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Richard Erdoes: Der Donnerträumer.

Erinnerungen.
Wien: Picus, 1999.
(Österreichische Exilbibliothek. Herausgegeben von Ursula Seeber).
162 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85452-432-3.

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1940, im Alter von 28 Jahren, emigrierte der in Österreich geborene Künstler, Photograph und Autor Richard Erdoes in die USA. Deutschland hatte der Regimegegner und Untergrundaktivist bereits 1933 verlassen müssen; sein Kunststudium setzte er in Wien fort, nach dem Anschluß wurde es aber auch dort zu gefährlich. Über Zwischenstationen in Paris und London gelang Erdoes schließlich die Flucht nach New York, wo er als Illustrator und Karikaturist zu arbeiten begann.

In den USA machte sich Erdoes vor allem als Experte für die Kultur der nordamerikanischen Indianer einen Namen. In seinen zahlreichen Büchern setzt er sich bevorzugt mit dem Stamm der Sioux auseinander - dort fand er auch den geeigneten Ansatz für sein Erinnerungsbuch. Bei den Sioux nämlich gibt es den "Heyoka", den "Donnerträumer", der als Clown "mit seinen Späßen die Tragik der indianischen Existenz erträglich" macht.
Mit viel Humor beschreibt Erdoes auch die bewegte Geschichte seiner Familie, seine Kindheit und Jugend in Europa und die tödliche Bedrohung durch die Nazis bis zu seiner Auswanderung.

"Der Donnerträumer" ist keine lineare und lückenlose Rekonstruktion, sondern eher eine Sammlung ineinander verschränkter Anekdoten, was allerdings zur Folge hat, daß der zeitliche Ablauf der Ereignisse nicht immer ganz klar ist. Für die Erzählhaltung charakteristisch ist die Schilderung einer "Begegnung" mit Hitler in Wien: Der steckbrieflich gesuchte Erdoes gerät versehentlich in einen Festakt der Nazis. Bei dieser Gelegenheit sieht er den Führer erstmals aus der Nähe und bringt sich durch seine nur mühsam zu unterdrückende Erheiterung über diesen "drittklassigen Komödianten" beinahe in Lebensgefahr.

Erdoes ist der Sohn eines ungarischen Opernsängers und einer niederösterreichischen Bäckerstochter. Nach dem Tod des Vaters wird die mittellose Mutter samt Baby von ihrer Schwester, der erfolgreichen Schauspielerin Leopoldine Schrom alias Sangora, aufgenommen. Die Wohnorte wechseln mit den Engagements der Tante, in schlechten Zeiten wird das Kind zu bemittelten Verwandten geschickt: zum jüdischen Großvater nach Budapest, zum muslimischen Onkel nach Sarajewo oder zu katholischen Bauern nach Niederösterrreich. Ähnlich unterschiedlich sind auch die Schulerlebnisse: nach der liberalen und fortschrittlichen "Odenwaldschule" landet Erdoes im brutalen Alltag eines preußischen Gymnasiums in Berlin, den nur die Freizügigkeit seiner sonst bohemienhaften Umgebung erträglich macht. In Berlin beginnt er auch mit dem Kunststudium und den Aktivitäten gegen die Nazis, die für manche seiner Freunde mit dem Tod enden.

"Der Donnerträumer" ist natürlich aufschlußreich, wenn man über Richard Erdoes mehr erfahren möchte; darüber hinaus bietet dieses Erinnerungsbuch interessante historische Details: über Bälle am Hof des österreichischen Kaisers und die Würste deutscher Massenmörder, über Persönlichkeiten wie Katharina Schratt oder Heinrich George, das Leben zwischen Existenzangst und hysterischer Vergnügungssucht im Berlin der 20er und 30er Jahre. Sympathisch an dem Buch ist die ironische Distanz, die niemals Selbstmitleid aufkommen läßt und doch nichts verharmlost. Über weite Strecken aber verläßt sich der Autor zu sehr auf die Reproduktion erstaunlich oberflächlicher Klischees und verzichtet - nicht nur infolge der Kinderperspektive - auf eine differenzierte Betrachtungsweise. So übernimmt er ganz unreflektiert eine Geschichte, die er als Kind von den Verwandten in Bosnien hört: in periodischen Abständen, ohne erkennbare Veranlassung, würden diese "gastfreundlichen" und "sanften" Leute grauenhafte Kriege mit den Nachbardörfern führen. Die Frauen würden ihre Männer in den Kampf begleiten und mit Geheul anfeuern - den von der Tante vorgeführten Gesangston vergleicht Erdoes mit einem "Brave Heart Song" von Sioux-Frauen. Dieser und ähnliche Vergleiche verpuffen jedoch als Effekte, weil sie nicht weiter ausgeführt werden; das ist schade, weil Richard Erdoes sich wie kaum ein anderer zwischen den Kulturen bewegt und gerade Überlegungen, die auf solchen Kenntnissen beruhen, spannend und bereichernd sein könnten.

Christine Rigler
19. November 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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