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Evelyn Grill: Das Antwerpener Testament.

Roman.
St. Pölten-Salzburg: Residenz-Verlag, 2011.
319 S.; geb.; Euro 22,90.
ISBN: 9783701715664.

Link zur Leseprobe

Ein Testament ist die grande illusion in Evelyn Grills groß angelegtem Familienroman, der einen Zeitraum vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre umfasst und Figuren wie Leser im Zuge von Krieg und Vertreibung über Belgien und Deutschland nach England, Holland und bis in die Vereinigten Staaten führt.

Die Anfangsszene spielt Anfang der achtziger Jahre in England. Am Grab der Matriarchin Henriette Stanley stehen ihre beiden längst erwachsenen Kinder: der verwirrte Sohn Harry und die schwer kranke Tochter Ann samt Mann Ulrich und Kindern. In das Leben ihrer Kinder hatte die strenge Henriette massiv eingegriffen. Den Sohn hatte sie in den Wahnsinn und damit in die lebenslange Abhängigkeit von ihr getrieben, weil sie jeden seiner Emanzipationsversuche konsequent unterbunden hatte. Nicht besser war sie zu ihrer Tochter gewesen. Stets (doch letztlich vergebens) hatte sie das ominöse Testament als Argument benutzt, um Ann an der Heirat mit dem Deutschen Ulrich zu hindern – angeblich, weil die reiche Antwerpener Verwandtschaft ihnen sonst das Erbe entziehen würde.

Die auf die Beerdigungsszene folgenden Kapitel rollen die Vorgeschichte der weitverzweigten Familie auf: das Schicksal von Ulrichs Cousine Lilly, die als „Halbjüdin“ aus Deutschland nach Amerika auswandern musste; das hartnäckige Werben Ulrichs um Ann gegen den heftigen Widerstand Henriettes, der der Ehe einen tragischen Stempel aufdrückte; später die Entfremdung zwischen den Eheleuten und ihren Kindern – und nicht zuletzt die Geschichte von Henriette selbst, die sich in England allein mit den zwei Kindern als Französischlehrerin durchschlagen musste und die wahre Geschichte ihrer Ehe allen Angehörigen bis zum Schluss verschwiegen hat.

Die hartleibige Henriette reiht sich trefflich ein in die Galerie von extremen Müttern und Frauen, von denen Grill in ihren skurrilen und zutiefst sarkastischen Romanen immer wieder wahre Prachtexemplare darzustellen wusste. Zuletzt in „Das römische Licht“, in dem eine junge Künstlerin sehr lange zögert, ihre sterbende Mutter zu besuchen, von der sie sich zeitlebens vernachlässigt gefühlt hatte. Doch ganz anders als in den Vorgängerromanen ist die Tonalität im „Testament“ überaus zurückhaltend und beherrscht – bis hin zur stilistischen und inhaltlichen Konventionalität. Zu diesem Eindruck tragen besonders jene Passagen bei, in denen es um die Zeit des Nationalsozialismus geht.

„Im Bauch der Farce lauern die Tragödien“, hat Heiner Müller gesagt und zweifelsohne hat sich Evelyn Grill, die bislang eher Farcen auf die Romanbühne brachte, in diesem Fall aufgemacht, die Tragödie einer Familiengeschichte zu entwickeln. Doch leider nimmt dieser Roman erst in den letzten Kapiteln richtig an Fahrt auf, um sein volles Potenzial zu entfalten. Im Zentrum steht nun die Ehe von Ann und Ulrich, die trotz der langen, durch zahlreiche Liebesbriefe überbrückten Wartezeit für beide zur herben Enttäuschung wurde. Die verlorenen Illusionen wiegen schwer, besonders für Ulrich, der wegen des ersten Kindes seine beruflichen Ambitionen nicht voll ausleben konnte. Was Evelyn Grill hier an Einsichten in ganz normale menschliche Abgründe aufbietet, lässt einen so schnell nicht los. Man darf gespannt sein, welchen Stoff sich die Autorin als nächsten vornimmt, um Maß zu nehmen für das, was das Gelingen oder Scheitern eines Lebensentwurfs ausmachen könnte.

Judith Leister
3. Mai 2011

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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