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Nadja Bucher: Rosa gegen den Dreck der Welt.

Roman.
Wien: Milena, 2011.
207 S.; Euro 16,90.
ISBN: 978-3-85286-203-3.

Link zur Leseprobe

„Can the Subaltern Speak?“, hat Gayatri Chakravorty Spivak in einem berühmten Text der Postcolonial Studies gefragt. Diese Frage kann von den kolonialisierten Subalternen auf all jene Gruppen ausgedehnt werden, deren Stimme unterdrückt wird und die niemand hören möchte. Putzfrauen gehören sicher zu diesen gesellschaftlich Unterprivilegierten. Verschaffen sie sich aber doch einmal ausnahmsweise Gehör, wie die polnische Putzfrau Justyna Polanska mit ihrem Buch „Unter deutschen Betten“, dann sind alle vom Berichteten ebenso peinlich berührt wie voyeuristisch fasziniert.

Diese peinlich-faszinierende Mischung spielt auch bei der Lektüre von Nadja Buchers „Rosa gegen den Dreck der Welt“ eine Rolle. Die Protagonistin Rosa ist Putzfrau, ihr Arbeitsraum überschneidet sich mit dem privaten Lebensraum ihrer Kundinnen und Kunden. So ist sie, ob sie das möchte oder nicht, als quasi halbunsichtbare Dritte Zeugin des Lebens der Anderen. Die Fokalisierung auf Rosa lässt die Kundinnen und Kunden der Putzfrau in einem ganz bestimmten Licht – oder Schatten – erscheinen: Rosa betrachtet die Welt aus einer radikal-ökologischen Perspektive. Jede eigene und jede fremde Handlung wird auf ihre absolute Umweltverträglichkeit geprüft, jede Fahrt mit der Straßenbahn, jedes Einschalten des Staubsaugers erzeugt Gewissensbisse, da hierfür die Umwelt zerstörende Technologien und Chemikalien benötigt werden.

Die Brechung durch Rosas radikalen – und übrigens sehr plastisch und stimmig beschriebenen – Blickwinkel führt zu einer stark überzeichneten Darstellung der Kundinnen und Kunden, die einen Querschnitt durch die Bevölkerung darstellen. Gerade in der Überzeichnung wird aber die nicht nur ökologische Achtlosigkeit (und Lieblosigkeit) in unser aller Alltagsleben deutlich. Würde nun aber der Roman nur aus einer Anklage gegen einen ökologisch bedenklichen und oberflächlich konsumorientierten Lebensstil bestehen, wäre das Buch aus literarischer Sicht kaum interessant. Nadja Bucher hingegen gelingt es, auch die Perspektive ihrer Protagonistin so zu beschreiben, dass man sich immer wieder neu überlegen muss, ob man der Weltsicht Rosas nun zustimmt oder nicht.

Ein wenig erinnert dieser auf Ambivalenz, Differenzierung und stetige Zuspitzung setzende Modus der Beschreibung einer radikalen Öko-Ideologie an T. C. Boyles Roman „A Friend of the Earth“. Boyle beschreibt in diesem Text auf satirisch-überzeichnete Weise den Lebensweg eines Öko-Terroristen, dessen Taten immer radikaler und fragwürdiger werden – aber auf der dystopischen Folie einer vom Klimawandel zerstörten Erde dennoch als gerechtfertigt erscheinen. Dieser bei Boyle bereits real gewordene Untergang ist für Buchers Protagonistin Rosa noch in der Zukunft, aber sie hegt keinen missionarischen Eifer mehr und hofft als Apokalyptikerin auf das Eintreffen all ihrer Befürchtungen: „Die sichere Vernichtung erübrigt jedwedes Streben.“ (S. 129)

Grund des Verschwindens jeglicher Motivation für eine Öko-Bekehrung ihrer Mitmenschen ist ein Zusammenbruch, der Rosas Zeit als Marketingleiterin einer Versicherung ein Ende setzt. Als sie bemerkt, dass ihr Vorgesetzter ihren schon damals immer lebensbestimmender werdenden Idealismus nur für seine ganz und gar nicht umweltschützerischen Ziele missbraucht, schlägt sie diesen krankenhausreif, worauf sie zu acht Monaten in der geschlosenen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals auf der Baumgartner Höhe verurteilt wird. Dort lernt sie die bosnische Putzfrau Ludmilla kennen, die ihr eine Möglichkeit eröffnet, Geld zu verdienen und selbstbestimmt leben zu können: „Als Putzfrau setzte sie ihre soziale Position rigoros fest. Sie wollte, vereinfacht gesagt, nicht mehr mitspielen.“ (S. 145) Rosa will keine Spuren mehr hinterlassen und das Putzen, die Reinigung des Äußeren, soll zu einer Reinigung des Inneren führen.

Außen- und Innenreinigung sollen Rosa ermöglichen, sich selbst zu ihrem ökologischen Idealtypus zu modellieren. Der Weg dorthin führt über den Verzicht auf das Lustprinzip, dem ihre Kundinnen und Kunden nahezu ausschließlich und vor allem im Hinblick auf konsumorientierte Befriedigungen unterworfen sind. Als Ersatz für den direkten Lustgewinn entwickelt Rosa eine Öko-Zwangsneurose, die nur einen einzigen Blickwinkel zulässt. So denkt sie, als die Tochter eines Kunden ihr einen Märzenbecher schenkt: „Pestizide, Fungizide, Mineraldünger; Rosa traute sich – die Blüte vor der Nase – kaum zu atmen.“ (S. 95)

Nur bei der Kundin Hatschek, die sie nie zu Gesicht bekommt, vermutet Rosa aufgrund von Wohnung und Einrichtung eine Seelenverwandte, weshalb sich ihre gesamten Gedanken immer mehr auf Hatschek konzentrieren. Dabei wird jede vergessene Kaffeetasse in der Abwasch, jede Unterhose auf dem Wohnzimmertisch zu einem bedeutungsvollen Zeichen. Doch als Rosa bemerkt, dass Hatschek unter Umständen ganz anders ist, als sie gehofft hat, erwacht ihr verschwunden geglaubter missionarischer Eifer als unsichtbare – weil über chemische Putzmittel ausgeübte – Gewalt wieder zu neuem Leben: „Vielleicht würde Hatschek bald einsichtig werden. Vielleicht sogar noch bevor sie sich ernsthafte körperliche Schäden zugezogen hatte.“ (S. 176)

„Rosa gegen den Dreck der Welt“ ist ein sehr lesbares, stilistisch konsequentes, im Hinblick auf Sujet und Hauptfigur originelles wie eigenständiges und substantielles Buch. Ohne eine Lösung zu präsentieren oder polemisch Partei zu ergreifen, verweist Nadja Bucher auf anthropologische Grundfragen: Was hat wirklich eine Bedeutung, wonach streben wir in unserem Leben, was sind unsere Werte und inwiefern sind wir dazu bereit, diesen Werten etwas zu opfern, für diese Werte zu kämpfen? Die vom Verlag gewählte Werbelinie – das Buch ist bunt und poppig aufgemacht und wird mit einem „Dreck, lass nach!“-Button ausgeliefert – führt ein wenig in die Irre, auch wenn das Leserinnen und Leser bringen mag und soll. Nicht um vordergründige Popliteratur handelt es sich hier, sondern um eine ernst gemeinte und ernst zu nehmende Beschäftigung mit gegen den konsumorientierten oder pseudokonsumkritischen Mainstraim gerichteten alternativen Lebensmodellen.

Gerald Lind, 17. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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