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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

München: Hanser Verlag, 2011.
189 Seiten; geb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-446-23634-9.

Link zur Leseprobe

"Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.
Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes."

Wenn wir lesen, dann suchen wir – bewusst oder unbewusst – Schnittmengen mit unserm eigenen Leben. Wenn wir sie finden, ist das Buch nicht nur interessant, sondern spricht uns persönlich an. Es bleibt uns im Gedächtnis. Es bringt uns zum Nachdenken.
Ich habe eine Freundin. L. L. hat keine Demenz; sie ist erst sechsundzwanzig. Mit sechsundzwanzig sollte man, das ist allgemein bekannt, einen allem andern übergeordneten Lebensinhalt haben: Tanzen. Auf Tanzflächen. Auf Theken. Durch Straßen und vor Badezimmerspiegeln. Morgens, mittags, abends und vor allem nachts.
L. tanzt nicht auf Tanzflächen. Auch nicht auf Theken, durch Straßen oder vor Badezimmerspiegeln. Schon gar nicht nachts,
"[d]enn wenn es dunkel wird, kommt die Angst" in L.s Welt, die dieselbe ist wie meine und doch nicht die gleiche. Bei L. gibt es Nächte, in denen man nicht einschlafen darf; schon gar nicht, wenn man allein zuhause ist. In L.s Welt kann es passieren, dass man stirbt, weil man für einen Moment vergessen hat, dass man nicht einschlafen darf. Wenn jemand behauptet, das sei nicht so, ändert das nichts an der Tatsache.

"Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann", sinniert Arno Geiger, "muss ich hinüber zu ihm." Ich denke an L., die manchmal anstrengend ist und selbst dann einer meiner Lieblingsmenschen und eine, die herrlichen Kaffee macht, fast schon überall war und das größte mir bekannte wandelnde popkulturellen Zitatlexikon überhaupt ist.

Darf ich Parallelen ziehen, wo gar keine sind? Darf ich ein Buch über Demenz lesen und dabei an meine Freunde denken, die ganz andere Probleme haben? Natürlich darf ich. Leser dürfen alles. Wir dürfen kritisch sein und begeistert. Verurteilen und loben. Ich bin begeistert: Arno Geiger hat ein Buch über das Allermenschlichste geschrieben. Über die Würde, an der wir festhalten, und den Stolz, der uns einsam macht, bis ihn die Einsamkeit besiegt. Über Unsicherheiten. Über Persönlichkeit, die "Tropfen für Tropfen aus dem Menschen heraus[sickert]".

Da ist nichts Dramatisches in Geigers Zeilen. Kein Vorwurf an die Krankheit oder ein Leben, in dem man "nur als staatlich geprüfter Seiltänzer bestehen" kann. Der alte König in seinem Exil ist eine leise Geschichte; eine ernste und traurige, aber auch eine, bei der ich vor Lachen beinah meinen Filterkaffee über die Seiten gieße. Der Erzähler ist ein guter Beobachter, der mit Proust feststellt, dass die wahren Paradiese die seien, die man verloren hat. Auch und in erster Linie ist er aber ein Sohn, der mit seinem Vater "Hoch auf dem gelben Wagen. – Zogen einst fünf gelbe Schwäne" singt. Singen, so Geiger, sei überhaupt die beste Ablenkung gegen Heimweh für einen, der schon zuhause ist und doch nie ankommen kann, weil er sein Haus nicht wiedererkennt.

Das verlorene Zuhause ist das Ithaka, das den rat- und rastlosen Vater als unerreichbares Ziel auf seiner Odyssee durch die Krankheit begleitet. Wo ist zuhause? Zuhause ist, sagt Ovid – sagt Geiger – "dort, wo man deine Sprache versteht." Sprache in diesem Sinne ist mehr als langue; Sprache ist dann, wenn man dir folgen kann – nach Hause, in deine Welt.

Des Vaters Suche nach der Heimat ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit für seine Familie. Episoden aus der Kindheit des Vaters – 1938, vom Anschluss, das Waschen mit kaltem Wasser, das Schnapsbrennen – Streiflichter; "liegengebliebene[n] Halmen auf dem abgeheuten Feld" der Erinnerung. Auch an Episoden aus seiner eigenen Kindheit erinnert sich der Autor: an einen Stern und Spiegel lesenden RAF-Terroristen. An den Abgrund, der sich zwischen Arno Geiger und dem Vater auftut und der jetzt, als die beiden einander erneut kennen und schätzen lernen, sich langsam wieder schließt.

Eine Autobiographie, hat Arno Geiger einmal in einem Interview gesagt, werde er hoffentlich nie schreiben. Autobiographien seien völlig uninteressant. Derselbe Arno Geiger hat nun eine Biographie geschrieben und damit – was in der Natur der Sache liegt – auch ein Stück eigene Autobiographie.

Warum? Derrida sagt, man bitte stets um Vergebung, wenn man schreibe. Das ist auch die Erklärung Arno Geigers, der bereut, die Demenz des Vaters lange Zeit für Faulheit gehalten zu haben: "Wir dachten, seine Defizite kämen vom Nichtstun. Dabei war es umgekehrt, das Nichtstun kam von den Defiziten." Als Kind sei er immer stolz darauf gewesen, August Geigers Sohn zu sein. "Jetzt hielt ich ihn zunehmend für einen Schwachkopf." Langsam nur erkennen die Geschwister, dass es dem Vater nicht an Motivation mangelt, sondern dass er an Demenz leidet. "So absurd das klingt", schreibt Geiger, "aber ich hatte es ihm einfach nicht zugetraut!"

Mit dem Erkennen der Krankheit lernen die Geschwister, die Welt neu zu sehen, denn "[d]er einzig verbliebene Platz für ein Miteinander, das sich lohnte, war die Welt, wie der Vater sie wahrnahm." Auch jetzt können sie vom Vater noch lernen: Mit einer Krankheit zu leben, im Alltag neue Nischen für Gemeinsamkeit aufzuspüren. Und vieles über sich selbst. August Geiger ist ein Lebenskünstler, der sich mit Humor, Kreativität und zwingender Logik in seinen Erinnerungslücken einzurichten versteht. "Seine Stimme klang oft ruhig wie die eines Menschen, der weiß, dass das Leben immer schlecht ausgeht und dass es nicht lohnt, sich aufzuregen." Auch das ein Weisheit, die zu lernen sich lohnt.

Die Demenz ist für Arno Geiger nicht nur ein Stück Familiengeschichte, sie ist zugleich Metapher für eine Zeit, in der Gemeinschaft zu Gesellschaft wird und die unumstößlichen Werte, Rollen und Lebenswege der Vergangenheit verwischen. Wer Glück hat, findet sein Zuhause unter Gleichgesinnten. Die anderen bleiben Nomaden des 21. Jahrhunderts: Seiltänzer zwischen Werterelativismus und Individualismus. Ein Seil, bei dem an beiden Enden keiner wartet, der die Hand nach dem Wanderer ausstreckt. Ithaka liegt anderswo.

"Einem Demenzkranken eine nach herkömmlichen Regeln sachlich korrekte Antwort zu geben, ohne Rücksicht darauf, wo er sich befindet, heißt versuchen, ihm eine Welt aufzuzwingen, die nicht die seine ist." Ihn dort abholen, wo er sich befindet, heißt ein Zuhause schaffen. Und – auch das können wir aus dem Exil des alten Königs mitnehmen – das gilt nicht nur für Demenzkranke. Das gilt für uns alle, und zwar jeden Tag.

Christine Schranz
15. Februar 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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