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Johanna Beck: Märzsonne.

Roman.
Wien: Seifert Verlag, 2011.
126 S.; geb.; Eur 16,90[A].
ISBN 978-3-902406-80-4.

Link zur Leseprobe

Max und Peter und Anna. Das war das Freundschaftsdreieck, das die drei ArchitekturstudentInnen damals, in ihrer Wiener Zeit, in Bann hielt. Sie diskutierten mit jugendlicher Begeisterung, stritten, feierten und waren dabei, Bewegendes zu tun, zu denken, zu hoffen. Diese Wiener Zeit existiert für sie nicht mehr. Oder doch: In den Köpfen von Anna und Peter, aber selbst untereinander können sie nicht darüber sprechen. Ein Verlust steht zwischen ihnen: Max.
Max ist tot. Vor 20 Jahren lag er zu lange unter einer Lawine, die er selbst losgetreten hatte. In den Bergen über Alpbach, an einem leicht-fröhlichen Schitag mit Peter. Es war der Tag, an dem für Anna das Leben stehen blieb und nur der Alltag fortdauerte. Der Tag, an dem die damals dreijährige Sophia ihren Vater verlor. Und Peter seinen besten und wohl einzigen Freund.

Für Anna veränderte dies ihr Leben radikal. Sie hörte auf zu studieren und ging zurück zu ihrer Familie nach Florenz, in das Nest, dem sie einst entflohen war. Sie arbeitete in Ausstellungen und auf Kunstmessen. Der Boden unter ihren Füßen ließ immer wieder nach, allein war sie haltlos und unsicher, ein Nachfolger für Max kam nicht in Frage.
Nun ist sie so weit loszulassen. Sie fährt mit dem Zug nach Innsbruck, wo Peter sie abholt, um nach Alpbach zu kommen, in sein Wochenendhaus oben am Berg, wo seine Frau Moni schon mit dem jüngsten Sohn wartet. Anna will zum ersten Mal an die Unglücksstelle, um sie zu fotografieren und gleichzeitig loszulassen. Der Ort soll auf Papier gebannt und somit freigegeben werden. Doch die Lichtung ist zugewachsen, der einstige Kahlschlag aufgeforstet. Zeit und Ort waren in Veränderung. Wie hätte es auch anders sein können. Anna sieht darin die Umstände für sich, nicht gegen sie arbeiten:
Der Jungwald grenzt mich aus, zieht einen Schlussstrich. Er tut für mich, was ich bisher nicht tun konnte, er löst mir die Finger, die verkrampft das Vergangene festhalten wollten, die sich verpflichtet fühlten, dem Andenken zu leben. Max ist gegangen, ich muss und darf ihn gehen lassen. In meinem Heute lebt Max nicht, er ist Vergangenheit. Ich aber lebe und will leben, will in den Strom des Lebens zurück, so lange schon habe ich das Gefühl, an den Rand gespült zu sein.
(S. 81)
Das kommt leider etwas behäbig daher, auch viele Dialoge wirken zu sehr durchdacht und daran orientiert, alles richtig zu machen. Dennoch besticht Johanna Becks Sprache zuweilen durch ihre Einfachheit und Klarheit, ihre Schlichtheit und Prägnanz.
Inhaltlich betrachtet sind Becks Figuren echt, erwachsen in ihrem Wissen um ihre Unreife und Unvollkommenheit. Manches liegt in ihnen verschüttet, was leider auch dieses Buch nicht aus ihnen hervorzuholen vermag. Manches steht nebeneinander wie die Orte: Wien, Florenz, Alpbach. So auch die Figuren, die viel monologisieren, erinnern und denken, relativ wenig interagieren und im Grunde allein bleiben. So fällt es schwer, sich in die Geschichte fallen zu lassen, hinein neben die mütterliche, in ihrer Ehe unzufriedene Moni oder den schweigsamen, ernsten Peter. Da hilft es auch nichts, dass das Porträt der Nachbarin Erna, die sich um ihre Hühner, Blumen und die noch Lebenden im Altersheim kümmert, sehr liebevoll, treffend und fein gezeichnet ist. Und dass die Wiener Kinder in der U-Bahn klischeehaft gelangweilt andere Kinder traktieren, während Monis Landkind Drachen steigen lässt und Holztiere schnitzt, macht es auch nicht einfacher.

Vieles bleibt spannungsgeladen umrissen, ohne wirklich erzählt zu werden. Die geheim gebliebene Verliebtheit Peters (siehe Leseprobe), der auch heute noch von Anna fasziniert ist, gehört genauso dazu wie ein echtes Aufeinanderprallen dieser zwei unterschiedlichen Frauen. Die höflichen Gespräche zwischen Moni und Anna sollen klarstellen, wie wenig der intellektuelleren, feingeistigeren Anna daran liegt, sich mit der lieben Moni durch zu viel Vertraulichkeit zu solidarisieren, denn sie „misstraut der Frauensolidarität, kann schlecht mit dieser selbstverständlichen, geschlechtsbedingten Nähe“. (S.63f) In Anna ist etwas zugewachsen wie oben auf dem Berghang. Es schwappt nichts über, keine Emotion, kein Interesse an dem, worin man nicht selbst ist.

Johanna Beck, die 1960 in München geboren wurde, Landschaftsarchitektur in München und Wien, Pädagogik in Innsbruck und Bozen und Philosophie in Salzburg studiert hat und heute in Wien lebt, hat literarisches Potential. Ihr eigenständiger, zarter Ton ist deutlich erkennbar, sie stolpert aber zuweilen über Baukonstrukte, die etwas bedeutungskarg im Raum stehen, der doch ansonsten so klar gegliedert ist. Was machen z. B. Moni und Peter plötzlich in einem Konzert in Wien, lächelnd, sein Arm über ihrer Schulter? Ein Sieg für die Volksschullehrerin Moni, die immer und überall hilft und brav ist und leistet und auf sich vergisst? Also trotz allem: ein Happy-End.

Claudia Peer
11. April 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser_innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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