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Albert Holler: Entfernte Heimkehr.

Roman.
St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2011.
201 S.; Euro 21,90.
ISBN: 978-3-7017-1564-0.

Link zur Leseprobe

In den „Väterromanen“ der 1970er und 1980er Jahre wurden die Kriegserzählungen der Väter- und Großvätergeneration kritisch und nachhaltig in Frage gestellt. Eine Verschiebung der Fokussierung von den Opfern auf die Täter des Nationalsozialismus fand statt, eine Dekonstruktion von Selbstdarstellungen als innerer Emigrant oder harmlos-naiver Mitläufer war die Folge. Gleichzeitig war und ist aber in weiten Kreisen der Bevölkerung eine Sicht auf Familienmitglieder in der NS-Zeit dominant, die im Titel eines von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschugnall geschriebenen Buches sehr deutlich zum Ausdruck kommt: „Opa war kein Nazi“.

Albert Hollers „Entfernte Heimkehr“ ist nun zwischen diesen Polen angesiedelt. Die Lebensgeschichte des Karl H. soll im Hinblick auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges kritisch beleuchtet werden, jedoch wird ein (literarisches) Verfahren angewandt, das keinesfalls zu einem eindeutigen Schuldspruch führen soll. Der Text möchte sich nicht festlegen, das zeigt sich schon in der inkohärenten Erzählhaltung: „Entfernte Heimkehr“ beginnt mit der Spurensuche des Sohnes von Karl H. in Maribor. Es wird also eine Basiserzählung etabliert und der Sohn als Erzählerfigur eingeführt. In den nachfolgenden Kapiteln ist diese Ebene, ist der Sohn als Erzählerfigur aber nicht mehr vorhanden. Stattdessen erfolgt eine Vermischung der, gedacht mit Michail Bachtin, Stimme des Sohnes mit jener des Vaters. Als Leser weiß man nicht, wer spricht: Ist es der Vater oder ist es der Sohn? Und wie sieht der Sohn den Vater? Sicher hätte es viele erzähltechnische Möglichkeiten gegeben, hier zu differenzieren, von der literarischen Inszenierung von Erinnerung bis hin zu metanarrativen Einschüben. Doch geht es Holler weniger um die Form, als vielmehr um den Inhalt.

Diese inhaltliche Ebene von „Entfernte Heimkehr“ – die Lebensgeschichte des Karl H. – ist durchaus aufschlussreich und spannend. Geboren wird Karl 1920 in Maribor, in einer Zwischenzeit und in einem Zwischenraum: „Die kleine Wiege in dem engen, zweistöckigen grauen Vorstadthaus der Zwischenkriegszeit am anderen Ufer des großen Flusses stand also an der Wende, am Übergang vom Norden in den Süden, am Übergang vom Westen in den Osten, in der Übergangszeit zwischen den zwei Kriegen, am Weg vom Zentrum in die Peripherie, in der Nähe einer Brücke über den Fluss.“ (S.8) Karls Muttersprache ist Deutsch, er spricht aber auch Serbokroatisch und Slowenisch. Diese Sprachkenntnisse determinieren alles weitere: Bald nachdem Karl Elternhaus, Schule und Jugoslawien verlassen hat, um Büroschreiber beim Kraftwerksbau in Kaprun zu werden, wird Österreich nationalsozialistisch und Karl, der – so wird festgehalten – vom sogenannten „Anschluss“ gar nichts bemerkt hat, „Sonderführer“ auf dem Balkan.

Als „Sonderführer“ ist Karl als Übersetzer bei Verhören von Partisanen tätig, nimmt aber – so wird betont – nie an Folterungen oder Erschießungen teil. Im Gegenteil, er leistet Widerstand, indem er nicht übersetzt, sondern Geschichten erfindet: „Es war ein blumiger Reichtum an Partisanengeschichten unter mondlosen Nächten, die ihm einfielen, ohne dass er sich erklären konnte, wo seine Fantasie all diese Begebenheiten herzuholen imstande war.“ (S. 68) Als Karl von Sarajevo nach Triest überstellt wird, ändert er sein Verhalten. Nun übersetzt er korrekt, spioniert zwei ihm verdächtigen Frauen nach und tut nichts, als ein indirekt durch Karls Nachforschungen gefasster Partisan – ein alter Freund seines Vaters – beim Verhör vorgeführt und schließlich kurz vor Kriegsende erschossen wird. Karl bleibt während der Exekution im Verhörzimmer sitzen, bleibt dort, bis die Deutschen abziehen und Jugoslawen und Neuseeländer Triest einnehmen, ihn für einen ehemaligen Gefangenen halten und gehen lassen. Schließlich kehrt Karl nach Österreich und Kaprun zurück, seine italienische Freundin wird ihm bald darauf folgen.

Es hätte dem Text gut getan, wenn er sich selbst manchmal in Frage gestellt hätte, wenn er den Vater in Frage gestellt hätte. Denn warum soll man Karl glauben, dass er „nichts von der Risiera [wusste], dem Reismagazin, einem deutschen Vernichtungslager in der Stadt Triest, wo Mörder sich über die viele Arbeit beklagten.“ (S. 83) Warum sollen vor Karl, dem NS-Sonderführer, die „gröbsten Misshandlungen“ der gefangenen Partisanen (S. 104) verborgen werden? Wie kann Karl nur „ein Schauspieler in diesem Drama“ (S. 106) sein, wenn seine Übersetzungen zur Exekution von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern führen können?

Tatsächlich gibt es einige verstreute Hinweise im Text, dass Karl keineswegs so harmlos ist, wie er erscheinen mag. So lautet eine Stelle: „Der Kampf der Deutschen gegen die Slawen hatte begonnen […]. Karl sollte diesen Kampf nie mehr beenden, nicht bis zu seinem Tod neunundvierzig Jahre später.“ (S. 175) Und etwas später heißt es: „[D]as Wort ,Amerika‘ war eines seiner Unwörter. Es war für ihn undenkbar, er würde es nie in seinem Leben aussprechen.“ (S. 181) Hier zeigt sich das Dilemma des Buches, das einerseits gerne sagen würde: „Vater war kein Nazi“, und andererseits doch auch die Verstrickung des Vaters in NS-Ideologie und -Verbrechen nicht verschweigen möchte. Diese ambivalente Haltung hätte explizit gemacht, diese Schwierigkeit hätte zum eigentlichen Thema des Romans werden sollen. Aus Geschichte wäre dann Gedächtnis geworden, die Konstrukthaftigkeit und Gegenwartsgebundenheit, die Medialität und die (literarischen) Repräsentationsmöglichkeiten von Erinnerung wären in den Fokus gerückt, Romanarchitektur und Erzähltechnik hätten auf die Komplexität des Themas abgestimmt werden können.

Albert Hollers „Entfernte Heimkehr“ ist keinesfalls ein schnell hingeworfener, lieblos geschriebener Roman. Der Text ist gewissenhaft gearbeitet, die aufwändige historische Recherchearbeit und das Bemühen um einen schnörkellosen, klaren Stil sind dem Buch deutlich anzumerken. Jedoch schöpft der Roman das literarische Formenrepertoire zu wenig aus, um die schwierige und komplexe Thematik von Familiengedächtnis und Nationalsozialismus angemessen darzustellen. Die Privilegierung des Inhalts vor der Form führt letztlich auch zu einer Vernachlässigung des Inhalts, weshalb so spannende Themen wie die Vater-Sohn-Beziehung, politisch motivierte Generationenkonflikte, unzuverlässige Erinnerung oder die Rolle sozialer Bezugsrahmen für Erinnerungserzählungen keine Rolle spielen. Deshalb überwiegt nach der Lektüre leider das Gefühl, dass mit diesem Sujet deutlich mehr möglich gewesen wäre.

Gerald Lind
24. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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