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Ulrike Schmitzer: Die falsche Witwe.

Roman.
Wien: Edition Atelier, 2011.
106 S.; geb.; Euro 14,90.
ISBN: 9783902498410.

Link zur Leseprobe

Wenn sich die Familiengeschichte als Lügengeschichte entpuppt, wird das Leben auf den Kopf gestellt. Die erschrockene Enkelin beginnt ihre Großmutter auszufragen und muss in der Folge ihr eigenes Leben hinterfragen: Was bedeutet es für eine junge Wissenschaftlerin der Uni Wien, unwissend mit einer Lebenslüge, einem nationalsozialistischen Großvater, aufgewachsen zu sein? Um diese Frage kreist der Roman „Die falsche Witwe“ von Ulrike Schmitzer.

Der Realitätsbezug ist ganz offensichtlich - Nicht wenige Frauen ließen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ihre Ehemänner für tot erklären, obwohl jederzeit die Möglichkeit einer Heimkehr bestand. Das Motiv der vermeintlichen Witwen war das Durchbringen der Kinder mithilfe der staatlichen Witwenpension. Der Romantitel „Die falsche Witwe“ erklärt sich somit von selbst.
Sehr neugierig ist man, wie Ulrike Schmitzer diese zeitgeschichtlichen Fakten literarisch verarbeitet. Sie heuchelt kein Mitleid, rechtfertigt oder verurteilt weder die Großmutter noch den Richterspruch, denn sie behandelt das Thema mit respektvollem Abstand.
Alles Subjektive trägt die Figur der Enkelin, und zwar nur sie. Die Gerichtsverhandlung ist realistisch erzählt, ebenso die Lüge: Die Großmutter ließ ihren Ehemann nach dem zweiten Weltkrieg vorsätzlich für tot erklären, um die Witwenpension zu erhalten. „Onkel“ müssen die Kinder ihn nennen, ohne zu wissen, dass es sich um ihren Vater handelt. Das ganze Dorf wird von der falschen Witwe belogen, die Nachbarn sind (wie sooft) misstrauisch. Die eigentliche Lüge ist aber die verschwiegene nationalsozialistische Vergangenheit des „Onkels“, die von der Großmutter vertuscht wird.

Die Enkelin der „falschen Witwe“ ist zugleich Protagonistin und Hintergrundfigur des Romans. Ein ehemaliger Studienkollege provoziert sie mit der für sie schlimmsten Vorstellung, nämlich familiär, sprich erblich bedingt nationalsozialistische Züge in sich zu tragen. Dadurch gerät sie in einen persönlichen Konflikt, verstärkt durch ihre berufliche Tätigkeit als Ethnologin. Angesichts ihres Interviews mit einem Nazi rät ihr Karl dogmatisch: „[D]ie Wissenschaft [ist] an erster Stelle und dann erst die Moral“(69). Sehr gelungen ist die Spannung zwischen der wissenschaftlichen und der privaten Seite der Enkelin, und auf welche Weise sie mit der Familienlüge umzugehen versucht. Die Wissenschaft bietet Studien, Kulturkreise mit Moralgeschichten oder Forschungsansätze, aber hilft das Professionelle, wenn man unfreiwillig in seine eigene unbekannte Vergangenheit verwickelt wird? Ihre Rastlosigkeit bei der Suche nach der Wahrheit äußert sich in ihrer schlechten körperlichen Verfassung. Als ihr die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters bewusst wird, kotzt sie sich im wahrsten Sinne des Wortes an.

Ulrike Schmitzer konfrontiert in ihrem Roman zwei konträre Lebenseinstellungen miteinander - hier sind jene, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben haben, dort jene, die um jeden Preis die erlogene Fassade wahren wollen. Die Enkelin und die Großmutter verkörpern den Gegensatz, während der Bruder beispielhaft ist für jemanden, der sich mit der familiären Vergangenheit nicht auseinandersetzen möchte. Der Generationenkonflikt innerhalb der Familie Lienbacher wird nicht ausgespart.
Neben dem Thema des Lügens und Betrügens verarbeitet Schmitzer auch jenes der fehlenden Erinnerung, und zwar in der kindlichen Figur Eva. Völlig verwirrt weiß sie nicht mehr, warum ihr Vater weggegangen ist und erklärt sich das, indem „sie ihn sterben lässt“, da sie dieser Grund noch am wenigsten schmerzt. Auch hier werden Studien der persönlichen Erfahrung gegenübergestellt, es geht um Gedächtnisverluste und verschiedene Speicherformen der Erinnerung.

Man gerät beinahe in Versuchung „Die falsche Witwe“ als Kriminalroman zu bezeichnen. Ulrike Schmitzer baut eine Spannung auf, die in ihrer Intensität so manchem Krimi die Leser stehlen könnte. Das Vorgehen der Enkelin bei der Wahrheitsfindung erinnert an eine Kommissarin. Verdächtigungen, Misstrauen und die Frage, wie sich jemand verdächtig macht - ob durch zu viel Reden oder Schweigen -, ziehen sich leitmotivisch durch den Roman.

Die Geschichte wird im Präsens erzählt, auch die Rückblenden, wodurch die vergangenen Ereignisse unmittelbarer wirken. Gegenwart ist das Leben der Enkelin, umrahmt vom Begräbnis des Großvaters und der Gerichtsverhandlung. Ihre direkte Art spiegelt sich im Sprachstil wieder und so ist sie durchgehend präsent, wenngleich ihr „Ich“ erst später zu Wort kommt.
Daneben gibt es noch das Tagebuch-Ich des "Onkels". Die dokumentarisch angehauchten Textpassagen des Nazis erhöhen die Authentizität der Geschichte enorm. Die auffallend kurzen, aber kraftvollen Sätze bewirken eine rasante Erzählgeschwindigkeit, manchmal würde man sich eine Atempause wünschen. Erzählstränge wechseln einander ohne Überleitungen ab.
Man könnte diesen Roman salopp mit den Attributen psychologisch, wissenschaftlich und kriminalistisch versehen – eine äußerst spannende Kombination!

Monika Maria Slunsky
2. Mai 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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