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Ann Cotten: Florida-Räume.

Berlin: Suhrkamp, 2010.
285 Seiten; gebunden; Euro 20,40.
ISBN: 978-3-518-42132-1.

Link zur Leseprobe

Zunächst einmal staunt man, wenn man das Buch in den Händen hält: Es hat eher den Umfang eines gängigen Romans als den eines Lyrik-Bandes. Blättert man dann in dem Schmöker, erkennt man, dass sich Ann Cotten in ihrem zweiten Buch nicht auf Lyrik beschränkt, sondern auch mit Prosatexten aufwartet. Das Buch, das wohl deshalb auch keine Gattungsbezeichnung führt, gliedert sich in 13 Abschnitte, von denen nur 6 Gedichte enthalten. Der Rest ist ein pfiffiges Spiel der Autorin mit Versatzstücken der (post-)modernen Literatur. Da gibt es eine vorneweg geschaltete „Anzeige“, in der nach Autoren gesucht wird, ein „Begleitschreiben“, einen Theorie-Teil, einen mit „Echo“ betitelten „Bericht des Datenträgers“ und – wen wundert's? – ein „Nachwort des Herausgebers“, den es natürlich gar nicht gibt, der aber – wie seinerzeit Adalbert Stifter – vorgibt, eine „Mappe“ mit Texten in seinem Garten gefunden zu haben, die er jetzt herausgibt.

Cotten lässt sich also in dem vorliegenden Band, einer Art Gesamtkunstwerk, das auch graphische Elemente enthält, auf ein höchst vergnügliches Spiel mit Erzählkonventionen und -fiktionen ein. Als diplomierte Germanistin, die bekanntlich ihre Abschlussarbeit über die Listen der konkreten Poesie geschrieben hat (veröffentlicht im Klever-Verlag), beherrscht sie dieses Spiel perfekt und stellt sich damit in gute alte Avantgardistentradition. Diese Autorin ist, nicht zuletzt dank ihrer germanistischen Schulung, mit allen poetischen Wassern gewaschen, auch medial versiert, blitzgescheit, und, was man bisher vielleicht nicht so wusste, auch witzig; „schäkernd“ und „kudernd“ stellt man sie sich vor, wie sie da an ihrem Netbook sitzt und Texte produziert (vgl. das Selbstporträt „Ameisenjungfer Ameisenlöwe“ in den „Leseproben“). Ein Vokabular hat sie wie ein Wörterbuch – nicht umsonst hieß ihr lyrischer Erstling ja Fremdwörterbuchsonette. Keine Frage, man hat es hier mit einer der größten Begabungen in der zeitgenössischen Literatur zu tun. Und mit ihren knapp 30 Jahren ist sie, trotz ihrer Jugend, über den Status einer „Begabung“ schon längst hinausgewachsen.

Freilich ist dieser Band, das muss ebenfalls gesagt werden, eine Literatur, der die Breitenwirkung per se versagt ist, bewegt sie sich doch im engmaschigen hermetischen Feld der Literaturliteratur, das nicht jedem und jeder zugänglich ist. Es ist ein „sperriges Sprechen“, das Cotten schreibt, und ein solches erreicht für gewöhnlich nur den kleinen Kreis der „happy few“. Man würde es dem Buch natürlich wünschen, dass es diesen engen Kreis durchbricht.
Und doch: So manches Gedicht in dem Band hätte man selber gerne geschrieben (etwa das Sonett „Akathartiker“ oder „Das Ghasel“). Gelegentlich fragt man sich natürlich, wie weiland Benjamin anlässlich von Musil, ob diese Dichterin nicht zu klug ist für eine Dichterin. Doch was kanns schaden? Dichter müssen heute klug sein. Und Cotten ist sehr klug.
Als reflektierte Dichterin liefert sie natürlich eine Menge an Poetik gleich selber mit. So heißt es etwa im „Begleitschreiben“:
„Wo das Gelingen konventionell ist, sind für uns die Fehler interessant. Die Poesie erlaubt mehr Fehler als die Prosa, weil die Statik bei einem so kleinen Gegenstand nicht so kritisch ist. Hier ist es durchaus möglich, dass ganze Gebildet um einen Fehler kreisen und seine Deutlichkeit weithin blicken lassen; das gefällt uns natürlich sehr. Im Dossier findet sich aus diesem Grund ein überproportionaler Anteil an unvollkommenen, statisch katastrophalen Gedichten.“

Auch die im Titel erwähnten „Florida-Räume“ werden im Buch selbst als „Florida-Rooms“ thematisiert und liefern der ganzen Text-Konstruktion sozusagen den architektonischen Bauplan. Im Mittelstück des Bandes findet sich ein langer Prosatext mit dem Titel „Der Cocker“. Es ist die Geschichte eines schreibenden Hundes – es grüßt E.T.A. Hoffmanns Kater Murr – und selten noch habe ich ein so beredtes Stück Literatur gelesen, das seine eigene Kritik schon selbst mit sich führt:

Wenn nun jemand sagte, schreibe nicht unnütze Traktate, schreibe schöne Gedichte? Wenn jemand sagte, du machst dich lächerlich, du bist geschwätzig, Cocker, besinne dich?
Dann würde ich mich besinnen und ihn niedermähen, und ihm recht geben, und weiterreden. Denn ich bin
doch seit der Jugend,
und immer weniger,
aber immer noch
nichts anderes als
ein Tausendsassa von einem Cocker.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nicole Streitler
27. April 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder


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