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Andreas Unterweger: Du bist mein Meer

Novelle (in 3 x 77 Bildern).
Graz-Wien: Literaturverlag Droschl, 2011.
240 Seiten; geb.; Euro 19,-.
ISBN: 9783854207795.

Link zur Leseprobe

Poetisches Daumenkino oder "Auf der Suche nach dem verlorenen Meer"

Etwas stört immer. Ein Fensterkreuz, das den Blick nach draußen verstellt, ein Fernglas, das sich nicht auf beiden Augen scharfstellen lässt oder die dauernd verrutschenden Kontaktlinsen. Dabei ist eigentlich alles so einfach. Hier im Haus am Meer. Mit der Frau, die man liebt. In ihrem Bauch das gemeinsame Kind. Nur ein Blick über die Mauer hin zum Wasser. Daran entlanglaufen, das einzige Urlaubsprogramm. Fotos müsste man machen: die Möwen, der Leuchtturm, die Windmühle, der Hafen. Aber auf der Hinfahrt hat er schon seinen Fotoapparat verloren. Also versucht er zu zeichnen. Doch das Meer kann man nicht zeichnen. Er überlegt zu schreiben: Gedichte oder eine Geschichte; seine Geschichte. Nur: Alles, was er sagen könnte, hat ein anderer bereits gesagt. Immerhin: Der Speicherplatz seines Handys reicht für sechs Fotos. Sechs Fotos vom Meer. Ein wahres Bild sieht er damit nicht. Auch nicht ohne künstliche Linse. Etwas stört immer. Und sei es die Perspektive. Schließlich komme das Wort vom lateinischen perspicere = [durch etwas] hindurch schauen. Wer perspektivisch zeichne, fülle den Abgrund, der vor ihm klafft, mit optischen Täuschungen. Architekten wie sein Vater täten das, wenn sie Brücken planen. Der Fotoapparat war ein Hochzeitsgeschenk seines Vaters gewesen.

Ob es jenseits dieser Väterperspektive überhaupt die Chance auf eine eigene Sichtweise auf die Welt hinter dem Meer gibt? Schließlich erscheint auch die Wasseroberfläche oft wie ein Spiegel. Einmal, im Traum, hat er sich hineingestürzt als Möwe – und ist erwacht. Vielleicht findet "Alice hinter den Spiegeln" die Wahrheit? Im Lewis-Carroll-Buch aus der Hausbibliothek hat er eine Seite mit einem Blatt Klopapier markiert. Oder kann er beim Philosophen Parmenides etwas über das "wahre Bild" herausfinden? Alle Bezüge und Verweise bleiben letztlich so vieldeutig und geheimnisvoll wie das plötzliche Verschwinden der Katze namens Alice aus dem Nachbargarten. Doch sie öffnen ihm den Blick für das Unsichtbare. Als er am Ende dann doch noch einen Fotoapparat kauft, sieht er jedenfalls urplötzlich gar nichts mehr: der Hafen leer, über dem Meer Nebel, die Markthalle geschlossen. Auf einmal wird ihm klar: Nur wer selbst lange genug darauf schaut, kann es sehen - das Meer. Manchmal könne er es spüren, wie es Wellen schlägt, wenn er am Abend die Hand auf ihren Bauch legt. Und abends, neben ihr im Bett, könne er es hören unter seinen Ohropax. "Du bist mein Meer", sagt er zu seiner Frau, und weiß plötzlich, dass es wahr ist.

So einfach ist das. Und so kompliziert. Drei Erzählansätze benötigt der Autor dafür. Drei unterschiedliche Blickwinkel auf immer denselben Aufenthalt im Haus an der schottischen Küste. Drei mal siebenundsiebzig Bilder vom Meer, hinter denen man das Rauschen der Wellen zu hören meint. Wie literarisches Daumenkino liest sich Andreas Unterwegers bezauberndes kleines Buch im quadratischen Ritterschokoladen-Format. Seine magischen Polaroids aus nur wenigen Sätzen pro Seite sind von karger Poesie. Beim Durchblättern verbinden sie sich zu einem "Film in Worten" – eine Sequenz aus drei kleinen Kurzfilmen "auf der Suche nach dem verlorenen Meer." Unterwegers Blick ist der eines versonnen Staunenden, seine 231 Bilder vom Meer von der schlichten Magie einer Kinderzeichnung. Doch sein himmelblaues Buch mit Kringelwolken und Schneckenwellen auf dem Umschlag ist ein durchaus ernst gemeintes Spiel mit Worten und anderen Spiegeln der Wirklichkeit. Das zeigen nicht nur die vielfältigen Anspielungen und Bezüge auf Philosophen, Maler und Dichter wie Parmenides, Van Gogh oder Rolf-Dieter Brinkmann. Andreas Unterwegers Novelle ist eine gelungene philosphisch-literarische Meeres-Meditation von lakonischer Ironie. Vor allem anderen ist sie jedoch eins: eine poetische Liebeserklärung an seine Frau und das ungeborene Kind.

Michaela Schmitz
15. Februar 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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