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Andrea Maria Dusl: Channel 8.

Roman.
St. Pölten: Residenz Verlag, 2010.
215 S.; geb.; Eur 21,90.
ISBN 978-3-7071-1532-9.

Link zur Leseprobe

Die Falter-Kolumnistin, Filmemacherin, Zeichnerin und Autorin Andrea Maria Dusl, hat nach „Boboville“, ihren zweiten Roman vorgelegt. Wieder eine Geschichte aus der Bobo-Szene (Bourgeois Bohemiens), wenn auch nur teilweise. Schauplatz ist diesmal nicht Wien, sondern Paris und Sankt Petersburg. So wie es zwei Schauplätze gibt, gibt es auch zwei Protagonisten: Da ist zum einen der in Paris ansässige und in einer Midlifecrisis steckende Reporter Valentin, der beim TV-Sender „Channel 8“ arbeitet. Zusammen mit seiner Freundin Monique und den Freunden Nina und Lars gibt er die Pariser Bobo-Szene ab. Alles scheint nicht weiter aufregend, wäre da nicht die zweite Protagonistin, die Sankt Petersburger „Königin der Diebe“ und Künstlerin, Anastasija, in die sich Valentin unsterblich verliebt hat, obwohl er ihr noch nie begegnet ist.

„(…) bei mir hat's peng gemacht und ich weiß nicht mit wem. Ich weiß nicht mal, ob diese Person überhaupt existiert!“ Ausschließlich aus seinen Träumen kennt er die begehrte junge Frau: „Die Zeit blieb stehen. Himmel und Hölle flossen ineinander. Tag und Nacht mischten sich. (…) Valentin hob die Hand, unendlich langsam, führte die Beere seines mittleren Fingers an das kalte Glas. Auf der anderen Seite geschah das Gleiche. Valentins und Anastasijas Handflächen berührten einander jetzt, nur Glas trennte sie. (…) Eine Welt kam in die andere. In diesem Augenblick von allen. Die Zeit war nie gewesen, und sie würde nie sein, sie war nur gedacht, sie war nur erfunden, um den Augenblick zu dehnen, bis er groß war wie das Universum und ewig wie das Nichts.“

Valentin und Anastasija träumen einander. Realität und Traum gehen ineinander über. Aber es ist nicht irgendeine Art von Träumen, sondern es ist das Klarträumen, das sogenannte luzide Träumen. Also jener Zustand, in dem sich Träumende ihres Träumens bewusst sind. Ein Zwischenreich zwischen Traum und Wachsein also, in dem es möglich ist, die eigenen Träume bewusst zu steuern. Dusl selbst hat sich das luzide Träumen für ihren Roman antrainiert, es dann aber „vorgezogen wieder auf den unbewussten Modus zu schalten, weil die Sache doch recht spooky ist“.

Noch ein weiteres parapsychologisches Phänomen wird im Roman angeschnitten: Die „Euklidische Entrückung“, dabei handelt es sich um eine Fähigkeit unserer Augen, eigentlich unseres Sehens, kraft derer es Euklid gelungen ist, Text tatsächlich, nicht nur im metaphorisch-literarischen Sinn „schweben zu lassen“. Dieses Wissen habe ihr Euklid in einem Klartraum verraten, meint die Autorin im Interview.

Liebe als etwas Subversives, und ein Protagonist, der mitunter an eine moderne Version des jungen Werther denken lässt, machen die spannende Story aus, die weit mehr als eine esoterische Liebesromanze ist, tangiert der Roman doch auch medienphilosophische Themen, was ihn auf beiden Ebenen zum atmosphärischen Lektüre-Genuss macht.
Wer noch dazu eine erste Anleitung zum luziden Träumen haben will, dem sei Dusls neuer Roman wärmstens empfohlen.

Judith Gröller
17. Februar 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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