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Helmut Neundlinger: tagdunkel.

Gedichte.
Wels: Mitter Verlag, 2011.
Leinen mit Schutzumschlag; 88 Seiten; 19,80 Euro.
ISBN 978-3-9502828-5-6.

Link zur Leseprobe

Eines sei, weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, vorausgeschickt, nämlich die Tatsache, dass der oberösterreichische Mitter Verlag den Gedichtband „tagdunkel“ Helmut Neundlingers gleichsam als Prachtausgabe veröffentlicht hat. Das in Leinen gebundene Buch ist handwerklich perfekt und das ansprechende Cover heutig. Althergebrachte Buchdruckerkunst und modernes Design stellen eine gelungene Synthese her.
Der achtunddreißigjährige Lyriker verdient sich mit seinen Gedichten die geradezu noble Ausstattung. „tagdunkel“ ist nicht sein erstes Buch. Der Autor, ein promovierter Germanist, ist multipel tätig, wissenschaftlich, publizistisch und literarisch. Als Forscher ist er mit Werken über Ernst Jandl und Christian Loidl in Fachkreisen ein Begriff.

Die „tagdunkel“-Gedichte holen die Sprache dort ab, wo sie scheinbar am nacktesten dem Alltagsmund entfährt. Neundlinger arbeitet mit Redewendungen, rhetorischen Tagesresten und vermeintlichen „nebenwörtern“, denen er ein Kapitel des Gedichtbands widmet. „alles schwebt und lässt sich/ irgendwie fallen“ (S.52)
Der Autor hat ein feines lyrisches Gehör. Er löst die Unter- und Zwischentöne aus dem Gesamtklang der Sprache und konnotiert sie neu, um Ängste, Atemlosigkeiten, Panikrituale und Sehnsüchte, die in den Versen mäandern, herauszulösen und ihnen anders Stimme zu geben: „aber sprich nur ein wort/ und mein mal verschwindet/ mit einem mal“. (S.8.) In Neundlingers Lyrik wird der „wanderer“ zum „mäanderer“ (S.12), wird das Gedicht zum „Gehdicht“.

Die Gedichte sind offen und haben „kein[en] anfang/ kein ende“, „als hätte der prophet“ (S.9), sprich Dichter, selbstvergessen mit seinem Alphabet dichterische, klangvolle Zeichen gesetzt. Zeichen und „kein mal auf der wunde“, das heißt, „kein prophezeichen“ (S.9). Es entsteht eine poetische Spur, fast kommt in den Zeilen Gedränge auf, so dicht sind sie.
Helmut Neundlinger versetzt seine Lyrik, wie es dieser Tage auch bei anderen Autoren sozusagen Mode ist, mit christologischen Elementen, die – wie die erwähnten Zwischentöne – neu und in abenteuerlicher Manier interpretiert werden: „denn an deinen zeichen/ sollen sie dich erkennen// an deinen verfluchten mildtätigkeiten/ …/ an deinen geschändeten/ nebensächlichkeiten“ (S.14). Und natürlich nicht vermeidbar: „sprich nur ein wort/ und meine seele/ reißt es in stücke“ (S.29), denn schließlich war „vom christentum/ … lang nicht mehr die rede“ (S.30).

Der Autor schreibt leichtfüßig, geradezu tänzelnd. Es geht ihm nicht um bedeutungsschwangere Verse, die niemand verstehen würde, sondern um das Ausloten der Möglichkeiten unserer Sprache. Aus der Ferne klingen – selbstverständlich ohne Plagi-Art, der neuen Kunst der Phantasielosen und Unkreativen – als Schattenzitate, nicht einmal als Relektüre, Paul Celan, Gertrude Stein und auch James Krüss an.
Helmut Neundlinger ist mit seinen Gedichten Berichterstatter: „wir verurteilen uns/ zur immerwährenden/ gegenseitigkeit“ (S.24) und fängt manches Schnappen der Beobachteten ein, um es in eine Gedichtzeile einzufügen. „du sprichst schneller als dein/ mund“ (S. 48).

Nachhaltig hat sich der Autor und Germanist mit Christoph Schlingensief beschäftigt, dem er ein ganzes, relativ umfangreiches Kapitel mit der Überschrift „nachrichten von schlingensief“ widmet: „die möglichkeit einer liebe/ ist nicht/ die unmöglichkeit einer anderen/ sagte schlingensief“ (S.27).
Ebenso intensiv-umfangreich sind seine Meditationen über „profane litaneien“, in denen der Schlaf, der nicht schlafen kann, und das lyrische Subjekt „an einem kolossalen schlafverschmelzungspunkt“ arbeiten (S.63). Neundlingers verschlafene Neologismen klingen witzig und heißen „gastschlafbeitrag, gastschlafliste, schlafmaschine, schlafsammler und schlafversatzstücke“ (S.62ff.). Sogar die „oberösterreichische sexualität“ (S.65) mischt sich in den Schlaf.

Der Autor kann auch aphoristisch sein, wenn er mit der Sprache spielt: „endlich bei tisch/ bestreiche ich zubrot mit/ worauf es ankommt“ (S.19). Dieser Lyriker kann überhaupt einiges. Er ist im „bleistiftgebiet“, im „bleistiftterritorium“ (S.76) heimisch. Beschleichen kann ihn „leibhaftiges zittern/ bis der wahnsinn/ dem verstand/ das licht auslöscht“ (S.37). Und manchmal wartet Helmut Neundlinger im Gedicht, dass es wieder „tagdunkel“, dass es still wird.

Janko Ferk
28. April 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 




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