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Eva Rossmann: Evelyns Fall

Ein Mira-Valensky-Krimi.
Wien, Folio 2010.
Gebunden; 243 S.; Euro 19,90.
ISBN: 3852565286 .

Link zur Leseprobe

Wenn man bedenkt, dass es in Eva Rossmanns Krimis meist ganz schön zugeht – da werden Gourmetkritiker erstochen, Studentinnen erwürgt, Psychologen vergiftet – ist der Fall diesmal fast unaufregend: Evelyn, eine verwahrloste Frau Anfang vierzig, stürzt in ihrer heruntergekommenen Behausung unglücklich und stirbt an einer Kopfverletzung. Den Umständen entsprechend, sie war stark übergewichtig, zuckerkrank und, so hört man, schon etwas wirr, halten es die Polizei und alle, die damit zu tun haben, für einen Unfall. Sogar Mira Valensky, Reporterin mit einer Neigung zur Privatermittlung, fragt sich anfangs des öfteren, was sie da eigentlich ermitteln soll. Evelyns Tochter aber hat sie um Hilfe gebeten. Denn ihre verstorbene Mutter habe sich nie von ihrem Mobiltelefon getrennt, und genau dieses sei jetzt verschwunden. Ein Verbrechen, schließt sie.

Mit ihrem Handy habe ihre Mutter ihren gesamten Alltag aufgezeichnet – ein mögliches Motiv? Was Mira Valensky nun zu Tage fördert (wie immer mit Unterstützung der toughen Vesna, einer ehemaligen Reinigungskraft, mittlerweile Besitzerin einer Putzfirma-Schrägstrich-Privatdetektei), sind einerseits die erwartbaren Zeugen einer Sozialabstiegstristesse: Handyvideos als Dokumente eines von Einsamkeit und Trostlosigkeit geprägten Alltags, verächtliche Nachbarinnen, die bis hin zur Prostitution gerne alles lautstark vermuten, missgünstige Verwandte; und andererseits recht unerwartete Spuren in die Vergangenheit, die zum Luxusautohändler Tobler, sogar zu einem Minister und seinem Sohn führen.

Hier setzt Rossmann eine Ermittlung an, die Marginalisiertes ins Blickfeld rückt, diejenigen Fälle von sozialen Abstürzen, die der Behaglichkeit der Wohlstandsgesellschaft zuliebe gerne unter den Teppich gekehrt werden. Dass es nicht nur ein Oben und ein Unten, sondern auch einen rege befahrenen den Weg dorthin gibt (in die eine Richtung mehr, in die andere weniger), ist eine der erhellenden Einsichten des Romans. Etwas weniger die Figuren, die die Ermittlungen kreuzen: Mit dem anfangs verdächtigen, aber eigentlich herzensguten Charmeur, dem reaktionären Bösewicht und dem aalglatten heimlichen Sadisten ist ein mäßig origineller Katalog durchgearbeitet.

Der Leser ist der Heldin die ganze Zeit über dicht auf den Fersen, jeden gedanklichen Schritt kann er mitverfolgen. Das wäre zwar nicht nötig, um den Faden nicht zu verlieren, macht das Ganze aber schön unmittelbar. Nur Kluges geht der oft sehr betroffenen Protagonistin dabei natürlich nicht durch den Kopf. Ein wenig unbedarft lässt die Autorin sie ihre eigene Lebenssituation der des Opfers gegenüberstellen; dabei fragt sie sich Dinge wie, ob es denn okay wäre, "durch Europa zu jetten", während andere das nicht können, oder stellt hellsichtig fest, dass Gemütlichkeit und Brutalität "wohl öfter beieinander liegen"; einen zynischen Höhepunkt erreicht das, wenn sie, während sie eine Ente fachgerecht von ihren Knochen befreit, meint, auch das Opfer habe irgendwie rückgratlos gewirkt.

Garniert ist das Ganze wieder einmal mit Rossmanns beliebten Kochrezepten, ist die Autorin doch selbst Köchin im Zweitberuf. Aber wie es (einer laienhaften Einschätzung nach) so ist mit Garnierungen, liegen sie eher bloß am selben Teller, als tatsächlich Teil des Schnitzels zu sein. So fügen sich hier die Rezepte nicht ganz homogen in den Text, zu krass oft der Wechsel in den "man nehme"-Tonfall; ein kulinarischer Mehrwert kann dennoch nicht schaden.

"Evelyns Fall" ist wie die bisherigen Krimis der Autorin eine Mischung aus gepflegtem Mittelstandshedonismus und Mord und Totschlag – aber auch und vor allem ein engagiertes Buch. Dabei geht die Autorin fraglos Risiken ein: Leicht fällt man hier der üblichen Betroffenheit und der Versuchung durch einfache Antworten zum Opfer. Dass die Autorin dies meist vermeidet und dabei ihre Heldin beherzt Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach Mit- und Eigenverantwortung aufwerfen lässt (wohl in der nicht falschen Ansicht, dass auch naheliegende Fragen einmal gestellt werden müssen), ist ihr hoch anzurechnen.

Bernhard Oberreither
20 Jänner 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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