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Fritz Popp: Keine Engel

Salzburg: Edition Tandem, 2010.
423 Seiten; geb; Euro 21,-.
ISBN 978-3-902606-46-4.

Link zur Leseprobe

Er ist nicht attraktiv, nicht extrovertiert, nicht besonders lebensfroh: Gregor Weybold ist verschroben. Ein Eigenbrötler, der seinen Rückzug in der Natur, bei den Vögeln sucht.
Mit der Figur des Gregor Weybold hat Fritz Popp einen Antihelden geschaffen. Der Autor, der nach einem Jahr Auszeit nun wieder an einer Oberndorfer Schule als Lehrer tätig ist, siedelt seinen Roman in seiner Heimat Salzburg an - in einem Milieu, das ihm gut vertraut ist: Weybold ist Lehrer. Ein Biologielehrer, der sich vor den Kollegen und Schülern im Biologie-Kustodiat versteckt und von der Direktorin gemahnt wird, weil ihm jede Stärke fehlt, die Kinder zu erziehen.

Die Schule ist nur ein Schauplatz von vielen. Der Sebastians-Friedhof und auch die Linzergasse kommen vor. Teile der Handlung spielen in Oberösterreich, wo Popp geboren und aufgewachsen ist. Doch geht es weniger um die Orte des Geschehens. Es geht auch nicht allzu sehr um das Geschehen, denn für ein 423-Seiten-Buch passiert verhältnismäßig wenig.
Viel eher geht es um die kuriosen Charaktere, die von Religion und Sexualität getrieben werden. Da ist etwa der alte Blaschek, freigestellter, sportsüchtiger Sonderschullehrer, der mit allen Mitteln versucht, den Prozess des Alterns aufzuhalten. Weiters ein perverser Fotograf, der auf schwangere Frauen steht. Die nervenkranke Cousine Pia. Die bigotte, adelige Tante Henny, die rauchende Vegetarierin Nora und ein berechnender Pater.

Die Perspektiven und Schauplätze wechseln schnell: Jedes Kapitel ist in Unterkapitel geteilt, die zwischen den Figuren hin- und herspringen. Die Figuren sind dabei nicht willkürlich platziert, leben nicht voneinander losgelöst. Popp hat ein sehr sorgfältiges Beziehungskonstrukt entworfen. So hat Gregors Tante eine besondere Beziehung zum Pater, der wiederum eine Art Mentor für Gregor ist. Gregor besucht die Besinnungstage für Herren, wo ihm Virgil zur Seite gestellt wird, der wiederum Blascheks Sohn ist.

Diese versuchte Anordnung gelingt, weil immer klar bleibt, dass Gregor der Protagonist ist. Er ist der einzige aktive Charakter. Die anderen wirken passiv, sind mit ihren eigenen Problemen und Spinnereien beschäftigt. Bitterkeit spricht aus ihnen heraus. Hätte man sie weiter ausgebaut, wären sie fiese, berechnende Charaktere. So bleiben sie ein wenig flach, aber so sind sie angelegt. Schließlich sind sie nicht die wahren Handlungsträger. Sie sind Vermittler. Denn genau mit dieser Figurenkonstellation schafft Popp es, die Botschaften des Romans zu kommunizieren, ohne dabei mit dem Finger zu zeigen.
Es geht um Doppelmoral, unterdrückte Sexualität und vor allem den Missbrauch religiöser Macht. Beunruhigend ist die Authentizität der einzelnen, teils absurden Situationen, die der Wirklichkeit sehr nahe scheinen. Man wird nicht zufällig den Vermerk angebracht haben, dass dieses Buch reine Fiktion ist.

Popps Sprache ist zügig und klar. Das ist gut, denn dadurch führt sie über langatmige Stellen hinweg. Auch die Komik setzt Popp zu eben diesem Zweck ein. Sie ist wichtig, um mit der Ernsthaftigkeit des Themas zu brechen.

Emily Walton
26. 1. 2010

Orignalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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