Frauen wartend im Kaffeehaus sitzen, wo der Alkohol kurz über die Bleischwere des engen Daseins hinwegtröstet. Und wo man von New York träumt, wie der 63-jährige Taxifahrer Toni, dessen Leben – wie auch das der übrigen Figuren – besänftigenden Ritualen unterliegt. Mittags isst er Löwenzahnsalat, frühabends trinkt er Whiskey im Gasthaus und beim nächtlichen Taxifahren mag er "die Leere der Straßen und die Trunkenheit der Menschen, sie gibt ihm ein Gefühl der Überlegenheit." (10)

Ihr Sinn für das Mögliche, von der Autorin stets als Konjunktiv formuliert, hilft den Protagonisten, ihre leichten Traumata zu verdrängen und manchmal auch zu verarbeiten. In Tonis Fall ist es ein Zeitungsfoto aus seinem Swingerclub, das ihn dazu bewegt, sein Begehren nach einem Körper nun diskreter auszuleben, und er antwortet auf die Kontaktanzeige der Witwe Herta. Ihr Mann ist an Krebs gestorben, doch bereits zuvor ist ihr Kleinstadtleben öde, wie die nächste Erzählung zeigt. Es genügt ihr, im großstädtischen Kaffeehaus den potentiellen Partner Toni anzusehen, wie er auf sie wartet, und sich Berührungen und gemeinsame Riten auszumalen. Auch Hermine, Heldin der Kurzgeschichte "Kavkas Butterbrote", ist Witwe. Die älteste Bewohnerin eines Mehrparteienhauses und Besitzerin der Butterbrote vergrabenden Hündin Kavka hat bereits ihren Namen samt Geburtsdatum in den Grabstein ihres verstorbenen Mannes einsetzen lassen, neben dem sie nun Tomaten pflanzt. Leichte Verschrobenheiten wie diese schreibt die Autorin all ihren Figuren ein, Spleens, die sich irgendwann aus Verletztheit oder Liebesmangel herausentwickeln, sie lässt sie jedoch nie bizarr geraten.

Die Kellnerin Siri etwa sammelt Haare, bis dato weiß sie 34 Büschel teils unbekannter Menschen ihr eigen. Ihre Motorik gerät aus unbekannten Gründen außer Kontrolle, eine diffuse Angstparanoia vor möglichen Todesarten befällt sie. Eigentlich wollte sie Lastwagenfahrerin werden, nun beobachtet sie statt den Straßen die Nachbarn, als TV-Ersatz. Die Haare ihres mehr lethargischen denn furchtsamen Freundes Simon aber wird sie, als sie diesen in flagranti mit seiner Exfreundin überrascht, wohl entfernen.

Derart sind die meisten von Anna Weidenholzers Kurzgeschichten angelegt, eine einzige gesetzte oder zumindest realitätsnah imaginierte Handlung reißt die scheuen Protagonisten kurz aus ihrer Kontakt-, Entscheidungs- und Lebensarmut. Den arbeitslosen Ritualmenschen Leopold in "Der Platz des Hundes" – nicht umsonst gewann die Autorin mit dieser titelgebenden Erzählung den unter dem Motto "Rituale" stehenden Gesswein-Preis 2009 – bringt ein Fernsehauftritt kurz aus dem Trott, ein neuerliches Mal wird es das Verschwinden seines Hundes sein. Leopolds sonstiger Alltag besteht aus dem beinahe täglichen Palatschinkenkochen, den Nachmittagsbieren im Gasthaus und dem sonntäglichen Klavierspiel im Altersheim. Ihn wie auch seine Schwester Elsbeth in der Erzählung "Piratenbild" – sie lebt für Yogastunden, Psychotherapie und Mangalitzaschwein – beschränkt mangelnde Phantasie aufs Alleinsein, denn Ritus und Liebe vertragen sich nicht auf Dauer.

Auch die Autorin könnte ihre Figuren ruhig einmal außer Kontrolle geraten lassen, der Leser würde ein Mehr an Emotionen zu schätzen wissen. Nichtsdestotrotz: Diese Sammlung penibel ausgefeilter Prosa ist ein höchst bemerkenswertes Debut.

Roland Steiner.
19. Jänner 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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