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Gregor Streim: Einführung in die Literatur der Weimarer Republik.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009.
(= Einführungen Germanistik.)
160 S.; brosch.; Eur 14,90.
ISBN 3-534-17575-8.

Die Reihe der „Einführungen Germanistik“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zeichnet sich durch kompakte, didaktisch aufbereitete Erstinformationen für Studierende über Epochen, literarische Gattungen, einzelne Autoren, arbeitstechnische Fragen etc. aus. Sie folgen dabei – auch umfangmäßig - einem weitgehend vorgegebenen Rahmen. Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass Gregor Streim der Vielfalt der literarischen Erscheinungen zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten einschließlich Bibliographie und Register auf knapp 160 Seiten gerecht werden muss. Ein schwieriges und – so viel sei vorweggenommen – weitgehend gelungenes Unterfangen, wie sich schon im ersten, der Definition des „Epochenbegriffs“ gewidmeten Kapitel erweist. Streim problematisiert die ungewöhnliche, auch relativ junge, nämlich erst seit den 1970er Jahren gängige Epochenbezeichnung „Literatur der Weimarer Republik“, verweist sie doch nicht auf ästhetische Charakteristika, Stileigenheiten etc. (wie beispielsweise die Begriffe „Expressionismus“ oder „Neue Sachlichkeit“), vielmehr auf einen politisch, geographisch definierten Kontext. Deshalb setzt er auch andere Schwerpunkte als die Verfasser der Einführungen in den Expressionismus und die Neue Sachlichkeit, zwei Stilepochen, die ja (im ersten Fall zumindest teilweise) in die Zeit der Weimarer Republik fallen. Nicht zu Unrecht wird die Faszination, die von der Kultur der Weimarer Zeit bis in die Gegenwart ausstrahlt, in der Spannung von ästhetischen, „künstlerisch-intellektuellen Innovationen und politisch-sozialen [zu betonen wäre auch: ökonomischen] Krisen in dieser Zeit“ sowie in der Öffnung für neue Medien (Film, Rundfunk) und Verfahrensweisen (Montage) begründet gesehen. Daran ändert nichts – so Streim zurecht -, dass bereits gegen Ende der zwanziger Jahre und nicht erst in der Naziära die Moderne krisenhaft erfahren wird. Gerade die angesprochene Spannung und die Krisenhaftigkeit schwingen in der Epochenbezeichnung „Literatur der Weimarer Republik“ mit. Streim problematisiert weiters die politisch-geographische Einschränkung durch diesen Begriff im Hinblick auf die Literatur Österreichs (Schweizer Literatur scheint es in dieser Zeit keine zu geben), rechtfertigt ihn mit dem Hinweis, dass nicht wenige Österreicher (z.B. Joseph Roth) länger oder zumindest zeitweise (wie Robert Musil) in Deutschland, vor allem in Berlin lebten und wirkten, sowie damit, dass sich die Distribution und die Rezeption von Werken österreichischer Autoren über deutsche Verlage und Medien abspielten. Der Begriff „Weimarer Republik“ soll mithin als einer für einen „Raum kommunikativer Interaktion“ verstanden werden. Ausgeklammert bleibt allerdings – so erweist dann das dritte, den „Kontexten“, den historischen und soziokulturellen Aspekten gewidmete Kapitel -, dass österreichische Autoren aus einem anderen geschichtlichen und kulturellen Raum kommen. Man könnte dagegen einen Kritiker von Wilfried Barners renommierter Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart bemühen, der monierte, dass dieser Literaturgeschichte zufolge „die Deutschen […] eine Geschichte und eine Literatur, die anderen bloß eine Literatur“ (Gerald Stieg) hätten, die zudem nur im Wirkungsbereich des deutschen Staates gesehen wird. So gesehen überrascht es nicht, dass unter anderen zwei Autoren, die zu den bedeutendsten in der ersten Republik Österreich gehören, nämlich Karl Kraus und Elias Canetti, stillschweigend übergangen werden.

Der Forschungsbericht (Kapitel 2) informiert so knapp wie treffend über sich wandelnde Erkenntnisinteressen der Literaturwissenschaft und die ihnen jeweils entsprechenden Konstruktionen des „Epochenkonzepts“ , beginnend mit ersten, durchwegs stilgeschichtlichen Studien um 1930, über völkisch ausgerichtete im Nationalsozialismus, in denen die der Moderne verpflichtete Literatur als liberal und linksorientiert denunziert wird, über die Aneignung als literarisches Erbe in der DDR (vor allem dank den Heimkehrern aus dem Exil) und über vorerst, bis in die sechziger Jahre, distanzierte stil- und geistesgeschichtliche Untersuchungen, dann seit den Siebzigern über sozialgeschichtlich ausgerichtete in der BRD bis hin zu kulturwissenschaftlichen Annäherungen in den neunziger Jahren, die den literarischen im Kontext anderer Diskurse sehen, sowie zu intermedialen Studien.

Das Kapitel 3 über die „Kontexte“ gibt nicht nur einen Überblick über die politischen und vor allem ökonomischen, zu erstarkendem Rechtsradikalismus führenden Krisen in der ersten deutschen Republik sowie über den (durch die zunehmende Bedeutung des neuen Stands der Angestellten) gesellschaftlichen, sondern auch über den „soziokulturellen Strukturwandel“ dank den neuen Massenmedien Film, Funk, Billigbücher, Groschenhefte, Illustrierte, ein Wandel, der zum Teil heftige ästhetische Debatten (beispielsweise über die Möglichkeiten der neuen Gattung Hörspiel) und Innovationen (Weiterentwicklung des Montageverfahrens) zeitigte. Zwei Abschnitte des „Kontexte“-Kapitels sind den umstrittenen „kulturpolitischen Institutionen“ sowie den in diese Diskussionen engagiert eingreifenden „Intellektuellen“ gewidmet. Dass die linksliberalen Autoren zu diesen zu zählen sind, ist unumstritten, dass Streim auch ein breites „Spektrum konservativer und nationalistischer“ (wie Oswald Spengler, Ernst Jünger oder Carl Schmitt) dazu rechnet, könnte man mit Jean Améry zumindest problematisieren.

Im Kapitel 4, „Aspekte und Geschichte der Literatur“, illustriert Streim vorweg die Vielfältigkeit der „ästhetische[n] Tendenzen und Programme“ vom Dadaismus und dem Spätexpressionismus zur Neuen Sachlichkeit, ehe er den drei Grundgattungen jeweils einen Abschnitt widmet. Schwerpunktmäßig rückt jene Literatur in den Mittelpunkt, die unter dem Etikett „Neue Sachlichkeit“ firmiert, die sich gegen das O-Mensch-Pathos des Expressionismus und dessen Flucht in die Abstraktion wendet und die wenig Raum lässt für subjektive Gefühle. Diese rücken an die Peripherie des Interesses, ins Zentrum hingegen Soziologisches, Ökonomisches und Politisches, mithin der kämpfende Mensch, der Politiker, der Sportler, der Geschäftsmann, aber auch die emanzipierte „Neue Frau“. Bevorzugte Gattungen der Literatur sind dementsprechend der Roman und das Drama, während die Lyrik etwas in den Hintergrund tritt. Dem wird Streim auch rein quantitativ gerecht.

Zu Beginn der Weimarer Zeit macht noch der Dadaismus mit seinem radikalen avantgardistischen Anspruch Furore, charakteristisch für die Epoche aber ist eine auf Aktualitäten zielende, von Bänkelsang und balladesker Dichtung eines François Villon oder Frank Wedekind beeinflusste Lyrik mit Gebrauchswert wie die in Bertolt Brechts Hauspostille und die politische Kabarettdichtung mit Songs, Couplets, Chansons, vor allem von Walter Mehring und Kurt Tucholsky. Daneben aber publizieren auch noch Größen der Literatur der Jahrhundertwende wie Stefan George und Rainer Maria Rilke, die mit ihren hermetischen Gedichten breite Anerkennung finden und ebenso quer zum Gängigen liegen wie die neue Naturlyrik eines Oskar Loerke und seiner Nachfolger. Ein kleines Manko der Darstellung Streims ist, dass die zuletzt genannten Richtungen sowie die dadaistische und spätexpressionistische zwar Erwähnung finden, aber kaum anschaulich gemacht werden.

Jenseits des bürgerlichen Bildungskanons bietet das Theater in der Weimarer Republik besonders in Berlin große Vielfältigkeit. Das expressionistische Drama beherrscht die ersten Jahre nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit seinem radikalen Bruch mit der Vätergeneration, der (abstrakt bleibenden) Forderung nach „Wandlung“ und dem Entwurf einer „quasi religiöse[n] Utopie“ die Bühnen. Dagegen wendet sich dann ein Theater, das – so Streim - durch „ästhetische Innovationen“ und „als Medium gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung“ beeindruckt, was Ödön von Horváth, der als sein Ziel die „Demaskierung des Bewußtseins“ seiner kleinbürgerlichen Dramengestalten ansieht, so unterschrieben hätte, aber Brecht mit seinen Vorstellungen von gesellschaftspolitischer Aktivierung des Publikums wohl eher nicht. Er, im Gefolge von Erwin Piscator, steht für ein dem Illusionismus abschwörendes, multimedial verfahrendes Theater. Sowohl die Entwicklung des epischen Theaters als auch der Lehrstückkonzeption sind einer Einführung gemäß zwar knapp, aber doch sehr anschaulich dargestellt. Neben dem politischen Theater haben zum Grotesken und Tragikomischen neigende Komödien, teilweise Parodien expressionistischer Dramen und das erneuerte Volksstück eines Carl Zuckmayer, eines Ödön von Horváth oder einer Marieluise Fleißer Konjunktur.

Allenthalben wird in der Zeit von der „Krise des Romans“ gesprochen, dennoch lässt sich die Fülle kaum überschauen. Streim hebt zwei Trends hervor, den Epochenroman (Thomas Mann, Alfred Döblin, Robert Musil) und den „populären Gegenwartsroman“ (u.a. Keun). Allgemein wird das Ende des realistischen Romans, des Glaubens an die Erzählbarkeit der Realität verkündet. Döblin mit seinem Montageverfahren und Franz Kafka mit der nicht zielführenden Suche der Figuren seiner Romane und Erzählungen nach Sinn stehen dafür beispielhaft. Größere, durchaus angemessene Abschnitte mit Kurzcharakteristiken sind den Autoren Thomas Mann, Hans Henny Jahnn, Musil, Hermann Broch gewidmet, andere wie Heinrich Mann oder Anna Seghers kommen hingegen zu kurz. Thematisch zielen viele Romane auf politische und gesellschaftliche Aktualitäten, auf die Emanzipation der Frau, den Krieg, Reisen etc. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch historische Romane und zunehmend gegen Ende der Weimarer Zeit völkische Blut-und-Boden-Romane. Ein wenig leidet vor allem das Kapitel über die Erzählprosa an der unübersichtlich werdenden Informationsvielfalt, ein weniger an Namen und Titeln wäre in einer Einführung durchaus akzeptabel.

Das Schlusskapitel bietet fünf „Einzelanalysen repräsentativer Werke“, von Brechts Ballade Von der Kindsmörderin Marie Farrar, Fleißers Pioniere in Ingolstadt, Brechts und Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Döblins Berlin Alexanderplatz und Irmgard Keuns Gilgi – eine von uns. Dass es sich dabei um „repräsentative Werke“ der Zeit handelt, ist kaum zu bezweifeln, die Auswahl kann man hinnehmen, eine andere ist denkbar, vor allem, weil Brecht überrepräsentiert erscheint. Nicht nur sind zwei seiner Texte ausgewählt, auch in Fleißers Pioniere hat er ja nicht unwesentlich hineinregiert. Deren Schauspiel Fegefeuer in Ingolstadt wäre eine Alternative oder auch eines der Volksstücke Horváths. Wie auch immer, die Einzelanalysen vermitteln neben kurzen biographischen Informationen auch solche zur Textgenese und arbeiten durchwegs sowohl die ästhetischen Besonderheiten des jeweiligen Textes auch die thematischen Aktualitäten heraus. Bestechend die Interpretation der Brechtschen Ballade, wenngleich man sich noch einen kurzen Ausblick auf die spätere Lyrik des Autors wünschen würde, um seinen Wandel vom individualanarchistischen Provokateur bürgerlicher Innerlichkeit zum geschichtsbewussten Denker erkennen zu lassen, sehr gelungen auch die Darstellung der Demaskierung struktureller Gewalt in den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Destruktion des herkömmlichen Männerbildes sowie der Aufdeckung der Sprachnot der sozial Zurückgesetzten in Fleißers Komödie. Am Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny wird der experimentelle Umgang mit dem Genre Oper herausgestrichen, besonders die Überwindung traditioneller Theaterästhetik durch konsequente Anwendung epischer, antimimetischer und antiillusionistischer Verfahrensweisen auch in der Musik. Die Interpretation von Berlin Alexanderplatz lenkt das Interesse auf die virtuose Großstadtdarstellung (Berlin nicht nur Hintergrund, sondern Gegenstand des Romans), auf die Stimmenvielfalt des Romans entsprechend der Vielfalt der Großstadt, auf die damit verbundene Aufhebung der Genregrenzen sowie auf die Thematisierung des Materialcharakters der Sprache und auf Döblins Stellung im Kontext des modernen Romans durch Vergleiche mit James Joyce und John Dos Passos. Wichtig auch der Hinweis auf die frühe Hörspieladaption des Romans (unter Betonung von Döblins Bedeutung als einer der ersten Hörspieltheoretiker) und auf die beiden Verfilmungen sowie auf die jeweilige Schwächen und Stärken der intermedialen Umsetzung. Abschließend widmet sich Streim der Interpretation von Keuns Gilgi, einem der - dank der aktuellen Thematik (Angestelltenproblematik, Bild der „Neuen Frau“) - erfolgreichsten Romane der Zeit. Zwar erreicht Keun in der Analyse des „unpolitischen, wirtschaftsfreundlichen Leistungsdenken[s]“ ihrer Protagonistin nicht die kritische Schärfe eines Siegfried Kracauer (oder auch Horváth), aber sie durchbricht doch die Klischees und unterhält durch temporeiches Erzählen und flippige Sprache.

Insgesamt bietet Streim eine für Studierende sehr brauchbare, gelegentlich in ihren Informationsambitionen ein wenig zu dichte Einführung in die Literatur der Weimarer Zeit, die vor allem auch dadurch überzeugt, dass die in den Kapiteln 3 und 4 herausgearbeiteten allgemeinen Charakteristika sich in den Einzelanalysen bestätigt finden.

Kurt Bartsch
1. März 2011

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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