logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Thomas Bernhard: Der Wahrheit auf der Spur

Die öffentlichen Auftritte: Reden,
Leserbriefe, Interviews, Feuilletons.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2010.
344 Seiten, geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-518-42214-4.

Link zur Leseprobe

Alternativlos ist allein der Tod. Leben bedeutet Widerspruch. Jeder neu begonnene Tag ein Einspruch gegen das Nichts; jeder Atemzug ein aktiver Widerstand gegen das Sterben. Von Anfang an. „Der Atem. Eine Entscheidung“ überschreibt Thomas Bernhard ein Buch seiner Kindheitserinnerungen. Es ist die Entscheidung eines schwer Lungenkranken für das Leben und gegen den ihm bestimmten frühen Tod. Bernhards Widerstand betrifft nicht nur den sterbenskranken Körper, sondern auch die von Kindheit an tödlich beschädigte Seele. Auch hier Gewalt und Tod von Beginn an. Der jedes eigenständige Denken und Fühlen im Keim abtötende Terror hat für Thomas Bernhard System. Er beginnt mit der Willkür der Denk- und Redeverbote der Eltern, setzt sich fort in den Zwangs- und Strafaktionen der Erzieher und wiederholt sich in den Disziplinierungsversuchen gesellschaftlicher und politischer Institutionen. Familie, Lehrer und Öffentlichkeit sind die natürlichen Feinde des Einzelnen. Immer dort, wo sich das unhinterfragte Urteil der Allgemeinheit zum Diktat der öffentlichen Meinung verdichtet, regt sich deshalb Thomas Bernhards Widerstandsgeist.

Genau das zeigt der neue Band mit Texten des „öffentlichen Bernhard“. „Der Wahrheit auf der Spur. Die öffentlichen Auftritte: Reden, Leserbriefe, Artikel“ heißt das Buch. Es bündelt in chronologischer Folge eine Auswahl von über siebzig unterschiedlichsten Texten – vom einzeiligen Telegramm bis zum mehrseitigen Interview. Die Anlässe der öffentlichen Äußerungen sind so verschieden wie ihre literarische Fallhöhe: Poetologische Schlüsseltexte wie jene nie öffentlich gehaltene Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises stehen neben Leserbriefen wie der noch kurz vor dem Tod verfasste zur Einstellung der Gmundener Straßenbahn; kurze polemische Invektiven wie die zur "Eindämmung der Professoreninflation" stehen neben ungewohnt emphatischen Vorträgen wie dem vor nicht langer Zeit wiederentdeckten zum 100. Geburtstag von Rimbaud aus den fünfziger Jahren.

So unterschiedlich Bernhards öffentliche Äußerungen auch sind, eins haben sie fast alle gemeinsam: Einzelne Ereignisse werden in seinen Einlassungen zum Symptom verabsolutiert. Ein typisches Beispiel ist die sogenannte "Notlichtaffäre". Im für die Salzburger Festspiele geschriebenen Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" verlangte Bernhards Regieanweisung "totale Finsternis". Doch die Organisatoren weigern sich, für kurze Zeit das Notlicht zu löschen. Bernhard telegraphiert an den Festspielpräsidenten Josef Kaut: Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht ertrage, komme ohne sein Schauspiel aus. Es bleibt bei der Premierenveranstaltung.

In einem anderen Fall macht Thomas Bernhard eine schlichte Essensausladung anlässlich eines Portugal-Besuchs buchstäblich zur Staatsaffäre. In der heimischen Zeitung "Die Presse" schreibt er in einem "Offenen Brief an den Herrn Bundeskanzler“: Ursache seiner Ausladung sei die unerhörte Beleidigung des österreichischen Botschafters gewesen, er sei "ein destruktiver, schrecklicher Kerl." Die Gastgeberin reagiert mit einem erstaunten Leserbrief, der Botschafter habe keinerlei Einfluß auf die Wahl der Gäste ausgeübt. Die Wahrheit bleibt im Dunkeln. Sicher ist eins: Bernhard macht aus der „Lissabonner Affäre“ großes Theater. Sein Brief ist eine mit großem theatralischem Gestus vorgetragene grandiose literarische Improvisation zum Bernhardschen Dauerthema der systematischen Diffamierung von Kunst und Künstlern durch den österreichischen Staat. Denn Staat und Öffentlichkeit sind die natürlichen Feinde des Künstlers; der Künstler Stellvertreter im Kampf für den Einzelnen gegen jegliches System.

Thomas Bernhards öffentliche Inszenierungen richten sich gegen den im Gebrüll der öffentlichen Meinung laut werdenden Tod. Er nutzt konkrete Erregungen als Bühne für existenzielle Grundsatzdebatten. Daher lassen sich die meisten seiner "öffentlichen Texte", genau wie Bernhards Prosa, gleichzeitig konkret und abstrakt lesen. Das erklärt die auffällige stilistische Nähe zu den fiktiven Texten. Gerade diese für Bernhard typische Doppelbödigkeit macht die in "Der Wahrheit auf der Spur" zusammengestellten Texte interessant. Zuvor meist verstreut erschienene öffentliche Publikationen sind hier erstmals ungekürzt und in Buchform zugänglich. Ihre ironische Mehrdeutigkeit erschließt sich allerdings oft erst mit Blick auf den im Anhang nur angedeuteten Kontext der Veröffentlichungen. Mit dem angekündigten Band 22 der Werkausgabe versprechen die Herausgeber ausführlichere Kommentare. Nicht-Bernhard-Experten wünschten sich eher textbegleitende Erläuterungen und Dokumente sowie Fotos der öffentlichen Auftritte. Aber auch so kann man sich beim einfachen Durchblättern von Kostproben Bernhardscher Polemik überraschen und amüsieren lassen. Denn kein Text ist ohne Ironie und Humor. Schließlich, so Bernhard, sei er eine lustige Person. Da könne man leider nichts ändern, so tragisch alles andere sei.

Michaela Schmitz
16. Februar 2011

Erstpublikation in: Deutschlandfunk Köln, 8. Februar 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
"V in W" im Literaturhaus! Kommet und sehet!

Do, 19.10.2017, 19.00 Uhr Text | Bild | Ton | Video | Grafik "V in W" präsentiert vier...

Der Zeitungsausschnitt – Ein Papierobjekt der Moderne

Fr, 20.10.2017, 20.00 Uhr Eröffnung der Ringvorlesung "Der Zeitungsausschnitt"Vortrag...

Ausstellung
Sabine Groschup – AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN* 101 Taschentücher der Tränen und ausgewählte Installationen *F. M. gewidmet

Mit AUGEN SPRECHEN TRÄNEN REDEN präsentiert das Literaturhaus Wien textspezifische Arbeiten sowie...

Tipp
flugschrift Nr. 19 von KIKKI KOLNIKOFF aka MIROSLAVA SVOLIKOVA

Beim Auffalten der flugschrift Nr. 19 wird man umgehend konfrontiert mit einem ständigen...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Neue Beiträge zu Clemens Berger, Sabine Gruber, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Barbi...