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Alois Brandstetter: Zur Entlastung der Briefträger.

St. Pölten-Salzburg: Residenz Verlag, 2011.
398 S.; geb.; Euro 24,90.
ISBN 978-3-7017-1565-7.

Link zur Leseprobe

Nach dem großen Erfolg seines Romans „Zu Lasten der Briefträger“ von 1973 hat sich der inzwischen emeritierte Germanistik-Professor Alois Brandstetter zu einer Fortsetzung entschlossen. Während in den 1970er Jahren gegen die gemütlichen Brieftrager (sic) Klage geführt wurde, kommen diese heute selbst zu Wort. Pensioniert, wie der Autor selbst, diskutieren sie 40 Jahre später beim wöchentlichen Stammtisch über Gott und die Welt.

Karl Deuth, der Intellektuelle, Amateurphilologe und Wortführer, Franz Blumauer, der Nebenerwerbslandwirt, Frauenversteher und Hobby-Schriftsteller und Ferdinand Ürdinger, der wortkarge und leiblichen Genüssen nicht abgeneigte Fußballfan erinnern sich an die große Verantwortung, die ehemals auf ihren kräftigen Schultern lastete. Wenn sie zum Beispiel höchstpersönlich die Renten auszahlten (die gleich unterm Kopfpolster verschwanden und die Bankinstitute unnötig machten), wurden sie auch gleich auf ein oder zwei Glaserl eingeladen und dabei in alle Verhältnisse eines jeden Dorfbewohners eingeweiht. Seither hat sich einiges, wenn nicht alles in dem bayrisch-oberösterreichischen Grenzland, das sie einst per Fahrrad oder Moped durchpflügten, verändert.

Bauerntum und Handwerke sterben aus, Dorfstrukturen gehen zugrunde und „die Post“ findet sich entmündigt als Nebendienstleistungsstelle beim Fleischhauer oder Apotheker wieder. Die Brieftrager am Poststammtisch beim Kirchenwirt in Munderfing nehmen recht humorig dazu Stellung. Alle drei haben sich mit Vergangenheit und Zukunft ausgesöhnt, sind sie doch im sicheren Hafen der Pension gelandet und richten sich auf die Ausübung ihrer Hobbies ein. Wie an jedem Stammtisch wird die Unterhaltung von Nachrichten aus Zeitung und Fernsehen genährt, im Zentrum steht jedoch das „Erotikon“, an dem Freund Blumauer arbeitet. Über etliche Stammtische hinweg wird ein Sexualdelikt diskutiert, das die Grundlage für seinen Roman bilden soll. Einem Zeitungsbericht zufolge hat ein ältlicher Lateinprofessor sich an einer 17-jährigen Nachhilfeschülerin vergriffen, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Aufforderung dazu von der jungen Dame selbst gekommen war. Dass es sich bei dem Lehrer ausgerechnet um einen Lateiner handelt, kommt Karl Deuth – wohl einem Alter Ego Brandstetters – dabei gerade recht. Der wortreiche Ex-Brieftrager trägt viel zur Bildung seiner Kollegen bei, indem er aus allen Sparten der Geisteswissenschaften zitiert und zu weiten Gedanken-Ausflügen bis an den Quell linguistischer Ursprünge ausholt. Gerne greift er auch in die „Literaturkiste“ und erzählt von Döblin und Brecht, von Zuckmayr und Bernhard, wobei den Autor übrigens eine persönliche Reminiszenz mit Letzterem verbindet, wurde Alois Brandstetter doch auch „der lustige Thomas Bernhard“ genannt.

Am Schluss eines jeden der 33 Stammtische heißt es „Zahlen“ (denn „Zahlen macht Frieden“, so die Schlussweisheit des nunmehr 72jährigen Professors) und dann erst kommt die Kellnerin Theresia (vulgo Resi) ins Spiel. Soviel die Herren über die Damen zu reden haben, Theresia kommt keine tragende Rolle zu außer jener der g’standenen Wirtshauskellnerin, die zuerst das Bier bringt und dann die Geldbörse zückt. Und nachdem der mäandrierenden Erinnerung der ehemaligen Kollegen statt gegeben worden ist, gehen die Herren friedlich und zutiefst entschuldet auseinander. Zwar ist die resche Bissigkeit der frühen Jahre Alois Brandstetters einer sanften Belehrung gewichen, aber all jene, die mit dem Autor älter geworden sind, werden diese zu schätzen wissen und sich heute wie damals auf ehrenhafte Weise in die wohlige Welt der Unterhaltung entführen lassen.

Silvia Sand
14. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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