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Brigitte Schwaiger: Lange Abwesenheit. Die Galizianerin. Malstunde.

Wien: Czernin Verlag, 2011.
312 Seiten; geb.; EUR 21,90.
ISBN 978-3-7076-0252-4.

Autorin

Leseprobe

Brigitte Schwaiger (1949-2010) ist vor allem für zwei Bücher bekannt: Für ihren als Sensation gefeierten Erstling Wie kommt das Salz ins Meer (1977) über das Scheitern einer im ländlich-bürgerlichen Milieu angesiedelten Ehe und für den späten Text Fallen lassen (2006) über ihre Erfahrungen in der Psychiatrie. Fragt man nach den Werken „dazwischen“, so hört man oft, dass diese von geringerer literarischer Qualität gewesen seien. Das Überprüfen dieser Aussage mittels Lektüre stellte einen allerdings – bisher – vor einige Schwierigkeiten: Die anderen Bücher Brigitte Schwaigers sind meist nur antiquarisch erhältlich.
Der Czernin Verlag hat nun einen Sammelband vorgelegt, der die Auseinandersetzung mit drei von Schwaigers weiteren Werken erleichtert: Lange Abwesenheit (1980), Die Galizianerin (1982) und Malstunde (1980) – drei Texte, die aufgrund der verschiedenen Themen zunächst sehr weit voneinander entfernt zu liegen scheinen.

Lange Abwesenheit ist derjenige Text, der inhaltlich und stilistisch am wenigsten überrascht: Ähnlich wie im Roman Wie kommt das Salz ins Meer wird aus der Perspektive einer jungen Frau berichtet, wobei hier keine Ehe, sondern die Beziehung zum verstorbenen Vater im Mittelpunkt steht. Die Erzählerin erlebt die Verwandlung des Vaters vom übermächtigen, angesehenen Arzt zum schwachen, kranken und dann toten Mann als einerseits ersehnten, andererseits ernüchternden Prozess: „Aber sein Sterben war die letzte Falle, in die ich hineingeriet und in der ich noch immer stecke. Weil mein Vater unsterblich ist.“ (S. 19)
In präzisen, tragikomischen Formulierungen porträtiert die Erzählerin ihren Vater als Mann, der auf andere Menschen herabschaut, seinen Antisemitismus kaum versteckt und gegenüber Ehefrau und Kindern als stets überlegene, unanzweifelbare Respektsperson auftritt. „Wir haben alles gelernt von dir und auch früh gelernt, andere Menschen wegen ihrer anderen Tischsitten zu verachten.“ (S. 18) Sie berichtet auch von ihren Versuchen, sich vom Einfluss des Vaters zu befreien, etwa, indem sie eine Beziehung zu einem wesentlich älteren jüdischen Mann eingeht. Gerade diese Bemühungen, entgegen den Erwartungen des Vaters zu handeln, bestätigen aber dessen Unüberwindlichkeit: Die Erzählerin ertappt sich dabei, wie sie versucht, im Verhalten ihres Freundes Klischees über Juden wiederzufinden und stellt fest: „Ich möchte mir vor meinem Vater die Kleider ausziehen, mich nackt vor ihn hinstellen: Schau mich an, ich bin eine Frau, ich bin nicht du! Was haben deine Gedanken in meinem Kopf verloren?“ (S. 32)

Das Thema des Antisemitismus, aber auch der Eindruck des Verschwimmens der Grenze zwischen Autobiographie und Fiktion verbindet Lange Abwesenheit mit dem zweiten Text des Sammelbandes: Die Galizianerin, verfasst gemeinsam mit dessen Protagonistin Eva Deutsch. Deutsch ist Holocaust-Überlebende polnisch-jüdischer Abstammung und erzählt in diesem Text ihre Geschichte. Die zu Kriegsbeginn Fünfzehnjährige berichtet von der Flucht aus ihrer polnischen Heimat in Richtung Russland, von der Suche nach Arbeit und Nahrung, von der Angst bei Razzien, vom Leben unter falschem Namen und davon, wie nach und nach alle ihre Angehörigen verschleppt werden.
Ungewöhnlich ist, wie hier erzählt wird – in einer den mündlichen Bericht nachahmenden, jiddische Begriffe enthaltenden Sprachform, die an einigen Stellen auch die Gesprächssituation mit Schwaiger thematisiert: „Gnädige Frau, Sie sollen von mir herausziehen, was Sie glauben, dass wichtig wäre. Weil ich tu sonst den Faden verlieren. Mein Mann hat immer gesagt: Das nimmt ka Ende mit dir, ich brauch ka Radio, ka Fernsehn, mit dir hab ich genug! Was ich Ihnen erzähle, dass Sie hören zu, aber wir müssen zu einem Punkt kommen.“ (S. 106)
Die deutsch-amerikanische Germanistin Dagmar C. G. Lorenz hat diesen Schreibstil als Exotismus, die Darstellung der Gesprächssituation als Reproduktion einer Subjekt-Objekt-Hierarchie und das Verhältnis von negativen Äußerungen über die Judenräte zu positiven Äußerungen über „gute“ Deutsche als verzerrend kritisiert. Außerdem bemängelt sie, dass Informationen zum Anteil des Fiktiven und zur Rolle Brigitte Schwaigers bei der Textgestaltung fehlen würden.
Zwar enthält auch der neue Sammelband kein Vor- oder Nachwort, das diese Informationen bereitstellt (bei einer weiteren Auflage wäre ein solches durchaus wünschenswert), jedoch nehmen die beiden anderen Texte diese Funktion zumindest teilweise ein: Die Ehrlichkeit, mit der die Erzählerin in Lange Abwesenheit zeigt, wie sich Vorurteile gegen Juden und die oft gehörten Relativierungen des Holocaust auch ihres eigenen Denkens bemächtigen, lässt sich als Aufruf verstehen, Die Galizianerin nicht ausschließlich als Faktenbericht, sondern als Text mit subjektiven und fiktiven Anteilen zu lesen.

Der dritte Text Malstunde enthält ebenfalls Elemente, die über dessen konkreten Inhalt hinausverweisen und Grundannahmen von Schwaigers Schaffen beleuchten. Ergänzend und kommentierend ist dieser Text vor allem insofern, als hier die Person der Brigitte Schwaiger am direktesten in Erscheinung tritt. Vordergründig nimmt sie dabei die Rolle der Interviewerin ein, die den Maler Arnulf Rainer befragt. Doch erweist sich die Frage der „Rolle“ als zentrales Problem, das den ganzen Text durchzieht: Schwaiger fragt Rainer, welche Fragen sie ihm stellen soll, wird dann selbst zur Interviewten, die über ihre Motivation zum Schreiben spricht, und schließlich zu seiner Schülerin, die eine „Malstunde“ in wörtlichen Sinn erhält.

Nach der Lektüre scheint es verständlich, dass diese Texte für sich genommen nicht so große Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten wie Schwaigers erster Roman. Die Galizianerin und Malstunde lassen als einzelne Texte vielleicht zu viele Fragen offen, während Lange Abwesenheit Schwaigers Erstling zwar in der genauen Darstellung der ländlich-konservativen Welt der 1950er und 1960er Jahre um nichts nachsteht, jedoch viel weniger um Chronologie und den Aufbau eines Spannungsbogens bemüht ist.
Die drei Texte profitieren enorm von der Zusammenstellung im Sammelband und der Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten. Einzelne Irritationen relativieren sich, zentrale Motive werden durch die Wiederholung in allen drei Texten hervorgehoben, wichtige Ambivalenzen lösen sich nicht auf, sondern bleiben als solche bestehen. In aller Deutlichkeit treten die Stärken Brigitte Schwaigers hervor: Die Genauigkeit und Präzision in der Darstellung von gesellschaftlichen Milieus, die analytische Schärfe, die auch vor der eigenen Person nicht halt macht, und ein überraschender, oft bitterböser Humor. Ein sehr lesenswertes Buch!

Gianna Zocco
27. April 2011

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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