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Ian Kopacka: Kleine Fische.

Roman.
Graz: Leykam Verlag, 2011.
244 S.; brosch.; Euro 14,90.
ISBN: 978-3-7011-7747-9.

Link zur Leseprobe

Er ist ein Wunderkind: Ian Kopacka, Jahrgang 1980, ist promovierter Mathematiker und hat die sub-auspiciis-Promotion – unter Anwesenheit des österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer – im Juni 2010 an der Karl-Franzens-Universität in Graz erhalten. Diese Doktorwürde wird nur unter restriktiven Bedingungen vergeben (u.a. muss man jede Oberstufenklasse mit „ausgezeichnetem Erfolg“ abgeschlossen haben). Die Ausgezeichneten erhalten dabei den Ehrenring. Mathematik ist zwar Kopackas Leidenschaft, doch nicht die einzige: Zum einen spielt er E-Gitarre und war früher Mitglied in einer Schülerband. Zum anderen hat er sich literarisch betätigt: So erhielt er für seine Kurzgeschichte „Zahlen bitte“ im Jahr 2007 den ersten Preis im Literaturwettbewerb „Short Stories“ der Akademie Graz.

Nun ist sein Debütroman „Kleine Fische“ im Grazer Leykam Verlag erschienen. Im Mittelpunkt stehen drei Freunde, die eine Leidenschaft teilen: Gras rauchen. Für Stefan, Paul und Wolfgang, genannt Fisch – alle drei ca. 20 Jahre alt – sind die Tage zwischen den 4. und 7. Juli entscheidend. Nicht nur weil am 4. Juli der Tag des großen Fußballspiels ist, sondern weil sich eigenartige Sachen ereignen – ihre Freundschaft wird dabei auf die Probe gestellt. So lernt Paul auf einer Party Julia kennen. Sie kommen zusammen. Doch Julia wird Paul mit Fisch betrügen. Stefan wird zum Dealer, was den etablierten Dealern nicht gefallen wird. Und Fisch wird vom Drogenboss beauftragt, Recherchen zu machen, wer das konkurrierende Gras verteilt und wer die Gras-Lagervorräte des Drogenbosses verbrannt hat. Ein schwieriger Auftrag für den stark abhängigen Fisch.

Aus der Erzählperspektive der Dritten-Person wechseln sich die Protagonisten und Nebenfiguren von Kapitel zu Kapitel ab. Überschneidende Ereignisse werden so aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt. Eine Besonderheit: Die Geschichte wird nicht chronologisch vermittelt. Kopacka kombiniert 28 Zeitpunkte zwischen dem 4. und 7. Juli. Er fängt mit dem 7. abends an, fährt fort mit dem 5. mittags, dem 6. morgens usw. und endet mit dem 5. Juli nachmittags. Diese Kapitelauflistung erinnert an Autoren, die sich der Kombinatorik – und hier sind wir bei der Mathematik – bedient haben. Man denke an Italo Calvinos „Die unsichtbaren Städte“, in der die Städte in einer logischen Reihenfolge erscheinen. Ob Kopacka an ein Spiel gedacht hat mit 28 Karten, die zufällig gezogen werden, sei dahingestellt. Zu vermuten ist eher, dass die Kapitel in dieser Reihenfolge aus dramaturgischen Gründen zusammengestellt worden sind. Dennoch wirken die Kapitel wie Puzzle-Teile, die sich im Kopf des Lesers zu einem großen Bild zusammenfügen.

Inhaltlich lotet der Grazer Autor die Grenzen einer Freundschaft aus. Mehr noch: Es geht um die Wahl zwischen Freundschaft oder Unterordnung – in diesem Fall unter die Herrschaft des Drogenbosses. Klugerweise lässt Kopacka die Protagonisten unterschiedliche Entscheidungen treffen. Es verbleibt dem Leser, selbst zu urteilen. Der Autor zeigt zudem auf, wie durch ein unwahrscheinliches Ereignis aus einer Verkettung unglücklicher Umstände der Falsche zur Verantwortung gezogen wird: Stefan, der nichts mit der Verbrennung der Gras-Lagervorräte zu tun hat, wird von den Schergen des Drogenbosses fertig gemacht – komisch und tragisch zugleich.

Beeindruckend ist zusätzlich der Stil des Autors: Er benutzt eine sehr präzise, ausdifferenzierte Sprache, weder ausufernd noch langatmig. Der Sprachstil erinnert an einen anderen Debütanten: den in Salzburg lebenden Deutschen Christian Lorenz Müller mit seinem Roman „Wilde Jagd“.

Ian Kopacka ist mit „Kleine Fische“ ein unterhaltsamer, mehrschichtiger Roman gelungen. Ihn als literarisches Wunderkind zu betiteln, wäre übertrieben. Doch er ist ein großes Schreibtalent. Wundern darf man sich nicht, wenn er bald Preise und Stipendien einheimst!

Von Angelo Algieri
31. März 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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