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Gerald Schmickl: Lob der Leichtigkeit

Essays.
Wien: Edition Atelier, 2011.
160 Seiten; Euro 16,90.
ISBN: 978-3-902498-40-3.

Link zur Leseprobe

Gerald Schmickls Gattungswahl der essayistischen Erzählung ermöglicht Texte, die zwischen wissenschaftlichem Gewicht und fantasievoll-persönlicher Gedankenfülle pendeln. Möglich, dass gerade der Essay die prädestinierte Form der Leichtigkeit ist. Fünfzehn Essays versammelt dieser Band, der im Klappentext auch die Marschrichtung dieser geistigen Wanderer oder vielmehr Flaneure andeutet: „Leicht bedeutet nicht leichtfertig. Leichtigkeit ist ein Grundgefühl, das seine Beziehung zur Schwere nicht leugnet, da es stets an sie gebunden bleibt; Leichtigkeit kann sich nur im Kontrast zur Schwere definieren – und von ihr abheben.“

Das Buch verrät einiges über den Schreib- und Leseweg des 50jährigen studierten Soziologen und Philosophen, der u.a. als Ressortleiter der Feuilletonbeilage extra der Wiener Zeitung tätig ist, und will das auch so. Selten hielt ich ein Buch in Händen, das mich mit mehr Leseverweisen versorgt hätte. Fast könnte man in Schmickl jenen Bibliothekar vermuten, der Jorge Luis Borges spielerisch sein Paradies aus Büchern zusammen stellt.
Es lässt sich eine Absicht in der Anordnung der Essays feststellen, heißt doch der erste „mit vielen Augen sehen“ und betont den streng subjektiven Zugang zu den gewählten Themen. Dieser ist wie bei vielen philosophisch konnotierten Texten durchaus als Autobiographie des Wahrnehmens zu verstehen.

Ein Füllhorn an Zitaten ergießt sich über Leserin und Leser. Damit einher geht eine exemplarische Darstellung der Lebenswelt eines Intellektuellen, der gleichsam sein Leben mit und zwischen Zitaten fristet. Besonders deutlich wird der Systemzwang aller mit Bücher Befassten, wenn ein anderer mit einem Zitat zitiert wird. Schmickl etwa kommt in seinem konzisen Essay „Urlaub vom Ich“ auf den Branchenkollegen Franz Schuh zu sprechen. Dieser versucht das schlüpfrige „Ich“ zu fassen, das beispielsweise Ernst Mach schon vor gut 100 Jahren als unrettbar bezeichnete und Nietzsche mehr oder minder bereits 40 Jahre davor, indem er sich an die kleine Philosophin Lisa Simpson hält, die in einer Folge der Zeichentrickserie feststellt: „Ich selbst sein hat nicht funktioniert, und jemand anders sein hat auch nicht funktioniert.“
Diese Prägnanz imponiert. Sie imponiert offenbar auch Schmickl, der eben dies zitiert und man darf auch Schuh unterstellen, dass er von dieser so schlichten Stringenz geradezu erleichtert berührt war. Was hier aber noch gezeigt wird, ist eine Konstante unserer heutigen Existenz: Wissenschaft und Populärkultur durchdringen einander. Und dass wir mit der permanenten Wiederholung leben: Schuh zitiert Simpson, Schmickl zitiert Schuh, Peer zitiert Schmickl. Man mag demjenigen, der zitiert, eine gewisse Koketterie attestieren, wenn er sich auf die Schultern eines Kolosses setzt und etwas von der Höhenluft aufschnappen möchte. Das kann, muss aber nicht stimmen. Es ist befreiend humorvoll, eine Cartoon-Figur zu zitieren und damit den akademischen Ernst intelligent auf die Schaufel zu nehmen. Faktisch ist der Befund, dass wir in einer nicht endenden Staffel von Zitaten festhängen, kaum zu leugnen. Dieses Buch zeigt auf wunderbare Weise wie sehr wir in einer Welt von Zitaten leben und liefert etliche, die so manches auf Stillstand zueilende Gespräch reanimieren.

Die Leichtigkeit, die sich in diesen Texten einstellt, bedingt dieses Setzen von Brennpunkten, das sich der Autor erlaubt, ohne sie langmächtig zu umkreisen. Zweifelsfrei dient auch die Vermischung von existenziellen Problemstellungen mit alltäglichen Herausforderungen einer praktisch-pragmatischen Ausdeutung. Die Textlänge lässt mutmaßen, dass genau dieses Format im klassischen Feuilleton gepflegt wurde, aber in den österreichischen Zeitungen mehrheitlich durch Erosion abhanden kam. Immerhin gibt es jedoch ein paar Oasen. In Deutschland sind es mehr und sie sind auch größer. In diesem Band finden Essays, die für die Wochenendbeilage eine Spur zu lang und für allfällige germanistische oder philosophische Magazine zu beliebig erscheinen, ihren berechtigten Platz.
Interessant ist, dass Schmickl seiner Generation das Zeugnis ausstellt, für heroische Gesten unbrauchbar zu sein. In eine Zeit hineingeboren zu sein, die frei von großen Dramen war, würde zu einer Idealisierung in Kindheit und Jugend gemachter medialer Erfahrung führen und folglich das Erwachsenwerden blockieren. Sozusagen eine kollektive Traumatisierung der Post-68er, dass es nicht zu ernst werde mit dem Leben. Natürlich wird das jeder einigermaßen neurotisch Versierte vehement bestreiten.
Richtig leicht wird es einem ums Herz, wenn Schmickl der Forderung jener aufklärerischen These, dass man selbst der Meister seines Schicksals sein könne, gelassen entgegentritt. Viel zu oft sei man der Knecht einer geradezu erschlagenden Ratgeberliteratur, die sich beispielsweise auf Essen oder Beziehungsfähigkeit, ja generell die Machbarkeit des Lebens konzentriere und in ihrem apodiktischen Gestus mehr Unfreiheit fördere als Freiheit schaffe. Ja, als ob gewissermaßen jeder schlicht ein Idiot sei, der nicht sein Leben in den Griff bekomme.

Es mag schon sein, dass das eine oder andere Kapitel – etwa wenn von der Beziehung zu Kellnern oder der Liebe zu Köln die Schreibe ist – ein wenig zu unvermittelt persönlich oder vielleicht eine Spur zu beliebig daherkommt. Freilich ist gerade das für jene wichtig, die eben mehr von Schmickl und seinem Schreiben erfahren wollen. In Summe ist dieses Buch eine feine Sammlung anregender Ideen und Verweise. Man darf gewiss keinen Regress gegenüber dem Autor von „Lob der Leichtigkeit“ fordern, wenn sich beim Lesen keine Leichtigkeit einstellt, denn den „leid'gen Stein zum Anstoß“ trägt wohl jeder in sich selbst.

Alexander Peer
24. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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