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Ludwig Laher: Verfahren

Roman.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2011.
180 S.; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-85218-680-1.

Link zur Leseprobe

In Österreich kein Österreicher sein

Vor ziemlich genau einem Jahr schlug der Fall der kosovarischen Familie Durmisi in den österreichischen Medien hohe Wellen. Anela, Elvis, Aneta und Amina Durmisi sollten im Februar 2010 mitten in der Nacht von der Fremdenpolizei abgeholt werden, was von einer engagierten Menschenmenge verhindert wurde. Falls es nach dem Hype jemanden interessiert: Die Durmisis wohnen noch in Röthis, Vorarlberg; es geht ihnen alles andere als rosig, sie dürfen eigentlich nach wie vor nicht bleiben, der Antrag ist immer noch nicht abgeschlossen und der Staat Österreich will sie nach wie vor loswerden. Zufällig war der Rezensent in diese Geschichte verwickelt und stand auch in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 2010 vor der schäbigen Caritaswohnung in Röthis, darum weiß er ein bisschen Bescheid über das elende Leben als Asylwerber in Österreich.

Die meisten Österreicher wissen kaum etwas von der Situation der Asylwerber in ihrem Land. Wer etwas darüber wissen will, sollte Ludwig Lahers aktuelles Buch Verfahren lesen. Zum Beispiel: Jelena Savicevic ist Kosovo-Serbin und hat in ihrer Heimat alle nur vorstellbaren Leiden hinter sich: Angehörige einer Minderheit, Vater weg, Mutter tot, Geschwister bei einem gelegten Feuer ums Leben gekommen, Entführung und Vergewaltigung und schließlich daraus resultierende schwere psychische Probleme und zwei Selbstmordversuche. Sie will in Österreich ein neues Leben anfangen. Sie verfügt sogar über einen Schulabschluss – der Staat Österreich, repräsentiert durch Gesetze, Anwälte und Richter, findet allerdings nicht, dass Jelena ausreichend Gründe hat, nicht in ihrer Heimat und stattdessen in Österreich leben zu wollen oder gar zu müssen.

Ludwig Laher macht es sich aber nicht bequem und schildert einfach die traurige Geschichte von Jelena; er lässt in jedem Kapitel eine andere Figur und somit auch einen Anwalt und einen Richter zu Wort kommen. Dr. Zellweger etwa ist kein reiner Bürokrat. Er will die Fälle der Asylwerber wirklich kennenlernen. Er will die Situation im jeweiligen Herkunftsland verstehen, er berücksichtigt sogar Missverständnisse, die durch Fehler des Dolmetschers entstehen können: „Einmal soll der Mann ausgesagt haben, er ist in einem Bauernhof festgehalten und gefoltert worden, später war es ein Unternehmen, eine Fabrik […]. Das ist natürlich […] total unglaubwürdig. Ich frage also meinen Dolmetscher […]. Und tatsächlich, die beiden Wörter für Bauernhof und Firma unterscheiden sich bei denen nur durch ein e und ein i.“ (Seite 57) Er ist keiner, der alle über einen Kamm schert, er will wirklich herausfinden, ob jemand Asyl in Österreich verdient und braucht oder nicht. Er weiß, dass er es nicht allen recht machen kann, bemüht sich aber trotzdem. Er hat vielleicht ein bisschen wenig Rückgrat, ist aber keiner von denen, die aus purer Bösartigkeit handeln. Kann man ihn für irgendetwas verantwortlich machen?

Zusätzlich zu den ausführlich behandelten Fällen und den vielen grob skizzierten Schicksalen zieht Laher eine Parallele zu einer jüdischen Familie, die vor den Nazis aus Wien flüchtet und Asyl im Ausland erhält. Er erzählt in groben Zügen das Leben des 1938 noch sehr jungen Kurt, der als 85-Jähriger auf ein insgesamt doch glückliches, zumindest ereignisreiches Leben zurückblicken kann. Die Parallele allein reicht Ludwig Laher aber dann doch nicht, er lässt die Leben sich kreuzen; als hätte er die Trostlosigkeit seines Buches nicht ausgehalten, also wollte er den Leser am Schluss doch nicht in purer Tristesse sitzen lassen, gönnt er Jelena einen kleinen Hoffnungsschimmer in Form finanzieller Hilfe durch den greisen Kurt und in Person einer jungen Frau, die Jelenas Freundin wird. Das ist, wenn man etwa an die Durmisis oder an Ute Bock denkt, durchaus realistisch. Ein Elend ist es trotzdem.

Bernd Schuchter
8. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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